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Große Sorge um noch mehr Spannung im Lager Friedland

„Ich gönne Flüchtlingen jeden Maiskolben“ Große Sorge um noch mehr Spannung im Lager Friedland

Ortsbürgermeister Wilfried Henze (CDU) hat es auf den Punkt gebracht: „Friedland hat 70 Jahre Willkommenskultur. Man kann die auch kaputt machen.“ Diese Sorge bestimmte die Bürgerinformation mit 300 Zuhörern am Dienstagabend in der Mehrzweckhalle. Das Maß drohe überzulaufen, so Henze. Es ist längst übergelaufen, so viele Bürger.

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300 Zuhörer bei der Bürgerinformation in der Mehrzweckhalle Friedland.

Quelle: Vetter

Friedland. Die von Gemeindebürgermeister Andreas Friedrichs (SPD) iniziierte und von Tageblatt-Redakteur Ulrich Schubert geschickt moderierte Diskussion spannte einen weiten Bogen von den aktuellen Zahlen des Lagerleiters Heinrich Hörnschemeyer (700 reguläre Plätze, 3500 Menschen, die aktuell im Lager leben  müssen), über Einschätzungen der Berliner Spitzenpolitiker Fritz Güntzler (CDU), Thomas Oppermann (SPD) und Jürgen Trittin (Grüne) bis hin zu heftiger Kritik betroffener Bürger an den Zuständen. Aber auch verständnisvolle Stimmen gab es. Sogar Angebote der Hilfe.

Gabriele von Auwers-Günther etwa reagierte auf die Bitte des Beratungs- und Aktions-Zentrums (Baz), dem die Räume gekündigt worden waren, mit dem Hinweis: „Warum nicht die Dörfer einbeziehen? Es gibt in Elkeshausen genug Räume, die man nutzen kann.“

Große Sorge haben die Fachleute, dass es mit zunehmend schlechter Witterung bei den Menschen im überfüllten Lager zu noch mehr Spannungen kommen könnte. Noch finde viel im Freien statt, in der Enge der Massenunterkünfte steige aber die Aggressivität.

Über die vielen Menschen, die auf Straßen, in Grünanlagen, oft in fremden Gärten lagern, herrscht aber jetzt schon Missstimmung. „Die plündern die Gärten, klauen Maiskolben. Ich habe keinen Apfel mehr auf dem Baum.“ Zwischenruf: „Mais ist bei uns Bioenergie. Ich gönne den Flüchtlingen jeden Maiskolben.“ Und überhaupt sollten wir uns schämen, zentnerweise Obst an den Straßenrändern verfaulen zu lassen.

„Wir wollen einfach nur wieder normale Zustände“, forderte der Ortsbürgermeister, „dann regt sich keiner mehr auf.“ Die Erklärungsversuche der Politiker, wie das gelingen könnte, stießen freilich auf Skepsis. „Wenn wir das immer schaffen und schaffen“, so spielte Bürgermeister Friedrichs auf ein Merkel-Wort an, „schieben die von hinten wieder nach.“ Niemand rechne nämlich mit abnehmenden Asylbewerberzahlen.

Während Güntzler forderte, Menschen, die Bleiberecht haben, müssten zügig integriert und so das Lager entlastet werden, widersprach Trittin: Man dürfe nicht vesprechen, was nicht zu halten sei. Denn die neue Bleibepflicht in den Erstaufnahmelagern werde gerade Friedland nicht ent-, sondern noch mehr belasten. Selbst Hörnschemeyer musste zugeben: „Wenn wir schneller sind, die Menschen also eher aus der Erstaufnahme in die Gemeinden gehen, verschiebt sich das Problem nur in Richtung Unterbringung in den Kommunen.“

„Friedland und Landkreis sind privilegiert“

Mit Buh-Rufen quittierten die Zuhörer einen Hinweis des Leiters der Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Detlef Schütte. Der hatte gesagt, Friedland und der Landkreis Göttingen hätten ja „das Glück, privilegiert und trainiert“ zu sein. Privilegiert, weil beide deutlich weniger Asylbewerbern eine Wohnung verschaffen müssen als andere Kommunen, weil ja das Erstaufnahmelager entlastend angerechnet werde. Trainiert, weil der Ort seit 70 Jahren Erfahrung mit der Aufnahme Fremder habe.

Die Bemerkung ist richtig, kam aber nicht gut an. Landrat Bernhard Reuter (SPD) hatte sie freilich zuvor schon bestätigt: Der Kreis hatte bisher keine Probleme, seine 370 Asylbewerber dezentral unterzubringen. Er werde das auch mit den 170 Flüchtlingen schaffen, die bis Januar noch zugewiesen werden.Was aber das Lager derzeit für den 1200-Seelen-Ort bedeutet, rechnete ein Zuhörer so vor: Bayern sei doch so stolz darauf, wie Zehntausenden in München aufgenommen wurden. Auf Friedland übertragen mit derzeit 3500 Asylbewerbern müssten in München schon drei Millionen Flüchtlinge ankommen, um das vergleichen zu können.

„Beschauen Frauen wie Museumsstücke“

Das Thema Präsenz der Polizei in Friedland nahm großen Raum in der Diskussion ein. Mehrere Bürger klagten, dass die Polizei nicht präsent genug sei, nicht schnell genug komme oder schwer erreichbar sei. Vor allem Frauen fürchteten sich, abends auf die Straße zu gehen. „Die beschauen Frauen wie Museumsstücke“, spielte eine Zuhörerin auf die überwiegend jungen Männer unter den Flüchtlingen an.

Eine junge Frau schilderte unter Tränen, dass sie auch schon von einem Flüchtling sexuell angegriffen worden sei. Axel Kerschnitzki, der Leiter der Polizeistation Groß Schneen, forderte daraufhin auf, solche Vorfälle unbedingt der Polizei zu melden. Denn die kenne aktuell einzig 37 Diebstahlsdelikte im örtlichen Edeka-Markt sowie sechs kleinere Straftaten durch Asylbewerber, darunter die Entwendung eines Bobbycars durch zwei Flüchtlingskinder, aber kein einziges Sexualdelikt.

„Normal sollte man keine Angst haben müssen“, sagte Thomas Oppermann dazu, „Hat man aber“, lautete ein Zwischenruf. Dann, so Oppermann, müsse die Polizei prüfen, ob mehr Polizeipräsenz nötig ist.

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