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Grünkohlessen der Landesvertretung in Brüssel

Legendäre Veranstaltung Grünkohlessen der Landesvertretung in Brüssel

Es ist dunkel auf dem Schützenplatz in Göttingen, kalt noch dazu, als der Busfahrer hilft, Koffer und Reisetaschen im Gepäckraum des Busses zu verstauen. Knapp 500 Kilometer Wegstrecke liegen vor den 16 Männern und zwei Frauen, die an diesem Morgen um 6.30 Uhr die Stufen ins Innere des Busses nehmen, ihre Wintermäntel in den Gepäckablagen verstauen, die Plätze einnehmen und Sitze in eine bequeme Position bringen. Schließlich liegen vor ihnen einige Stunden Fahrt, da wollen Vorkehrungen getroffen sein. Dann setzt sich der Bus in Bewegung. Das Ziel: Grünkohl. In Brüssel.

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Stephan Weil in Brüssel.

Quelle: Eckermann

Brüssel. Damit Politiker, Vertreter aus Verwaltung, Wirtschaft und Medien einen solchen Weg antreten, um an einem Abendessen teilzunehmen, braucht es schon mehr als nur Grünkohl. Schließlich gibt es das niedersächsische Traditionsgericht während der Saison auf jedem Wochenmarkt. Wenn überhaupt, sind Wege ins Restaurant oder - im Idealfall - zur Großmutter nötig. Aber auch nur dann, wenn Fähigkeiten oder Lust fehlen, da Wintergemüse selbst zuzubereiten.
Dass also 500 Kilometer zwischen Esser und Grünkohl liegen, dürfte eher die Ausnahme sein. Dass der niedersächsische Ministerpräsident der Gastgeber des Abendessens ist, allerdings ebenfalls. Ein einfaches Essen gewinnt eine ganz andere Bedeutung, wenn es sich um das Grünkohlessen der Landesvertretung in Brüssel handelt.

Als "legendäre Veranstaltung", bezeichnet Landrat Bernhard Reuter (SPD) gar das Abendessen Stephan Weils (SPD) am Sitz der Europäischen Union, zu dem mehrere Hundert geladene Gäste am Dienstag anreisen. Und er spricht von einer "guten Gelegenheit", die Landkreise Göttingen und Osterode in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken.

Als Botschafter des künftigen Landkreises Göttingen, als Repräsentanten der Region seien die Teilnehmer der Brüssel-Reise an diesem Tag unterwegs, schwört Reuter die Reisegesellschaft ein. Auch er sitzt an diesem Morgen im Bus nach Brüssel. Er nimmt in Kauf, sich im Jahr der Fusion zwei Tage aus den Geschäften zurückzuziehen, keine Termine wahrnehmen zu können, um an diesem Essen teilzunehmen. "Das ist ziemlich einmalig", sagt Reuter augenzwinkernd. Ebenso wie die Fusion selbst. Darin, so Reuter, liege auch der Grund der Einladung des Ministerpräsidenten an die Vertreter des künftigen Großkreises: Der einmalige Vorgang des freiwilligen Zusammenschlusses von Landkreis Göttingen und Landkreis Osterode in diesem Jahr begründe die Chance, sich beim Empfang präsentieren zu können. "Zwei Kommunen, die bereit sind, über den Tellerrand zu schauen, die Kirchtürme einzureißen und auch schmerzhafte Wege zu gehen" - das habe es in Niedersachsen und ganz Deutschland noch nicht gegeben, so Reuter. Da sei es naheliegend gewesen, die Einladung den Vertretern des zukünftigen Landkreises Göttingen zukommen zu lassen, so Reuter. Dann sei die Einladung der Staatskanzlei erfolgt. Und er habe keinen Moment gezögert.

Die Gelegenheit sei gut, Vorurteile aus dem Weg zu räumen, sagt Reuter. Den Südniedersachsen hänge da so ein Ruf an, so ein Vorurteil. Wenig innovativ seien sie und fürchterlich zerstritten. Alles nur Klischee, das weiß Reuter und das wissen auch seine Mitfahrer. Aber auch die EU-Vertreter in Brüssel sollten es wissen, so Reuter. Dafür fahren er und die übrigen Mitfahrer gern einmal ein paar Stunden Bus. "Der Südniedersachsenplan gibt uns die Chance, die vormals abgehängte Region voranzubringen", platziert Reuter eines der Themen des Tages und des Abends.

