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Haftstrafe für selbst ernannten Verkehrserzieher

Arbeitsloser richtet Elfjährigen übel zu Haftstrafe für selbst ernannten Verkehrserzieher

Das Amtsgericht Göttingen hat einen 55 Jahre alten Arbeitslosen zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten und zwei Wochen verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann ein elfjähriges Kind von seinem Fahrrad stieß, weil es auf dem Bürgersteig fuhr. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.

Am 23. Mai 2008 wollte das heute 13 Jahre alte Opfer mit einem Freund zum Badeparadies Eiswiese radeln. Laut Urteilsspruch hat der Täter aus Wut darüber, dass die beiden Kinder mit ihren Fahrrädern den Gehweg entlang fuhren, sich ihnen in den Weg gestellt und mit einer Armbewegung einen der Jungen zu Fall gebracht. Bei dem Sturz verletze sich das Kind schwer. Es schlug mit dem Kopf gegen eine Mauer am Wegrand: Ein gebrochener Finger, zwei ausgeschlagene Zähne, eine tiefe Risswunde im Mund, die genäht werden musste sowie diverse Schürf- und Platzwunden waren die Folge. Seit dem Unfall befindet sich das Kind in psychotherapeutischer Behandlung. Nach dem Unfall ging der Mann nach Zeugenaussagen einfach weiter seiner Wege und ließ das schreiende Kind zurück.
Die erste Hauptverhandlung im vergangenen Jahr musste ausgesetzt werden, weil ein Rechtsmediziner als Sachverständiger hinzugezogen werden musste; der Verurteilte hatte zum Tatzeitpunkt etwa 2,5 Promille Alkohol im Blut. Zur erneuten Aufnahme der Verhandlung erschien der Junge als Nebenkläger, begleitet von seiner Mutter, dem Therapeuten und seinem Rechtsanwalt Harald Pickenpack. Der Angeklagte bestritt nicht, dass es zu einer Berührung gekommen ist, sieht die Schuld dafür aber bei dem Kind. Er will den schweren Sturz nicht bemerkt haben: „Ich dachte, dass er so ein bisschen weggerutscht ist, vielleicht ein paar Schürfverletzungen hat.“ Und weiter: „Vielleicht hat er dadurch etwas gelernt.“ Während der Erörterung der Unfallereignisse bricht der sonst tapfere kleine Nebenkläger in Tränen aus.

Der ebenfalls elfjährige Freund des Opfers blieb unverletzt. Er fuhr hinter dem Geschädigten auf dem Bürgersteig und konnte noch rechtzeitig bremsen. Ob der Angeklagte ausgewichen sei, vermag der Junge heute – wie die anderen Zeugen auch – nicht mehr genau zu sagen. Eine Zeugin: „Mein Eindruck war, dass der Angeklagte den Jungen auffahren ließ.“ Der Angeklagte sei sturen Blickes weitergegangen und habe nicht sonderlich überrascht dreingeblickt. Die Bemühungen der Zeugen, ihn auf den Unfall aufmerksam zu machen, hat er nach eigenen Angaben aus verschiedenen Gründen ignoriert. Dass der Angeklagte nichts mitbekommen hat, hält keiner der Zeugen für möglich: „Der Junge hat geschrien wie am Spieß.“ Die Polizeistreife, die den Unfallverursacher auf dem Wochenmarkt stellte, traf einen „amüsierten und lächelnden“ Beschuldigten an, der sich im Recht wähnte: „Ständig kommen einem Fahrräder auf dem Fußweg entgegen, da macht keiner was!“, beschwerte er sich bei der Festnahme.

Die Staatsanwältin rückte im Plädoyer von der ursprünglichen Anklage ab: Sie beantragte den Angeklagten statt wegen vorsätzlicher Körperverletzung nur wegen fahrlässiger Körperverletzung und Unfallflucht zu verurteilen. 400 Euro Geldstrafe seien ausreichend. Der Verteidiger Bernd-Michael Weide beantragte gar, seinen Mandanten lediglich wegen Unfallflucht zu „einer geringen Geldstrafe“ zu verurteilen.

Richter Oliver Jitschin folgte den Anträgen nicht. Er machte in seiner Begründung klar, dass es sich bei der Tat um eine „absolute Ungeheuerlichkeit“ handele. Er verurteilte den Angeklagten wegen gefährlicher Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Unfallflucht. Der Angeklagte habe sich mit „erhobenem Zeigefinger“ zum „Verkehrserzieher“ und „Moralapostel“ gemacht. Bis heute zeige er sich uneinsichtig und glaube immer noch, im Recht zu sein. Hier sei, so Jitschin, eine Freiheitsstrafe durchaus angebracht. Neben einer zweijährigen Bewährungszeit legte er dem Angeklagten auf, dem Opfer einen Betrag von 1000 Euro zu überweisen. Es ist der einzige Moment, in dem ein verschmitztes Lächeln über das Gesicht des Kindes huscht, das im Prozess sonst viel Tränen gelassen hat. Die Verteidigung kündigte Berufung an.

Von Lukas Breitenbach

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