Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Häusliche Gewalt: Jedes Jahr 100 Fälle mehr

„Wer schlägt, muss gehen“ Häusliche Gewalt: Jedes Jahr 100 Fälle mehr

Meist sind es Männer, die zuschlagen. Oft sind Alkohol oder andere Drogen im Spiel. Nicht selten werden ganze Familien traumatisiert. Die Fälle von häuslicher Gewalt nehmen zu – auch in Göttingen.

Allein im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen (Stadt und Altkreis) wurden im vergangenen Jahr knapp 700 Straftaten in diesem Kontext gezählt. Das sind etwa 100 mehr als im Jahr 2008. Dieser Anstieg der Fallzahlen in Hunderter-Schritten scheint sich auch in diesem Jahr fortzusetzen, wie Annegret Kortleben, Chefin des Ersten Kommissariates, berichtet. Bis Ende Juni wurden bereits 410 Fälle gezählt, bis Ende 2010 dürften es also um die 800 sein. Wie kommen diese beträchtlichen Steigerungsraten zustande? Verroht die Gesellschaft immer mehr?

Kortleben verneint das. Vielmehr führt sie ein verändertes Gewaltschutzgesetz als Grund an. Das sorge seit dem Jahr 2002 dafür, dass immer mehr Fälle aus dem häuslichen Dunkelfeld ans Licht kommen würden. Es gebe eine sehr gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und Hilfsorganisationen. Dadurch sei es gelungen, „die Entschlossenheit des staatlichen Handelns und deren Effektivität in großen Teilen unserer Bevölkerung bekannt zu machen“. Dies führe „zu einer viel größeren Bereitschaft, Hilfe zu holen oder sich helfen zu lassen“, so Kortleben. Das bedeutet also: Früher gab es häusliche Gewalt ebenso wie sie es heute gibt. Es trauen sich aber immer mehr Opfer, sich zu wehren. Angesichts der kontinuierlich steigenden Fallzahlen scheint aber auch klar: Ein Dunkelfeld gibt es weiterhin.

Dabei gilt der Grundsatz nach wie vor, dass häusliche Gewalt in allen gesellschaftlichen Schichten vorkommt. In Göttingen habe man jedoch durchaus Besonderheiten festgestellt, erklärt Kortleben. „Dort wo beengt gelebt wird, größere materielle Sorgen vorhanden sind oder wo das Rollenverständnis die Unterdrückung einer Person vorgibt, wird häusliche Gewalt häufiger nach außen sichtbar.“ Eines lasse sich dabei in jedem Fall feststellen: „Wir sind signifikant häufiger in einfachen Verhältnissen.“

Wie sich häusliche Gewalt äußern kann, dazu gibt die Chefin des Ersten Kommissariates drei typische Beispiele.
• Der Ehemann schlägt alkoholisiert im Streit seine Frau, woraufhin sie verängstigt die Polizei ruft. Der Mann ist so aggressiv, dass er der Wohnung verwiesen wird. Die Frau trennt sich von ihrem Mann oder das Paar versöhnt sich. Beides kommt gleichermaßen vor.
• Ein junges Pärchen streitet sich, beide schlagen gegenseitig auf sich ein. Die Polizei wird eingeschaltet. Junge Frauen schlagen laut Kortleben häufiger ihre Partner als ältere. Allgemein geschätzt beträgt aber das Verhältnis von männlichen und weiblichen Opfern eins zu fünf.

• Die Frau trennt sich von ihrem Partner, es gibt gemeinsame Kinder. Der Mann akzeptiert die Trennung nicht, beleidigt und bedroht die Frau.
Die Entscheidung, ob wie im ersten Fall ein Täter der Wohnung verwiesen wird, entscheiden die Beamten vor Ort. „Stellen sie fest, dass für das oder die Opfer eine gegenwärtige, erhebliche Gefahr durch den Aggressor besteht, müssen sie handeln“, erklärt Kortleben. Dafür gebe es Kriterien und Schulungen. Grundsätzlich gelte: „Wer schlägt, muss gehen.“

Wenn Täter aus der Wohnung verwiesen werden, können sie in der Regel hingehen, wo sie wollen. Viele ziehen vorübergehend zu ihren Eltern oder Verwandten. In vielen Fällen, sagt Kortleben, kämen die Einsicht und auch echte Reue und der Wunsch, eine Veränderung zum Positiven einzuleiten. Werde der Platzverweis nicht beachtet, könne allerdings auch schnell eine Ingewahrsamnahme folgen. Das sei aber nur selten der Fall.
Und die Opfer? Die werden bereits von der Polizei auf Hilfsorganisationen hingewiesen. In Göttingen nehme hierbei der Frauennotruf eine Schlüsselstellung ein, sagt Kortleben. Der Frauennotruf werde per Fax über jeden Fall von häuslicher Gewalt informiert und gehe aktiv auf die Opfer zu, um sie zu beraten. Nur mit diesem Angebot würden es einige überhaupt schaffen, ihre Angst zu überwinden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Göttingen
Martin Sonneborn in Göttingen

Martin Sonneborn in Göttingen - Antrag zur Namensänderung von Göttingen