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Häusliche Gewalt: Zwei Taten jeden Tag

Thema des Tages Häusliche Gewalt: Zwei Taten jeden Tag

Jeden Tag werden allein im Bereich der Polizeiinspektion Göttingen zwei Frauen Opfer von häuslicher Gewalt. Überall wird zugeschlagen: im Wohnblock, in der Villa, auf dem Land. Wer schlägt muss gehen, das ist die Devise der Polizei. Doch das ist nicht immer leicht, wissen die Beraterinnen vom Göttinger Frauennotruf.

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Quelle: Hinzmann (Symbolbild)

Sie sind alt, sie sind jung, sie leben im Wohnblock, auf dem Dorf oder in einer Göttinger Villa: Menschen, die ihren Partnern oder Familien Gewalt antun. Rund 600 Fälle bearbeitet das Erste Fachkommissariat der Polizeiinspektion Göttingen pro Jahr – das sind jeden Tag zwei Taten.

 
Seit 2002 gilt in Deutschland das Gewaltschutzgesetz. Vorher gab es kaum eine strafrechtliche Grundlage, gegen die Täter einzuschreiten. Was hinter verschlossenen Türen geschah galt vielfach als Privatsache. „Familienstreitigkeiten waren bis dahin nur eine zivilrechtliche Angelegenheit“, sagt Anne Kortleben, Leiterin des Ersten Fachkommissariates (FK). Dabei seien es „im hohen Maße“ Partner oder Ex-Partner, wenn Frauen Opfer eines Gewaltdeliktes werden – bei Tötungsdelikten sind es rund 70 Prozent der Täter. „Man liebt sich, man liebte sich oder einer ist verliebt“, so beschreibt die Frau von der Kripo die Motive.

 
Nachdem das Gesetz eingeführt wurde, ging die Zahl der angezeigten Fälle von häuslicher Gewalt zunächst steil nach oben, von etwa 200 auf rund 800 Taten, die die Göttinger Polizei pro Jahr betreuen musste. In den vergangenen Jahren pendelte sich die Zahl auf etwa 600 Fälle ein. „Heute ist in der Gesellschaft klar, dass Schlagen eine Straftat ist“, so Kortleben. Und weiter: „Ganz klar ist das aber auch eine Erhellung der Dunkelziffer“. Der Rückgang von 800 auf 600 lasse sich auch darauf zurück führen, dass Beratungsangebote früher in Anspruch genommen und Gewalttaten dadurch verhindert werden.

 
„Häusliche Gewalt findet überall statt“, sagt die Ermittlerin. Allerdings: In den höheren Bildungsschichten in geringerem Ausmaß als dort, wo beispielsweise gemeinsam auf engem Raum zusammengelebt wird. Dort habe man einfach weniger Möglichkeiten, einem Streit aus dem Wege zu gehen. Alkohol und Drogen spielen laut Kortleben zudem eine Rolle. Häusliche Gewalt bricht dort aus, „wo Dampf auf dem Kessel ist“.

 
In einem Viertel der Fälle erstatten Männer Anzeige. Meistens aber, so Kortleben, resultieren diese Anzeigen aus Gegenanzeigen innerhalb eines Streites. Dass Männer alleine eine häusliche Gewalttat anzeigen, sei selten. „Das sind Einzelfälle“, so die Polizistin. Was steigt, sind laut Kortleben die Fälle von Misshandlungen von Frauen mit Migrationshintergrund.

 
Wenn die Polizei in eine Wohnung gerufen wird, ist meist viel psychologisches Geschick gefragt. Die Beamten müssen die streitenden Parteien trennen, feststellen, ob oder wem Gewalt angetan wurde. „In mindestens jedem vierten Fall wird ein Platzverweis für den Täter verhängt,“ sagt Kortleben. Zehn Tage dauert ein solcher Bann in der Regel. In dieser Zeit darf sich der Täter nicht der Wohnung des Opfers nähern.  Bei andauernder Gefahr hat das Opfer in dieser Zeit Gelegenheit, bei Gericht eine Anordnung zu erwirken, also gerichtlich einen Bann verhängen zu lassen.

 
Das Amtsgericht Göttingen hat im Jahr 2015 bislang 35 Gewaltschutzverfahren eingeleitet. „In den allermeisten Fällen ergeht dann auch eine Anordnung“, sagt Stefan Scherrer, Sprecher des Göttinger Amtsgerichtes. Eine solche Anordnung bedeutet in der Regel, dass sich der  Mann der Frau nicht nähern darf, sowohl räumlich als auch per Telefon, Mail oder ähnlichem.

