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Hann. Mündener Kliniken: Wer erhält den Zuschlag?

Thema des Tages Hann. Mündener Kliniken: Wer erhält den Zuschlag?

Drei verschiedene Szenarien zeichnen sich für die Mündener Kliniken ab: ein Verkauf nach Nordhessen, an eine private Bietergruppe oder an ein Konsortium aus Medizinischer Hochschule Hannover und Universitätsmedizin Göttingen.

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Quelle: GT

Hann. Münden. Im Bieterverfahren für die insolvente AWO Gesundheitsdienste gGmbH (GSD) sind zwei ernstzunehmende Angebote in der engeren Wahl. Dabei soll es sich einerseits um eine private Investorengruppe handeln, welche die gesamte AWO GSD übernehmen möchte, während die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) aus Kassel nur für die Mündener Kliniken bieten soll: das Nephrologische Zentrum Niedersachsen (NZN), eine Nierentransplantations-Spezialklinik, sowie das Krankenhaus Hann. Münden (KHM). Etwa 600 Mitarbeiter sind in beiden Häusern beschäftigt, die perspektivisch unter einem Dach am Standort des NZN weitergeführt werden. Eine Klinikerweiterung ist derzeit im Bau, 34 Mio. Euro werden dort investiert.

 
Aber noch eine dritte Interessenten-Gruppe soll es geben, die sich eine Übernahme des Hann. Mündener Klinikstandortes vorstellen kann: ein Konsortium bestehend aus der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Bislang gilt deren Angebot als zu niedrig, um eine Rolle zu spielen. Doch könnte sich das schnell ändern – am Montag, 22. Juni, sollen in der Staatskanzlei Gespräche darüber stattfinden, ob und wie sich das Land Niedersachsen finanziell an der UMG-MHH-Offerte beteiligen kann.

 
Was aus den Hann. Mündener Kliniken wird, ist eine hochgradig politische Frage: Vor Ort ist damit der größte Arbeitgeber betroffen; regional betrachtet gibt es politische Vorbehalte, dass nordhessische Interessen in Südniedersachsen sowohl langfristig dem Standort Hann. Münden als auch der UMG schaden könnten. Und das Schicksal der AWO GSD ist aufgrund der engen personellen und historischen Verbindung zwischen AWO und SPD auch für die Sozialdemokraten im Land eine nicht unwesentliche Frage. Doch was wären mögliche Folgen der drei genannten Käuferoptionen?

 

  • Die private Bietergemeinschaft. Für die Gläubiger der AWO GSD hat die Variante den Reiz, dass man alles auf einmal verkaufen kann. Allerdings sind die Vorbehalte bei Landespolitikern und insbesondere bei Verdi groß, denn Privatisierungen gehen meist zulasten der Beschäftigten, das heißt vor allem keine Tariflöhne und Stellenabbau.
  • Die Gesundheit Nordhessen Holding. Als Unternehmen in kommunaler Hand steht die GNH für eine Tarifbindung. Gleichzeitig existiert bei Landespolitikern die Befürchtung, dass sich Hann. Münden zu einem „Portalkrankenhaus“ entwickelt, dessen Patienten nach Kassel überwiesen werden, und dass im Falle von Einsparungen eine Bettenreduktion vorrangig in Hann. Münden und nicht am Standort Kassel stattfinden wird.
  • Das UMG-MHH-Konsortium. Für viele Akteure hätte diese Lösung den größten Charme: mit einer Tarifbindung auf der einen Seite und der Vision eines regionalen Gesundheitskonzepts auf der anderen. Die UMG würde sich darin über Kooperationen mit den umliegenden Krankenhäusern großflächig engagieren. Eine erste Kooperationsvereinbarung mit dem Bürgerspital in Einbeck wurde bereits unterzeichnet, die in diese Richtung weist. Eine Entscheidung des Landes, sich vor diesem Hintergrund einzuschalten, könnte auch als Muster für zukünftige regionalisierte Gesundheitskonzepte dienen.

 

Allerdings: Die Probleme insbesondere für kleine Krankenhäuser in der ländlichen Fläche sind groß. Diese kämpfen mit Patientenschwund, Fachkräftemangel und Wirtschaftlichkeitsproblemen. Letzteres liegt an der komplizierten Krankenhaus-Finanzierung (siehe unten). Die Fixkosten steigen deutlich stärker als die vom Land festgelegten Sätze für die Behandlungen. Auch die Landesmittel für den Erhalt der baulichen und technischen Infrastruktur reichen bei weitem nicht aus. Nach und nach rutschen so immer mehr Häuser in die roten Zahlen.

 
Mehr Geld für den Erhalt der medizinischen Grundversorgung ist nicht absehbar, doch traut sich auf Landesseite auch kein Verantwortlicher an die immer dingender gebotene konzeptionelle Neuordnung der Krankenhausversorgung in Niedersachsen heran: Welche Häuser können und sollen erhalten werden und mit welcher Kapazität? Also lässt man den Markt die Arbeit machen. Das Geld reicht nicht für alle, sondern irgendwann einmal für die, die den längsten Atem haben. Ob das aber im Sinne einer flächendeckenden Grundversorgung ist, darf getrost bezweifelt werden.