"Es geht auch um andere Fördertöpfe", bringt er ein Weiteres an und nennt ein Beispiel für eine erfolgreiche Kaffeepausenverhandlung: Damals sei es ein Gespräch mit einem Mitarbeiter im Ministerium gewesen, das ihm den Weg zum Bau der Bundesstraße 243n geebnet habe, der Trasse zwischen Bad Lauterberg und Nordhausen, die nach der Grenzöffnung die plötzlich aufkommende Schwerlastflut von den überlasteten Ortsdurchfahrten wegleiten sollte. "Ein unlösbares Problem" zu dieser Zeit, so Reuter.

"Wenn Sie die Chance haben, suchen Sie jemanden Starkes, der das Thema mit nach Brüssel nimmt", habe ihm der Ministeriums-Mitarbeiter während besagter Kaffeepause geraten, nachdem zuvor zahllose Konferenzen und Gespräche erfolglos verlaufen seien, berichtet der Landrat. Er suchte. Und fand einen Unterstützer in Sigmar Gabriel, der das Thema platzierte. In Brüssel. Heute gibt es die unmögliche Straße, die B243n, dank eines informellen Treffens.
Beiläufig die große Themen ansprechen, diese Gelegenheit nutzt Reuter nach der Ankunft in Belgien am Mittag beim Essen mit Weil und Pressevertretern. Bestimmend hier, wie derzeit nahezu überall, die Flüchtlingsfrage.

Weil macht deutlich, dass die Unterbringung, das Vermeiden von Obdachlosigkeit, eine "Riesenaufgabe" gewesen sei, nichts aber im Vergleich zu dem, was auf Europa, auf Deutschland und auf die Kommunen zukomme. Zugleich müsse die Frage geklärt werden, was Europa und Deutschland tun könnten, um Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu mindern - um damit die Flucht nach Europa einzudämmen.

Platz finden auch regionale Themen wie der Südniedersachsenplan, für den Weil eine Aufstockung nicht ausschließen will. Welches die Maximalsumme sei - darauf legte er sich nicht fest. In den vergangenen Jahren standen Forderung von bis zu 250 Millionen Euro im Raum, die allerdings nicht allein aus Fördertöpfen geschöpft werden können, sondern auch durch Kofinanzierungen durch Kommunen und Wirtschaft. Eine Dreistelligkeit des Millionen-Betrages im Förderzeitraum sei durchaus denkbar, die Projekte könnten auch über die eigentliche Förderperiode hinweg laufen. "Am Ende könnten es mehr als 100 Millionen Euro sein."

Eine weitere positive Entwicklung seit dem Start des Programms nennt Stefan Wenzel, Grünen-Landtagsabgeordneter: Es werde vermehrt an Ideen und Projekten gearbeitet. "Gute Projekte holen sich ihr Geld", sagt er und trat damit einer Maximalförderung ebenfalls entgegen. Staatssekretärin Birgit Honé ergänzt, die Förderung sei zudem nicht immer nur aus europäischen Mitteln möglich, sondern auch aus Bundestöpfen. Spätestens durch die Kofinanzierung sei die Begrenzung der Fördersumme nicht mehr gegeben. Auch Reuter teile die Kritik, die teils in Südniedersachsen laut geworden sei, nicht. In erster Linie halte er sie für deutlich verfrüht, sagt er. "Wir sind nicht einmal im Jahr Null", sagt er. Wie viele Projekte am Ende umgesetzt würden, zeige sich, wenn abgerechnet werde.

Schon jetzt seien Erfolge zu sehen, auch wenn nicht immer EU-Gelder geflossen seien. Als Beispiele nennt er den Gesundheits-Campus oder den Innovations-Campus. Den großen Fortschritt, sagt er, sehe er im neu entstandenen Kooperationswillen, "der verbindet uns als Gebietskörperschaft. Es fällt uns damit leichter über den Tellerrand hinwegzusehen."

So soll es auch am Abend sein, beim "Grünkohlempfang" der Landesvertretung, der, so Weil neben dem Oktoberfest der bayerischen Landesregierung einen besonders großen "kulturellen Fußabdruck" hinterlasse - auch personell, wie die Teilnehmerzahl am Dienstag zeige. 375 Anmeldungen bis zum Mittag, 400 würden es wohl schließlich, so Weil: "Das ist ein neuer Rekord." Viele von ihnen kämen jährlich aus Niedersachsen, erklärt der Ministerpräsident. Viele aber eben auch aus Belgien, was den Austausch besonders ergiebig mache. Dieses Jahr habe eine besondere Region die Chance, sich zu präsentieren, so Weil, der damit auf die anstehende Fusion abhebt. "Der europäische Einigungsprozess ist in den Landkreisen reflektiert", scherzt er.

