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"Halb tot geschlagen" in der Göttinger Notaufnahme

Aus dem Amtsgericht "Halb tot geschlagen" in der Göttinger Notaufnahme

Dieser Prozess beginnt im Krankenhaus und endet vorerst auch dort. Dem 53 Jahre alten Angeklagten wird vorgeworfen, in der Notaufnahme des Uni-Klinikums randaliert und Polizisten Widerstand geleistet zu haben. Ehe er dafür verurteilt werden kann, hat er einen Unfall: wieder Krankenhaus, Verhandlungsunfähigkeit, Hauptverhandlung ausgesetzt.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Dabei sieht es zwischendurch so aus, als könnte der Fall mit milder Strafe enden. Als ein erfahrener Polizist die Festnahme schildert und fast entschuldigend sagt "Schade, dass wir nicht anders konnten, es war ja nichts passiert", da deutet die Richterin die Möglichkeit eines gnädigen Endes an. Aber der junge Staatsanwalt will unbeding noch die Ärztin als Zeugin hören. Also ein neuer Termin, zu dem es wegen des Unfalls nicht mehr kommt.

Glaubt man dem Angeklagten, ist ohnehin er das Opfer. Für den 53 Jahre alten Frührentner "ist das Ganze eine Verleumdung". Er sei gegen seinen Willen in die Notaufnahme des Klinikums gebracht worden und sei dort von den herbeigerufenen Polizisten "halbtot geschlagen" worden. "Gefoltert" hätte man ihn, eine Gehirnerschütterung habe er erlitten, Ohr und Auge hätten bleibende Schäden. Das Vertrauen in Ärzte, Justiz und Polizei habe er verloren. Jetzt habe er "Angst vor Amtspersonen". Dabei habe er doch nur weg gewollt.

"Er wollte einfach nicht weg", sagt hingegen ein Polizist. Deshalb habe man ihm einen Platzverweis für die Notaufnahme erteilen müssen und ihn rausgeführt. Die Anklage wirft ihm vor, dabei in die Tasche nach einem Teleskopschlagstock oder seinem Taschenmesser gegriffen zu haben. Deshalb habe man ihn überwältigen müssen. Den Schlagstock, sagt der Angeklagte, habe er nur bei sich gehabt, weil er schon dreimal überfallen worden sei. Aber danach gegriffen habe er nicht.

Ausgangspunkt war ein kleiner Schwächeanfall in der Göttinger Fußgängerzone. "Vielleicht hat mir einer k-o.-Tropfen in den Kaffee getan", grübelt der 53-Jährige. Kaffee? Er hatte 0,86 Promille. "Ist doch gar nix", kommentiert er den Wert. Jedenfalls war er im Notarztwagen wieder aufgewacht und auf dem Weg zur Tag-und-Nacht-Station des Klinikums. Dort habe eine "angebliche Ärztin Blut von mir gewollt". Das wollte er nicht. Auch war er der Meinung, dass die Angabe seines Spitznamens genügen müsse.

Die Notärzte riefen den Wachschutz, der nach vergeblichen Mühen wiederum die Polizei. Auch die hatte Mühe. Vier Polizisten berichten davon der Richterin. Ein Kommissar bringt die Sache auf den Punkt: "Alles was wir von ihm wollten, wollte er nicht." Ein junger Polizeipraktikant schildert es minutiös wie aus dem Lehrbuch für Kommissaranwärter: Wirkungsloses Einreden auf den Randalierer, Platzverweis, Rausführen, Griff in die Tasche, Ruf eines Wachmannes ("Der hat was in der Tasche!"), Überwältigung, Handschellen, Abtransport zur Wache.

Der Angeklagte ist von Zeuge zu Zeuge kleinlauter geworden. Es wirkt, als sehe er langsam selber ein, dass sein Verhalten Konsequenzen haben muss. Und die Richterin ist bereit, solche Einsicht mit Milde zu honorieren. Dazu kommt es nicht mehr. Inzwischen müssen sich wieder Ärzte um ihn kümmern.

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