 
„Wer schlägt muss gehen“, sagt Kortleben. Nimmt die Polizei einen Fall von Gewalt auf, wird er in geänderter Version auch dem Frauennotruf gemeldet. Sind Kinder involviert, ergeht zugleich Meldung an das Jugendamt. Nur wenige Kandidaten bleiben länger im Fokus der Kripo. Bei den meisten, so Kortleben, stelle sich früher oder später ein Bewusstseinsprozess ein. Wenn die Polizei Kenntnis von häuslicher Gewalt hat, helfe sie massiv. Auf ein Ergebnis ist die Ermittlerin schon ein bisschen stolz: In den rund 8000 Fällen, von häuslicher Gewalt, die unter dem neuen Gewaltschutzgesetz in Göttingen behandelt wurden, ist es nach Eingreifen der Polizei noch nie zu einer gefährlichen Eskalation der Gewalt gekommen.

 

Vom Märchenprinz zum Giftmischer

 

„Warum gehen die Frauen nicht einfach?“ Diese Frage kennt Claudia Meise. Doch so einfach ist das Leben nicht. Schon gar nicht, wenn es um Abhängigkeiten, Unterdrückung, Schläge, psychische- und sexuelle Gewalt in den eigenen vier Wänden geht. Meise ist Beraterin beim Frauennotruf in Göttingen. Seit 23 Jahren steht sie Opfern mit Rat und Tat zur Seite. Und sie kennt viele Geschichten, die hinter den sichtbaren Verletzungen und den oft Jahrzehnte dauernden Martyrien stecken. „Meine älteste Klientin war 80 Jahre alt. Sie kam und sagte, dass sie ihre goldene Hochzeit nicht mehr mit diesem Kerl verbringen will“, so Meise.

 
Die meisten Frauen, die die Hilfe des Frauennotrufs suchen, sind zwischen 22 und 40 Jahren alt. Die einen kommen nur ein paar Mal, die anderen bleiben länger in der Beratung. Rund 550 Fälle sind es pro Jahr. Darunter: 148 Opfer von Vergewaltigungen oder anderen traumatischen Taten, die länger in der Beratung bleiben. Etwa 120 Frauen kommen jährlich selbsttätig in die Beratungsstelle, die anderen werden nach Vorfällen von der Polizei gemeldet. Etwa ein Drittel der Frauen stammt aus Familien mit Migrationshintergrund. Das Team vom Frauennotruf hält Briefe und Informationen in 17 Sprachen bereit.

 
Warum aber fällt es Frauen, die zuhause misshandelt werden, so schwer, zu gehen? „Wenn ich mit viel Mühe eine Job gefunden habe, die Kinder in Kita oder Schule untergebracht sind, dann ist das nicht so leicht“, sagt Meise. Oft sind die Frauen finanziell völlig von ihrem Peiniger abhängig. Wer dann beispielsweise mit zwei Kindern den Schläger verlassen will, der muss oft erst einmal von Hartz IV statt im schicken Eigenheim leben. „Die Frauen wollen oftmals nicht, dass sie das ihren Kindern zumuten müssen und ihnen nichts mehr bieten können“. Viele Frauen können sich den Ausstieg einfach nicht leisten. „Oftmals hat der Mann die alleinige Verfügung über das Geld – auch das ist Gewalt“, sagt Meise. Denn: Gewalt fängt oftmals an, lange bevor sie sichtbar wird. Eine Frau, Mitte 30, so erzählt Meise, habe erst in der Beratung gelernt, wie man ein eignes Konto führt. Mehr als eineinhalb Jahre lang hat sie sich beraten lassen und im Geheimen geplant, wie sie den gewalttätigen Mann verlassen kann.

 
Beim Frauennotruf erhalten die Opfer zunächst Informationen, welche Möglichkeiten es für sie gibt. Dann folgt die sogenannte Sicherheitsplanung –  vom Platzverweis des Schlägers bis zur familiengerichtlichen Schutzanordnung. Das Gewaltschutzgesetz sieht vor, dass der Täter die gemeinsame Wohnung oder das Haus verlassen muss. Kommt er nicht bei Freunden oder in einer Pension unter, steht ein Platz bei der  Heilsarmee zur Verfügung.

