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Goldbraune Hähnchen, Multi-Vereinsheim und Matthias Reim

Gasthaus Wienecke schließt am Sonntag Goldbraune Hähnchen, Multi-Vereinsheim und Matthias Reim

Angeblich sind sie die besten in der ganzen Region: Die goldbraunen, knusprigen Hähnchen aus der Dorfgaststätte Wienecke sind als Spezialität im Göttinger Raum bekannt.

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Schließt am Sonntag: das Gasthaus Wienecke.

Quelle: Hinzmann

„Die meisten unserer Gäste kommen aus dem Umland, viele von ihnen wegen den Hähnchen“, sagt Wirtin Dagmar Günther. Geduld ist bei der Bestellung gefragt, denn der halbe Hahn wird im Gasthaus Wienecke frisch zubereitet, das kann eine halbe Stunde dauern. Die kulinarische Köstlichkeit gibt es allerdings nur noch bis Sonntag. Dann nämlich schließt die Gaststätte.

Schon der Musiker Matthias Reim ist Fan gewesen. „Seine Familie kommt aus Diemarden und sie war öfter hier“, erinnert sich Günther. Ganz aufgeregt war ihre damals noch junge Tochter vor Reims Besuch: „Sie war hibbelig und saß zitternd am Tresen, als er zur Tür reinkam“, schmunzelt die 58-Jährige.

Sie betreibt die Gaststätte Wienecke seit elf Jahren, hilft dort aber schon seit Jahrzehnten aus. Dagmar Günther ist traurig, dass das Kapitel Dorfgaststätte Wienecke am Sonntag zu Ende geht. „Ich bekomme demnächst zwei neue Hüften und dann ist es gesundheitlich nicht mehr möglich, den Laden zu führen“, erklärt sie. Ein Käufer wird im Moment gesucht. „Vielleicht findet sich ja noch jemand, der die Gaststätte weiterbetreibt.“ Das hofft auch Ortsbürgermeister Manfred Kuhlmann: „Es ist ein Schlag für das Dorf, wenn das Gasthaus schließt.“ Ein Dorf-Treffpunkt falle weg, viele Alternativen gebe es nicht.

„Wir sind das Vereinsheim des Gesangsvereins, des Posaunenchors, des Waldrandorchesters und der Freiwilligen Feuerwehr Reinhausen“, sagt Günther mit etwas Stolz in der Stimme. Schnell fügt sie an, dass auch mehrere Skatrunden, Knobelklubs und der Sparverein regelmäßige Gäste sind. Die meisten Gäste kennt sie mit Namen. „Ich glaube, dass unsere Gaststätte so beliebt ist, weil es hier so familiär zugeht“, erklärt Günther. Es gebe kaum meckernde Gäste und die Stimmung sei immer freundlich.

In Reinhausen hat sich längst rumgesprochen, dass das Gasthaus schließt, viele Einwohner sind betrübt. „In den letzten Tagen haben viele Gäste ihr Bedauern ausgesprochen“, sagt Günther. Eine Frau hat trotz Fieber aus dem Krankenbett angerufen, um sich – wenn schon nicht vor Ort – persönlich zu verabschieden. „Das ist schon rührend und erinnert einen daran, wie viel Spaß diese Arbeit gemacht hat.“

Die Ständchen der verschiedenen Vereine als Abschiedsgruß freuten Günther besonders. „Wir haben auch Bilder und Blumensträuße bekommen.“ Sogar selbstgemachte Marmelade und selbstgebrannter Schnaps schenkten ihr die Gäste. „Das alles zeigt, wie sehr sie an dieser Gaststätte hängen. Wahrscheinlich genauso wie ich auch“, sagt Günther.

Sie hat viele Veränderungen des Gasthauses miterlebt und erinnert sich lebhaft: „Als meine Eltern hier angefangen haben, standen sie in der Küche noch auf Lehm und in der Gaststube lagen alte Dielen“, erinnert sich Günther. Die Innenausstattung der Gaststätte hat sich im Laufe der Jahre massiv verändert. Auch Wände und Decken sind immer wieder renoviert worden.

Wie das Ausstattung der Gaststätte haben sich die Kneipenkultur und Gästestruktur verändert. „Früher kamen die Männer häufig zum Frühschoppen oder abends auf ein paar Bier in die Gaststätte“, schwelgt Günther in Erinnerungen. Heute sei es so, dass Familienväter nach der Arbeit nach Hause gehen und bei der Familie blieben. Auch die Stammtischkultur ist selten geworden: „Früher gab es häufiger Runden, die sich jede Woche hier getroffen haben.“

Markant auch die Veränderung der Trinkgewohnheiten über die Jahre: „Im Moment trinken die Gäste am liebsten Obstbrände, vor Jahren war Kümmerling der Renner.“ Längst Geschichte, dass sich einst Kümmerlingkreise auf den Rundtischen überlappten. „Die Gäste sahen dann dementsprechend angeschlagen aus“, stellt Günther lachend fest.

In den vergangenen 45 Jahren war die Gaststätte nie länger als ein paar Tage geschlossen, selbst nicht, als das Hochwasser 1981 das Wienecke überschwemmte. „Das Wasser floss durch die Fenster vorne rein und hinten wieder raus“, erinnert sich Günther. Jede Menge Matsch und Schlamm habe es hinterlassen und auch das Mauerwerk sei in Mitleidenschaft gezogen worden. „Wir haben aber schnell sauber gemacht und neu gemauert. Die Gaststätte war nur ein paar Tage zu.“

Ein Höhepunkt-Ereignis fällt Günther nicht ein. Vielmehr sind ihr die täglichen Gespräche und lustigen Runden in Erinnerung geblieben. Eine besondere Aktion fällt ihr dann doch noch ein: Ihre Eltern stellten in der Gaststätte eine leere Fünf-Liter-Flasche auf, in die die Gäste Münzen stecken konnten. Am Ende wurde alles an die Aktion Sorgenkind gespendet. „Wie viel Geld genau das war, weiß ich allerdings nicht mehr“, merkt Günther an.
Mit dem Dorfgasthaus Wienecke verschwindet ein Wahrzeichen des Dorfes, vielleicht sogar der Kern. „Beim Waldstraßenfest beispielsweise spielt sich das Meiste auf dem Hof vor unserem Gasthaus ab“, weiß Günther.
Der große Abschied folgt an diesem Sonntag, 10. April: Um zehn Uhr morgens öffnet Dagmar Günther die Gaststätte. „Schon letzten Sonntag war es voll. Deswegen müssen auch alle mithelfen.“ Neben ihr und ihrem Mann werden auch die Kinder, Schwiegerkinder und Freunde verpflichtet, damit die Gäste nur kurz auf Getränke und Essen warten müssen.

Bis vor drei Jahren stand ihre Mutter noch in der Küche – und das mit fast 80 Jahren. „Sie hat immer noch fleißig Kartoffel geschält und Karotten geschrabbt“, sagt Dagmar Günther. Heute arbeitet die 83-jährige Ingrid Wienecke nicht mehr im Gasthaus.

Um wie viel Uhr Dagmar Günther die Türen endgültig schließt, hängt davon ab, wie lange die Gäste bleiben wollen. „Ich habe am Montagmorgen zwar einen Termin, aber das passt schon irgendwie“, lacht die 58-Jährige. Bei Wienecke ist der Gast noch König.

Von Michael Kerzel

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