 

Von Sven Grünewald

 

Wenn ein Krankenhaus eine Pommesbude wäre

Stellen Sie sich eine Pommesbude vor. Sie hat zwei Mitarbeiter: einen qualifizierten Pommesfrittierer (Mitglied in der Gewerkschaft „Marburger Pommes Bund“) und einen Verkäufer (Mitglied in der Gewerkschaft „Vereinigte Pommes-Dienstleistungen“).

 
70 Prozent der Betriebskosten verursachen die Mitarbeiter, 30 Prozent sind Sachkosten und die wiederum sind zur Hälfte fix – Energie, Wasser, Standgebühren etc. Und: Der Pommesverkauf ist staatlich stark reguliert, das niedersächsische Pommesministerium plant das Angebot jeder Pommesbude. Die genannte Pommesbude ist zugelassen für: Pommes weiß und Pommes rot – aber „Pommes rotweiß“ zum Beispiel darf sie nicht anbieten, auch wenn sie es könnte.

 
Kunden müssen ihre Pommes nicht selbst bezahlen, denn die Pommesbude rechnet direkt mit Erstattungskassen ab, welche die Kosten übernehmen. Dafür muss die Pommesbude jährlich ein Budget mit diesen Kassen aushandeln, das genau die Anzahl der Portionen Pommes weiß, Pommes rot und Kroketten festlegt, die verkauft werden dürfen.

 
Werden mehr Portionen verkauft, dann muss die Pommesbude den Kassen auf jede Portion 65 Prozent Rabatt gewähren. Werden allerdings weniger Portionen verkauft als vereinbart, zahlen die Ersatzkassen nur 25 Prozent Ausfallersatz. Das heißt, die Pommesbude bleibt auf ihren Verlusten zu einem großen Teil sitzen, da die Kosten weitgehend fix sind, auf der anderen Seite kann sie aus einer hohen Nachfrage auch nur relativ wenig Gewinne mitnehmen.

 
Und nun stellen Sie sich die folgende Situation vor, die seit etwa zehn Jahren anhält: Jährlich steigen die Betriebskosten durch wenig beeinflussbare Gehaltserhöhungen und ebenfalls nur gering beeinflussbare Sachkosten um im Durchschnitt 2,4 Prozent. Der Preis pro Pommesportion wird auf Länderebene festgelegt und steigt nur um ein Prozent. Das Pommesministerium entscheidet auch über Investitionsmittel für Sanierungsbedarfe, kann aber jährlich nur 10 000 Euro für alle Buden bereitstellen, während der Bedarf bei 50 000 Euro liegt. Die Bude kommt auf eine Warteliste und erhält in 15 Jahren Bescheid … sg

 
Es überleben die Reichsten
Christian von Gierke. Foto: EF

Christian von Gierke. Foto: EF

Quelle:

Unter dem Wettbewerbsdruck scheint die Qualität im Krankenhausbereich unter die Räder zu kommen...
Der Qualitätsbegriff wird durch die Politik populistisch eingesetzt und dient letztendlich nur der Ablenkung von den Kernproblemen, nämlich der Unterfinanzierung des Systems. Wir haben es zudem auch mit einer Wettbewerbsverzerrung zu tun. Ein Beispiel: Im Raum Hannover existiert ein Klinikum, welches seit Jahren Millionenverluste erwirtschaftet und vom kommunalen Träger mit Steuergeldern am Leben gehalten wird. Ein kleineres Nachbarkrankenhaus, beispielsweise mit einem kirchlichen Träger, fällt jedoch aus dem Markt, weil es keine Unterstützung erhält. Es überleben nicht die wirtschaftlichsten Häuser, sondern die mit den reichsten Trägern.

 
Sind Kooperationen von großen und kleinen Krankenhäusern eine zukunftsweisende Lösung zur Aufrechterhaltung der medizinischen Versorgung?
Das kommt auf die Form der Kooperation an: Viele kleine Krankenhäuser können die Kosten für eine 24 Stunden-Rundumversorgung schlicht nicht mehr aufrechthalten, da die Patienten fehlen. Da ist es natürlich hilfreich, mit einem großen Maximalversorger zu kooperieren. Wenn ich jedoch ständig meine Patienten verlege, bekomme ich dafür auch kein Geld. 

 
Wo sehen Sie die Entwicklung der Krankenhauslandschaft hingehen?
Da kleine Häuser nicht mehr allein existieren können, wird es einen Trend zu Fusionen geben. Am Ende werden etwa 20 große Krankenhausketten übrigbleiben. Auch mittelgroße Häuser werden der dauernden Unterfinanzierung nicht lange standhalten können. Grundsätzlich ist es einfach so: Wenn Tarifsteigerungen und Investitionskosten nicht refinanziert werden, wird das langsame Sterben weitergehen. Ich verweise hier auf die Aktion „Zwei Drittel“ der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft: Zwei Drittel der niedersächsischen Krankenhäuser können keinen Gewinn mehr erwirtschaften. Dieser ist aber für Reinvestitionen dringend notwendig! 

 
Interview: Sven Grünewald

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