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„Herausragendes Zeugnis jüdischer Grabkultur“

Friedhof bei Adelebsen „Herausragendes Zeugnis jüdischer Grabkultur“

Klein Jerusalem – so wurde im 19. Jahrhundert der Flecken Adelebsen im Volksmund genannt. Den Spitznamen erhielt die Gemeinde wegen des hohen Anteils jüdischer Einwohner.

Adelebsen. Fast 300 Jahre lang bildeten sie einen Bestandteil des öffentlichen Lebens im Flecken. Ende des 17. Jahrhunderts ließen sich dort die ersten jüdischen Familien nieder. Ihre Zahl stieg seit dem 18. Jahrhundert stetig an. In der Mitte des 19. Jahrhunderts machten die jüdischen Einwohner rund dreizehn Prozent der Bevölkerung aus. Dann löschte die nationalsozialistische Barbarei in den Jahren 1933 bis 1945 das jüdische Leben in Adelebsen fast völlig aus. Die jüdischen Einwohner wurden schikaniert, vertrieben und umgebracht; die Synagoge wurde am 10. November 1938 angezündet und dann abgerissen.

Übrig blieben nur in Museen und Archiven aufbewahrte Gegenstände und Dokumente und einige im Straßenbild Adelebsens versteckte Hinweise auf ehemaliges jüdisches Leben. Nur ein unübersehbares, großes Zeichen der ehemaligen jüdischen Gemeinde ist geblieben: der Friedhof, der sich nach dem Ortsausgang in Richtung Uslar auf der rechten Seite in einem steilen Hang befindet. Auf diesem Friedhof wurde 1948 Noa Rothschild als letzter Angehöriger der jüdischen Gemeinde begraben. Er war nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt in den Flecken zurückgekehrt. Seit dieser Beerdigung ist der Friedhof geschlossen – ein Schicksal, das in Niedersachsen 230 jüdische Friedhöfe teilen.

Nachdem der Adelebser Friedhof 1999 bis 2004 grundlegend restauriert wurde, versucht nun eine ausführliche Dokumentation der dortigen Grabmale dieses Zeugnis jüdischer Grabkultur weiter ins öffentliche Bewusstsein zu heben. Die von Berndt Schaller und Eike Dietert verantwortete Dokumentation bietet Fotos aller Grabsteine, liefert ihre Inschriften – hebräisch und in Übersetzung und gibt Informationen zu jeder bestatteten Person, soweit sich diese ermitteln lassen.

Der kurze geschichtliche Abriss, den die Dokumentation gibt, reicht aus, um zu verdeutlichen, dass dem NS-Terror eine jahrhundertelange Benachteiligung und Schikanierung der jüdischen Bevölkerung in Adelebsen vorausging. So wird eine 1841 von Bürgermeister und Vorstand des Fleckens Adelebsen an die Ständeversammlung des Königreichs Hannover gerichtete Petition erwähnt. Darin heißt es, dass die große Zahl von 34 jüdischen Familien für den Ort wirtschaftlich schädlich sei, weitere Niederlassungs- und Gewerbefreiheiten würden dazu führen, „daß im Flecken Adelebsen die Christen von den Juden nach und nach gänzlich verdrängt werden und daß dann am hiesigen Orte und in der Umgebung Alles und hauptsächlich das Grundeigenthum der Handelsspekulation und dem Wucher anheimfällt“. Auch die Lage des Friedhofs in einem vor allem im Herbst und Winter schwer zugänglichen Steilhang wird die jüdische Gemeinde kaum aus freien Stücken gewählt haben.

Der Friedhof, der kurz vor der und während der NS-Herrschaft geschändet wurde, ist laut Schaller ein „herausragendes Zeugnis jüdischer Grabkultur im südlichen Niedersachsen“. Es umfasst eine Fläche von rund 3900 Quadratmetern, von denen knapp 2500 mit Gräbern belegt sind. Erhalten sind 236 Grabstellen mit 229 Grabsteinen. Diese sind überwiegend aus Buntsandstein hergestellt.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein sind die Gräber mit rechteckig geformten Steinplatten bedeckt. Dann kommen auch stehende Steine in Mode, die Gestaltung wird durch Verzierungen vielfältiger. Obwohl eine gewisse Einheitlichkeit der Grabmale erhalten bleibt, deutet dies darauf hin, dass der mit der rechtlichen Emanzipation einhergehende Trend zur Assimilation und Akkulturation an die christliche Umwelt auch in der eher konservativ ausgerichteten, ländlich-jüdischen Gemeinde Adelebsen Fuß gefasst hat. Der Gedanke der Zusammengehörigkeit als Glieder der jüdischen Gemeinschaft wie auf dem älteren Teil des Friedhofs ist nicht mehr allein bestimmend. Symbolhaft ausgerichtete Bilder begegnen allerdings selten: Auf zwei Grabsteinen zeigt die auf den Kopf gestellte Fackel das Erlöschen des Lebens an.

Stärker als Symbole und Ornamente bestimmen die Inschriften das äußere Bild der Grabsteine. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Texte ausschließlich hebräisch abgefasst. Erst danach kommen zunehmend deutschsprachige Textteile dazu. In Adelebsen bleibt das Hebräische jedoch – anders als bei anderen jüdischen Friedhöfen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – konstant dominant. Dies weist auf die traditionsbewusste Ausrichtung der Adelebser Gemeinde hin, während es anderswo eine stärkere Assimilierung gab. Die deutschen Inschriften beschränken sich meist auf die Angaben zu Namen und Daten. Die hebräischen Inschriften sind zwar ausführlicher, bestehen aber überwiegend aus formelhaften, standardisierten Wendungen. Die Kargheit der Stilmittel entspricht den Befunden auf vergleichbaren Friedhöfen dörflicher und kleinstädtischer jüdischer Gemeinden und spiegelt die einfachen Lebensverhältnisse wider.

Die Dokumentation wird ergänzt durch eine Art Memorbuch, eine Liste der aus Adelebsen stammenden jüdischen Kinder, Frauen und Männer, die 1941 bis 1945 als Opfer der Shoa umgekommen und so ganz ohne Ort und Stein geblieben sind. Auch an sie erinnert dieses Buch, zum Beispiel an die Brüder Joachim und Hans Schaumberg, 1932 und 1938 in Adelebsen geboren, als Kinder deportiert und gestorben im Warschauer Ghetto und im Vernichtungslager Sobibor.
Berndt Schaller / Eike Dietert: Im Steilhang. Der jüdische Friedhof zu Adelebsen. Erinnerung an eine zerstörte Gemeinschaft. Universitätsverlag Göttingen, geb., 334 Seiten mit zahlreichen Schwarzweiß-Abbildungen, 24 Euro.

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