 
Meise spricht von zwei Kategorien von Tätern. „Die einen wollen nichts mit der Polizei zu tun haben.Bei denen greifen Maßnahmen wie ein Platzverweis in der Regel sehr gut.“ Die andereren,  das seinen die Täter, die bereits Probleme mit der Polizei hatten, in deren Leben Waffen, Drogen, Alkohol und immer wieder Gewalt eine große Rolle spielen. „Diese Männer machen oft weiter“ – bis hin zu Morddrohungen und Mord. „Es gibt Todesfälle und schwerste Verletzungen“, so Meise.

 
Ein großer Risikofaktor für massive Gewalttaten sei es, wenn Männer keine Struktur mehr in ihrem Leben haben, keinen Job, keine Freunde, sie fast ausschließlich auf die Frau fixiert sind. Stalking, Überwachung, Schuldzuweisungen und vor allem extreme Kontrolle sind Alarmzeichen. Meise nennt das die Wandlung „vom Märchenprinzen zum Giftmischer“.  

 
„Manchmal kommt es soweit, dass die Frauen irgendwann die Wahrnehmung des Täters übernehmen.“ Eine Frau, die jahrelang misshandelt wurde, war kaum von dem Gedanken abzubringen, dass sie es nicht besser verdient habe, erzählt die Beraterin.

 
Es gibt die Frauen, die nach dem ersten Schlag gehen. Aber: Oft ist das ein langer Weg. Ein Erfolg sei es schon, wenn eine Frau sich traut, den Weg in die Beratungsstelle anzutreten.

 
„Man kann einen Menschen nicht ändern, nur er selbst kann sich ändern“, so Meise. Was sie erreichen möchte ist, dass sie die Frauen in den Beratungen so stärkt, dass sie die für sich richtige Entscheidung treffen. Wenn die Kette aus Beratung, Folgemaßnahmen und Unterstützungen greift, kann meistens schlimmeres verhindert werden. Aber: „Eine hundertprozentige Sicherheit, die gibt es nicht.“ bib

 

Hilfe für Frauen in Not
Seit 2006 wurde das Beratungsnetz für misshandelte und von Gewalt betroffene Frauen in Niedersachsen entscheidend ausgebaut. 37 Beratungs- und Interventionsstellen  – genannt „BISS“ – unterstützen Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. So auch der Frauennotruf Göttingen. Frauen finden dort Hilfe zur Umsetzung der Rechte aus dem Gewaltschutzgesetz – zum Beispiel, den Gewalttäter aus der Wohnung verweisen zu lassen. Die BISS-Stellen bieten ein Angebot für Frauen und ihre Kinder, arbeiten eng mit der Polizei zusammen und können Frauen vor allem im Hinblick auf zivilrechtliche Schutzanordnungen beraten. Die Stellen arbeiten auch mit dem Göttinger Frauenhaus zusammen. Der Göttinger Frauennotruf ist unter Telefon: 05 51 / 4 46 84 zu erreichen, der in  Northeim unter Telefon 0 55 51 / 70 83 21.
 
Die Alarmzeichen

Kontrolliert er Sie? Überprüft ihre SMS, Nachrichten, E-Mails?  Das ist ein Alarmsignal. „Ich hatte einmal eine Frau in der Beratung, da hat der Mann selbst die Uhrzeit auf den Kassenbon des Einkaufs gecheckt und über jede Minute Rechenschaft verlangt“, sagt Claudia Meise vom Frauennotruf.

 
„Oft fängt häusliche Gewalt aber mit kleinen Bedrohungen an“, so Meise weiter. Der Mann macht seine Frau klein, versucht sie zu isolieren, macht ihre Freunde schlecht und versucht, sie von ihren Freundinnen fernzuhalten. Wenn die Freundinnen die Beziehung hinterfrage, werden sie schlecht gemacht. Auch eine Demütigung vor anderen ist ein Anzeichen. Vereinsamung und Auflösung des Selbstbewusstseins können die Folge sein.

 
Ein gewaltbereiter Mann macht seine Frau klein, kontrolliert sie. „Dann muss man schon mal ganz genau hinschauen“, so Meise. Auch ökonomische Abhängigkeit ist ein schlechtes Signal. Heute spielen zudem die neuen Medien eine wichtige Rolle. Macht er sie über Facebook fertig? Benutzt er eine Handyortung zur Kontrolle? Dann Vorsicht. Denn: „Misshandlungen geschehen nicht durch einen einmaligen Kontrollverlust, sie dienen dazu, Macht auszuüben.“

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