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Habicht wird in Obernfeld zum Problem

Thema des Tages Habicht wird in Obernfeld zum Problem

Die Taube ist eine der ältesten domestizierten Tierrassen. Bereits zur Zeit der Pharaonen wurden die Vögel als Boten eingesetzt. Seit dem 19. Jahrhundert richten Züchter Preisflüge mit den Tieren aus. Die Flüge werden für die Tauben jedoch immer riskanter, beklagen die Züchter. Grund sei eine Überpopulation des geschützten Habichts.

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Quelle: dpa

Obernfeld. Gregor Döring ist besorgt. Mit beklommenem Blick steht er in seinem Taubenschlag und streichelt seine schneeweiße Lieblingstaube Roberta-Marie zärtlich. Zu seinen Füßen gurren rund 30 weitere weibliche Brieftauben. Aus der benachbarten Voliere sind ihre männliche Pendants zu hören. Der 56-jährige Obernfelder lebt für seine Tiere. Die Wohnung ist verziert mit Tauben-Postern, an der Küchenwand hängt ein von Kindern gemaltes Bild mit lauter grau-weißen Vögeln darauf. Es ist überschrieben mit „Gregors Tauben“. Doch Döring hat Angst, dass sie bald nicht mehr fliegen werden.

Karl-Heinz Koch

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„14 Jung- und sieben meiner Altvögel sind im vergangenen Jahr getötet worden“, sagt der Eichsfelder mit bebender Stimme. Vom Habicht geschlagen, mutmaßt er. „Ich habe direkt vor meinem Haus beobachtet, wie meine Tiere von diesem imposanten Greifvogel gefangen worden. Teilweise stürzen sich bis zu drei Greife auf einen Schwarm“, so Döring, der mit 15 Jahren mit der Zucht angefangen hat. Besonders schlimm sei es, wenn die ausgehungerten Habicht-Weibchen nach der Brutzeit wieder auf Jagd gehen und deren Jungen im Herbst ihre erste Jagderfahrungen sammeln. „Dann dürften wir die Tauben eigentlich gar nicht mehr aus der Voliere lassen. Sie müssen aber fliegen.“ Maßnahmen wie eine Rundumleuchte über dem Taubenschlag würden die Raubvögel nur geringfügig abschrecken.

Um seine Aussagen zu untermauern, hat sich Döring Unterstützung eingeladen. Karl-Heinz Koch, Vertrauensmann für zugeflogene Brieftauben bei Nicht-Züchtern, spricht aus Erfahrung: „Ich habe in der vorigen Saison 22 Tauben durch Angriffe verloren. Und diese Zahl ist niedrig, verglichen mit den Verlusten, die andere Züchter beklagen.“ Über 1000 Brieftauben werden deutschlandweit an jedem Preisflug-Sonntag von Habichten und Wanderfalken geschlagen, informiert der Mingeröder. Seine Aussagen könne er belegen, versichert der 66-Jährige. Unter einem Habicht-Horst in Uder seien 80 Brieftaubenringe gefunden worden, unter einem bei Steinbach gar 120. „Doch das wird vom Naturschutzbund verschwiegen“, beklagt Koch.

Der Habicht ist der Vogel des Jahres 2015 und darf wie alle Greifvögel in Deutschland aufgrund einer ganzjährigen Schonzeit nicht gejagt werden. Die beiden Züchter fordern jedoch eine Lockerung dieser Schonzeit. „Die Population hat überhand genommen. Es besteht kein Gleichgewicht mehr, und weil es kaum noch natürliche Beutetiere wie Hasen oder Rebhühner gibt, schnappt sich der Habicht unsere Brieftauben“, erklärt Döring. Die sind leichte Beute, denn im Gegensatz zu Stadttauben, die sich bei einem Angriff ähnlich wie Fische zu einem Pulk zusammenrotten, spaltet sich ein Brieftauben-Schwarm. Ein Kinderspiel für Habichte oder die faszinierenden Wanderfalken, die mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 320 Stundenkilometern auf ihre Beute herabschießen.

Bei ihrer Forderung ist Döring und Koch eines besonders wichtig: „Wir sind keine Greifvogel-Hasser. Es wäre das Letzte, diese fantastischen Tiere auszurotten. Ich habe große Freude daran, sie fliegen zu sehen. Nur eben nicht, wenn sie meine Tauben töten“, bemerkt Döring. Dass Naturschützer Taubenzüchtern vorwerfen, Greifvögel illegal zu jagen, sei daher eine unverschämte Unterstellung. „Wir sind keine Menschen zweiter Klasse und nicht bereit, dass unsere edlen Tiere von einer völlig außer den Fugen geratenen Zahl von Greifvögeln getötet werden“, beschwert sich Döring. Und Koch ergänzt enttäuscht: „Vermutlich wird sich nichts ändern. Es wird damit enden, dass viele von uns frustriert mit der Zucht aufgeben werden.“

Von Rupert Fabig

Sorgt sich nicht nur um seine weiße Lieblingstaube Roberta-Marie: der Obernfelder Züchter Gregor Döring. Schauenberg

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Taubensport: Die Rennpferde des kleinen Mannes

Die Geschichte des Brieftaubensports in Deutschland geht noch weiter zurück als die des 130 Jahre  des  Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter. 1834 gründeten Züchter um Adolf Zurhelle in Aachen den Verein „La Colombe“ (die Taube). Schon bald wurden erste Wettkämpfe ausgetragen, deren Ablauf sich damals nur geringfügig vom heutigen unterschieden hat.

