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Helfen? „Man wird süchtig“

Heilig Abend in der Stadthalle Helfen? „Man wird süchtig“

Bei der Tageblatt-Hilfsaktion Aktion „Keiner soll einsam sein“, die mit einem großen gemeinsamen Heilig Abend in der Stadthalle endet, wirken viele fleißige Hände im Hintergrund. Einige Unterstützer sind bereits seit vielen Jahren dabei. Sie bewirten, helfen, unterstützen – und sie hören zu. Sie sind da für die vielen Menschen, die es am Heiligen Abend in die Göttinger Stadthalle geführt hat.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. „Einen Heiligabend wie diesen möchten wir nicht mehr missen“, erklärt Rolf Sedler. Er engagiert sich mit seiner Frau Erika seit vielen Jahren als Helfer bei „Keiner soll einsam sein“. Das Ehepaar wird auch in diesem Jahr in der Stadthalle helfen.

Sie gehören zu den erfahreneren Helfern, deswegen ist ihr Namensschild auch nicht kursiv bedruckt, wie das der neuen, sondern gerade. Dadurch erkennen die Neuen, wen sie um Rat fragen können. Eigentlich sei das Engagement an diesem Abend sehr einfach: „Egal was du machst – es ist immer richtig“, sagt Rolf Sedler. Für den Pensionär und die Lehrerin aus Göttingen ist der Heilige Abend gleichzeitig auch ein großes Wiedersehen. Viele Helfer gehen miteinander vertraut um und zu vielen Gästen besteht eine enge Bindung.

Drei ältere Damen halten Rolf Sedler immer einen Platz frei, damit er sich kurz zu ihnen setzen kann. Sich Zeit für Gespräche zu nehmen, für die Gäste da zu sein, dazu würde Organisator Wolfgang Stoffel die Helfer bei seiner Einweisung auffordern. „Sie sind die Gastgeber heute“, lauten Stoffels einleitende Worte zum Beginn der Aktion, die viele in ihren Bann zieht. „Man wird süchtig“, erklärt Sedler.

Rolf Sedler erinnert sich an eine ältere Dame, die sehr traurig darüber war, Heiligabend nicht zu ihrem Sohn kommen zu dürfen. „Morgen will er mich besuchen, aber dann bin ich auch nicht da“, hätte sie verbittert erklärt. Bewegende Gespräche gebe es viele, oft weinten die Gäste. „Aber die Stimmung ist insgesamt so positiv, dass das aufgefangen wird“, sagte Erika  Baumgarten-Sedler.

Auf eine gewisse Art seien an diesem Abend alle bedürftig, ob finanziell oder emotional, ob Gast oder Helfer. „Es sei ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden“, erklärte Baumgarten-Sedler. Sie feiert seit 1994, Weihnachten in der Stadthalle, in dem Jahr starb ihr damaliger Mann. Auch die Witwe fand bei dieser Aktion Halt.

Von Katrin Westphal

Der Mann am Klavier

Der Mann am Klavier, der seit über 20 Jahren die Menschen in der Stadthalle am Heiligen Abend mit seiner Musik berührt, ist Klaus Faber. Seine Lieder erreichen alle, sowohl Besucher als auch und Helfer. Sie geben der Aktion „Keiner soll einsam sein“, für die Faber auch in der Adventszeit im Kauf Park spielt, einen festlichen Rahmen.

Vor seinem ersten Auftritt war Faber sehr aufgeregt und wusste nicht so recht, was auf ihn zukommen werde. Er bereitete sich gut vor und übte zahlreiche Weihnachtslieder. Das hatte sich bewährt, denn jedes Jahr wurden zur Weihnachtsandacht andere Lieder gewünscht. „Nur das bekannte ‚Oh du fröhliche‘ bildete meistens den Abschluss“, erinnert sich  Faber. Oft transportiere er die Lieder in eine andere Tonart, damit die Besucher besser mitsingen können.

