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Handschrift der Januarunruhen von 1831 aufgetaucht

„Fahnenlied der akademischen Nationalgarde“ Handschrift der Januarunruhen von 1831 aufgetaucht

 Im Januar 1931 erhoben sich in Göttingen Bürger, Dozenten und Studenten gegen die reaktionäre Regierung des Königreichs Hannover.

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Bei der Übergabe des Fahnenliedes: Dagmar Schlapeit-Beck, Dietrich Koch, Jörg Lampe und Ernst Böhme (von links).

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Ein Fahnenlied aus der nur acht Tage andauernden Göttinger Revolution hat jetzt ein Husumer bei alten Familienunterlagen gefunden und dem Stadtarchiv als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt.

Nach der Juli-Revolution von 1830 in Paris breiten sich die Unruhen, sechs Jahre vor dem Protest der Göttinger Sieben, auch nach Südniedersachsen aus. „In Göttingen kam es 1831 zu einer bürgerlichen Erhebung, die vom hannoverschen Königshaus niedergeschlagen wurde“, so beschreibt Göttingen Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck das damalige Geschehen. „Die Beteiligten wollten eine größere, breitere Beteiligung am Staat“, fasst Jörg Lampe, Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften und Autor des Buches „Freyheit und Ordnung“, die Ziele der Aufständischen zusammen.

In Göttingen hatten sich junge Privatdozenten der juristischen Fakultät und Anwälte zusammengeschlossen, um ihrer Kritik an den herrschenden Zuständen Ausdruck zu verleihen.Um den 8. Januar herum kam es zu den Unruhen. Die Initiatoren, darunter der Privatdozent Johann Ernst Hermann von Rauschenplat, organisierten ein Bürgeraufgebot, besetzen das Rathaus und entmachteten den Magistrat.

Eine Nationalgarde von Studenten und Bürgern wurde gebildet. In der Zeit, sagt Lampe, hätten die Aktivisten vieles geschrieben und gedruckt. Auch das Fahnenlied sei in in alten Quellen erwähnt. Nach dem militärischen Eingreifen der Regierung seien jedoch viele der Schriften wahrscheinlich vernichtet worden. 

Gegen Kastengeist und Willkür, Zensur und Sklaverei

Das Fahnenlied ist jetzt wieder aufgetaucht. Der Husumer Dietrich Koch, geboren und aufgewachsen in Herberhausen, fand die Handschrift in einer Kiste mit alten Unterlagen und übergab sie am Montag dem Stadtarchiv. Der 66-Jährige vermutet, dass einer seiner Urgroßväter sie aufbewahrte, am ehesten wohl der Landwirt und Bauermeister Heinrich Spangenberg, wie er nach Lektüre des Familienstammbaumes herausfand.

„Fahnenlied der akademischen Nationalgarde in Göttingen“, steht schwer lesbar auf dem vergilbten Blatt. Gesungen wurde es nach der Melodie des Reiterliedes von Friedrich Schiller (Wallenstein). Der Text wendet sich gegen Kastengeist und Willkür, Zensur und Sklaverei, „zeigt aber auch, dass das Vertrauen in den König noch da ist“, meint Lampe.

Über die Dauerleihgabe, eine Schrift „aus einer interessanten Phase der Göttinger Geschichte“, freut sich Göttingens Stadtarchivar Ernst Böhme. „Damit bleibt das Lied dem kollektiven Gedächtnis der Stadt Göttingen erhalten.“ Im Stadtarchiv werde es künftig sicher verwahrt, könne aber der Wissenschaft jederzeit zugänglich gemacht werden.

Das Fahnenlied von 1831

Einer
Dem Könige treu und dem Vaterland,
in Ordnung und Eintracht verbunden.
So stehen wir muthig mit Herz und mit Hand
Und scheuen nicht Tod und nicht Wunden.

Chor
Und wollen nicht weichen und wollen nicht ruhn
bis wir vollendet das heilige Thun!

Einer
Nicht Kastengeist und nicht Willkühr mehr
Soll ferner im Lande regieren.
Selbstsüchtig kein schändlich Despotenheer
Den Zepter noch über uns führen.

Chor
Der König soll herrschen, gerecht und gut;
Treu wollen wir ihm folgen mit Gut und Blut!

Einer
Frei sind wir geboren, wollen leben auch frei
Gesetz nur und König ergeben!
Doch fort Zensur und Sklaverei
Die schimpflichste Bande uns weben.

Chor
Das Volk ist mündig, die Zeit ist erfült!
auf! Brüder, die Fahne der Freiheit enthüllt.

Einer
Und treu bei der Fahne wollen wir stehen,
und fest stets in Eintracht zusammen!
Die Ordnung soll mit der Freiheit gehen -
und mag uns ein Knecht denn verdammen.

Chor
Die freien Enkel sie segnen uns laut,
daß wir einst den heiligen Tempel erbaut!

Einer
So wehe die heilige Fahne voran,
Zu Kampf und zu Sieg uns zu einen!
Das Morgenroth auf den Bergen bricht an,
und der goldene Tag muß erscheinen!

Chor
Wo Herz und Hand sind in Eintracht bereit,
da ist der heilige Sieg nicht weit.

 

 Im Januar 1931 erhoben sich in Göttingen Bürger, Dozenten und Studenten gegen die reaktionäre Regierung des Königreichs Hannover. © Hinzmann

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