Bei einem sogenannten Preisfliegen werden die Tauben der Züchter zu einem zwischen 100 und 1000 Kilometer entfernten Auflassplatz transportiert. Von dort aus treten sie den Flug zum heimischen Taubenschlag an. Die Ankunftszeiten der Tiere werden mithilfe eines elektronischen Konstatiersystems gemessen. Um den Sieger zu ermitteln, werden die Daten anschließend zur Auswertung und Erstellung einer Ergebnisliste, in der sich ein Drittel der eingesetzten Vögel platzieren, an ein Rechenzentrum übergeben. Bis zu 14 Preisflüge werden in einer Saison absolviert. Der amtierende Deutsche Meister kommt übrigens aus dem benachbarten Wingerode im thüringischen Teil des Eichsfelds.
Den Weltrekordlern unter den Rennpferden des kleinen Mannes gelingt es, bis zu 1400 Kilometer zu überwinden. Die Durchschnittsgeschwindigkeit einer erwachsenen, trainierten Brieftaube beträgt bei guten Witterungsbedingungen 100 Kilometer pro Stunde.

Mutterland des Brieftaubensports ist Belgien. In Deutschland ist vor allem das Ruhrgebiet eine Hochburg für Züchter. Unter dem Dach des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter organisieren sich die Vereine zu Reisevereinigungen. Der Regionalverband Süd-Niedersachsen, zu dem Göttingen und das Eichsfeld gehören, zählt acht Reisevereinigungen mit 88 Vereinen. fab

Hans-Heinrich Dörrie

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„Bestände müssen unbedingt geschützt bleiben“

Nachgefragt... bei Hans-Heinrich Dörrie , Ornithologe und Naturschützer aus Göttingen sowie Autor des Buches „Göttingens gefiederte Mitbürger“.

Was beinhaltet das Gesetz zur ganzjährigen Schonzeit von Greifvögeln?
Alle Greifvögel sind streng geschützt, dürfen nicht geschossen und gefangen werden. Allerdings existieren Ausnahmeregelungen für den Habicht. Bei Wiederansiedlungsprojekten, beispielsweise für das Birkhuhn, werden sie gefangen, anderswo wieder ausgesetzt oder in die Obhut von Falknern gegeben. Außerdem dürfen Falkner mit entsprechender Genehmigung junge Habichte aus den Nestern nehmen und abrichten. Das halte ich allerdings für anachronistisch und bedenklich.

Was war in den 1970er-Jahren ausschlaggebend für eine ganzjährige Schonzeit?
Die Greifvogel-Bestände waren damals stark dezimiert. Das war die Folge des inzwischen verbotenen Insektizids DDT sowie der massiven Verfolgung durch den Menschen. Vor allem Taubenzüchter waren dafür verantwortlich, dass der Wanderfalke ab den 1950er-Jahren in Südniedersachsen als ausgerottet galt.
Haben sich die Bestände mittlerweile erholt?
Ja, die Greifvogel-Populationen sind wieder angewachsen. Auch der Wanderfalke ist zurückgekehrt.
Ist das Jagdverbot dann noch zeitgemäß?
Absolut. Die Bestände müssen unbedingt geschützt bleiben. Wenn sich Taubenzüchter beschweren, kann ich nur antworten, dass es nicht angehen kann, dass wildlebende, streng geschützte Arten einem nicht sonderlich weitverbreiteten Hobby zum Opfer fallen.

Stellen Habichte eine große Gefahr für Brieftauben dar?
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich Habicht, Wanderfalke oder Sperber-Weibchen ab und zu eine Brieftaube schnappen. Das sind dann in der Regel ohnehin die schwachen Tiere, die den Beutegreifern in einem Schwarm sofort auffallen. Wesentlich größer sind die Verluste bei diesem aus Tierschutzsicht fragwürdigen Sport, wenn eine Gewitterfront die Tauben erwischt. Zwischen 30 und 50 Prozent der Tiere kommen dann gar nicht mehr zu Hause an. 

Welche Maßnahmen können Sie Taubenzüchtern empfehlen, um ihre Tiere vor Greifvögeln zu schützen?
Gut geschützte Volieren haben sich bewährt. Außerdem ist das Ausflugverbot von Brieftauben während der Saatzeit eine indirekte Schutzmaßnahme.
Sind Volieren artgerecht?
Wahrscheinlich nicht. Aber was ist bei diesem Sport schon artgerecht? Die Täuberiche werden sexuell künstlich stimuliert, um so schnell wie möglich wieder nach Hause in den Schlag zu fliegen. Die Verantwortung der Züchter für verletzte oder desorientierte Vögel hält sich nach meiner Erfahrung in Grenzen. Ich habe mehrfach erlebt, dass havarierte Tauben, auch aus fremden Schlägen, nicht mehr von ihnen angenommen werden, weil sie unnütze „Verlierer“ sind.

Gibt es in Göttingen ein Problem mit Stadttauben?
Das ist mir nicht bekannt. Es gibt im Göttinger Kerngebiet keine signifikante Zunahme der Stadttauben und daher keine Erfordernis, sie zu dezimieren. Außerdem gehören die Stadttauben zu Göttingen wie das Gänseliesel und neuerdings Oberbürgermeister Köhler.

 Interview: Rupert Fabig

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