Mit Gastredner Rolf-Dieter Krause, Leiter des ARD-Studios Brüssel, sei zudem ein weiterer Niedersachse an Bord, der nicht allein durch seine Herkunft bereits Sympathiepunkte bei ihm gewonnen habe, sondern vor allem dadurch, dass er sich bereits seit rund einem Vierteljahrhundert mit Europapolitik beschäftige.

Ebenfalls alte Hasen im Geschäft sind Wolf Blumenstein und Tanja Struve, die die Delegation über die Arbeit der Landesvertretung der Europäischen Union und die des Deutschen Landkreistages informieren. Beide stellen Scharniere zwischen Landkreisen beziehungsweise Landesregierung und Europäischer Union dar, erfahren die Südniedersachsen. Organisation, Ziele und Aufgaben sowie Informationen über Förderprogramme stehen im Mittelpunkt. Aber auch ganz konkrete Fragen über aktuelle Entwicklungen im Breitbandausbau, TTIP oder der Flüchtlingsintegration werden besprochen - und aufgeräumt mit Mythen wie der Mär um den Krümmungsgrad von Gurken. Nicht etwa die EU habe dazu den Vorstoß geleistet, sondern - dabei gingen die Meinungen auseinander wahlweise die Bauernlobby oder der Einzelhandel, der damit ein Transportproblem habe lösen wollen.

A propos Bauern: Von niedersächsischen Feldern stammt die Attraktion des Abends, die im Anschluss an launige Grußworte von Weil, Krause und Reuter. Grünkohl gebe Kraft in schwierigen Situationen, erklärte Weil überzeugend. In der aktuellen europäischen Situation eine besonders wichtige Eigenschaft des "Gemüses mit Migrationshintergrund". Auch der Grünkohl sei vor wohl Tausenden von Jahren "ohne staatliche Erlaubnis" nach Europa gekommen. "Heute meint jedermann, es sei die niedersächsische Palme." Also: Ein Beispiel gelungener Integration, so Weil.

Einige Worte über "das Gemüse, das uns alle heute vereint", verliert auch Krause. Selbstironisch führt er die Wahl auf ihn als Tischredner auf seine - kaum bis nicht vorhandene - Haarpracht zurück. Oder brachte ihn doch schlicht der Zufall des Familiennamens ans Mikrofon? Klärung darüber gibt es an diesem Abend nicht, dafür aber einen Redner, der voller stolz über das Gemüse mit dem Beinamen "Krauskohl" spricht. Erläuterungen über den Wortursprung einer der Beilagen, des Pinkels, spare er sich in Anwesenheit von Damen lieber, so Krause. Er lobte die Internationalität des Gemüses, das dank eines Hypes in New York zu neuer Beliebtheit gefunden habe. Und erst die "nahezu kalorienfreien Beilagen...", schwärmt er.

Einen Nachschlag hat Reuter für die Gäste des Abends im Gepäck: Ein Andenken an das "gallische Dorf" Südniedersachsen. Dort nämlich liege das Eichsfeld. Und dort sei es gelungen, eine Ausnahmeregelung für die Herstellung der legendären Mettwurst zu erhalten. Nämlich die Kaltverarbeitung. Kenner bemerken den Versprecher sofort: "Warm", tönt es aus einer der hinteren Reihen - und von diesem Moment an sollte die Eichsfelder Spezialität jedem im Gedächtnis bleiben. Für die Flexibilität dankt Reuter den Entscheidern in Brüssel, für seine Unterstützung bei der Umsetzung der Fusion Weil: Er habe einen wichtigen Anreiz gesetzt. Jetzt habe der Landrat ein Ziel: In zehn Jahren soll Südniedersachsen zu den wachstumsstärktsten Regionen Deutschlands zählen.

Die Gespräche des Abends, den Dietmar Wischmeyer mit einem Auftritt als "Günther,  der Treckerfahrer" auflockerte, könnten dazu beigetragen. Schon hätte sich die stundenlange Busfahrt gelohnt.

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