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Protest gegen Wunsch-Kaiserschnitt

Hebammen in Göttingen Protest gegen Wunsch-Kaiserschnitt

Jedes dritte Kind in Deutschland wird mit einem Kaiserschnitt zur Welt geholt. Gegen den Trend zu operativen Geburten ohne medizinische Notwendigkeit und zugleich gegen den personellen Notstand haben Göttinger Hebammen am Dienstag protestiert – unterstützt von rund 150 Müttern und Vätern mitsamt Kindern.

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Die Hebammen Lena Stöven, Birgit Steinmetz-Roesener, Irene Meyer und Hanna Klotzin (v. l.) wünschen sich eine Rückbesinnung auf natürliche Geburten.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. Selten war ein Protest am Gänseliesel so bunt und lebhaft. Viele rot gekleidete Menschen waren gekommen – das Erkennungszeichen für die solidarischen Klienten der Hebammen. Wenige blau gekleidete Frauen brachten Transparente an oder gingen plaudernd von Grüppchen zu Grüppchen – Vertreterinnen der protestierenden Berufsgruppe. Dazu kamen unzählige Kinderwagen samt kleinen Passagieren, die schwer damit beschäftigt waren, ihre Eltern in Bewegung zu halten und bunte Luftballons zum Platzen zu bringen.
Über die zahlreich erschienenen Familien mit Kindern freuten sich die Hebammen auf dem Platz vor dem Alten Rathaus. Schließlich, so Lena Stöven, Kreisvorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen in Göttingen, stellten der Trend zum Kaiserschnitt und außerdem der Rückgang an freiberuflichen Hebammen sowie die zunehmende Arbeitsbelastung die Berufsgruppe vor große Probleme. „Wir fahren teils weite Strecken bis in die Dörfer, in denen es keine Hebamme mehr gibt“, berichtet Klotzin.
Zugleich habe sich binnen 15 Jahren in Deutschland der Anteil der Kaiserschnitte an den Geburten verdoppelt, mit großen Unterschieden zwischen den einzelnen Bundesländern. So liege in Sachsen die Rate bei 17, in Bayern sogar bei 50 Prozent. Als Ursachen sieht Hebamme Hanna Klotzin unter anderem den Verlust des Körpergefühls und ein verändertes Zeitmanagement in der Gesellschaft: „Dem Vorgang der Geburt wird zu wenig Zeit gegeben.“ Auch die Angst vor Schmerzen veranlasse viele schwangere Frauen, ihr Kind im Operationssaal zur Welt zu bringen, ohne durch eine Risikoschwangerschaft betroffen zu sein. „Ein Kaiserschnitt ist eine große Bauch-OP, da kommen die Schmerzen anschließend“, sagt Stöven.
Die Gynäkologen könnten durch frühzeitige Vermittlung an die freiberuflichen Geburtshelferinnen dazu beitragen, dass sich mehr werdende Mütter für eine natürliche Geburt entscheiden, so der Appell der Kreisvorsitzenden an die Frauenärzte. „Jede Frau hat Anspruch auf Begleitung durch eine Hebamme.“

Kaiserschnitte in Göttingen

Die Kaiserschnittrate liegt in Niedersachsen zwischen 22 und 43 Prozent. Auch in den Göttinger Kliniken ist sie unterschiedlich. Im Jahr 2015 wurden in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) 373 Kaiserschnittgeburten durchgeführt, 47 Prozent aller Geburten. UMG-Sprecher Stefan Weller nennt den Grund dafür: „Nach Beschluss des gemeinsamen Bundesausschusses (GemBA) dürfen kleinere Häuser nur noch risikofreie Schwangere ab der 36. Schwangerschaftswoche entbinden. Deshalb kommen fast alle Risikoschwangeren aus Göttingen und der weiteren Region in die Frauenklinik der UMG.“ In der Klinik Neu Bethlehem gab es  im vergangenen Jahr 276 Kaiserschnitt-Geburten (26 Prozent). „Wir liegen deutlich unter dem Bundesschnitt, weil wir eine geburtshilfliche Klinik nur für einfache Geburten sind“, erklärt Geschäftsführer Christian von Gierke. Rund 34 Prozent Kaiserschnitte von 570 Geburten gab es 2015 im Krankenhaus Neu Mariahilf. Dr. Georg Fleckenstein, Chefarzt der Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie, beobachtet aber in diesem Jahr zumindest von Januar bis August einen rückläufigen Trend. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum betrage der Anteil der Kaiserschnitte bislang nur knapp 29 Prozent.

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