Beim Kaffee und Kuchen leitet Faber behutsam von deutschen und amerikanischen Weihnachtsliedern zu lockeren Stücken aus Swing, Oldies, Ragtime und Jazz über. Auch klassische Musik spielt er Heiligabend. In einem Jahr gab es ein Wunschkonzert, bei dem die Gäste über 100 musikalische Wünsche äußerten. Faber erfüllte fast alle, nur „Born to be Wild“ von Steppenwolf fiel durch seine weihnachtliche Musik-Zensur. 

Wenn Faber von der Bühne in die vielen lächelnden Gesichter blickt, ist er zufrieden. Die Gäste summen oder singen mit, bewegen sich teilweise rhythmisch im Takt oder hören einfach nur zu. Faber ist aufgefallen, dass die Zahl der Besucher steigt, vor allem aus Syrien, Irak und den Ostblockländern kämen jedes Jahr mehr. Er glaubt fest daran, dass Musik die Menschen miteinander verbindet und sagt: „Wo Worte enden, kann Musik noch etwas bewirken“.

kw

Seit 27 Jahren für die Gäste da

Dransfeld. Helga und Eckart Bresch verbringen den 24. Dezember als Helfer in der Göttinger Stadthalle. Seit 27 Jahren unterstützt das Ehepaar immer wieder die Aktion „Keiner soll einsam sein“. Sie schneiden Kuchen, kümmern sich um die Gäste und nehmen sich immer wieder Zeit für Gespräche. Die Menschen, die gemeinsam in der Stadthalle Weihnachten feiern, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind unterschiedlicher Herkunft. Helga und Eckhart Bresch erzählen von gut betuchten Seniorenpaaren, Verwitweten, Obdachlosen, alleinerziehenden Männern und Frauen mit Kindern, Studenten, Familien und ganzen Sippschaften. Helga und Eckart Bresch sind ab 14 Uhr auf Trab. Sie schneiden Kuchen, verteilen Bleche und kümmern sich gemeinsam um zwei Tische, damit es den Gästen an nichts fehlt. Es gehört für sie dazu, sich in jeder freien Minute zu den Besuchern zu setzen und mit ihnen zu sprechen.

„Man merkt manchmal, dass sie lange mit niemandem gesprochen haben“, erzählt Helga Bresch. Manche seien gerade verwitwet und verbrächten das erste Weihnachtsfest ohne ihren Partner, das sei für die Betroffenen besonders hart. Eckart Bresch erinnert sich an einen Studenten, der sich still an einen Tisch setzte und ein Notizbuch auspackte, in das er durchgehend Zahlen und Formeln schrieb. Er blockte alle Gesprächsversuche ab, trank seinen Kaffee und wollte irgendwie nicht alleine sein. Während der Feier sei viel Trubel, vor allem die Kinder flitzten durch die Stadthalle, erzählten die beiden Helfer.

„Für uns ist es besonders schön, wenn wir die Kleinen sehen, weil wir selbst keine Enkel haben“, verrät Helga Bresch. Das Ehepaar freut sich, Weihnachten eine erfüllende Aufgabe zu haben, wenn Sohn und Schwiegertochter mal nicht über Weihnachten zu Besuch kommen. Abends sind die beiden von den Aufregungen des Tages geschafft und lassen den Heiligen Abend gemütlich Zuhause ausklingen. Manchmal schaffen sie es noch um 23 Uhr in die Kirche, haben aber trotz des Stresses viele schöne und besinnliche Momente bei der großen Weihnachtsaktion gefunden.

kw

Noch weitere Helfer gesucht

Göttingen. Viele Helfer sind seit vielen Jahren beim Offenen Abend in der Stadthalle dabei. Etwa 20 Helfer werden in diesem Jahr noch gebraucht. „Zum Kaffee ausschenken, für Gespräche und auch für Tätigkeiten in der Küche“, sagt Wolfgang Stoffen, der die Aktion mit organisiert.

Wer also am Heiligen Abend von etwa 14 bis 19.30 Uhr in der Göttinger Stadthalle für Göttinger etwas gutes tun möchte, kann sich bis Montag, 21. Dezember, beim Tageblatt noch anmelden: Benjamin Wolf, Telefon 0551/ 901-206.

bib

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