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Herzchen-Kitsch und Römertradition

Wochenendkolumne Herzchen-Kitsch und Römertradition

Wieder so eine amerikanische Unsitte, murmelt mein lieber Mann gerne, wenn der 14. Februar ins Haus steht. Und weigert sich standhaft, am allgemeinen Blumenschenk-Rausch teilzunehmen.

Den verabscheut er mindestens so sehr wie ich den alljährlich ausbrechenden Herzchen-Kitsch. Auf meiner persönlichen Topliste steht in diesem Jahr ein Sushi-Angebot im Supermarkt ­ in Herzchenform. Aber zurück zu den Amerikanern. Sie sind ausnahmsweise nicht Schuld. Da gibt es zum einen die Legende um einen christlichen Bischof namens Valentin im dritten Jahrhundert nach Christus. Er hatte laut dieser Legende einige Verliebte christlich getraut, darunter Soldaten, die nach damaligem kaiserlichen Befehl unverheiratet bleiben mussten. Zudem hat er der Legende nach den frisch verheirateten Paaren Blumen aus seinem Garten geschenkt. Auf Befehl des Kaisers Claudius II. wurde er am 14. Februar 269 wegen seines christlichen Glaubens enthauptet. Das wäre also ein eher trauriger Gedenktag.

Einer anderen Legende zufolge bezieht sich der Valentinstag auf das römische Fest der Lupercalien. Diese fanden zwischen dem 15. und 23. Februar zu Ehren der Liebesgöttingen Juno Februata statt. Junge Mädchen gingen an diesem hohen Festtag in den Juno-Tempel, um sich ein Liebesorakel für die richtige Partnerwahl zu holen. Junge Männer aus dem einfachen Volke zogen angeblich an diesem Tag Lose, auf denen die Namen der noch ledigen Frauen standen. Die so gelosten Pärchen gingen miteinander aus, manche Geschichtsschreiber sprechen auch von turbulenten Festen. Dieser Volksbrauch galt vielen römischen Aristokraten als unmoralisch. Ehemänner schenkten ihren Frauen an diesem Tag Blumen. So haben sich wohl, wie häufig in der Geschichte, älteres Brauchtum mit christlicher Geschichte vermischt. Die Blumenhändler freuen sich bis heute darüber…
Allgemeine Trauer wird am Valentinstag in diesem Jahr bei allen Freunden des Kinos herrschen. Denn ausgerechnet am Montag, 14. Februar, fällt im Göttinger Sternkino nach gut 65 Jahren der letzte Vorhang. Die Abschiedsvorstellung war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Über solche Besucherzahlen hätten sich die Betreiber in den vergangenen Jahren sicher gefreut. Darüber sollten all diejenigen nachdenken, die jetzt lauthals die Schließung beklagen – aber vermutlich seit Ewigkeiten das Sternkino nicht mehr von innen gesehen haben. Auch den Filmemacherinnen Nadine Eckermann und Marie-Luise Rudolph wird es am Montag traurig ums Herz sein. Denn erst vor fünf Monaten hatte der Tageblatt-Film über die „50er Jahre in Göttingen“ in ebendiesem Sternkino Premiere. Wobei das Kino selbst wiederum Teil des Filmes ist. Womit sich der Kreis schließt, wenn am Montag im Sternkino die 50er Jahre noch einmal aufleben.
Eine ganz neue Form der Entscheidungsfindung haben in dieser Woche die Finanzpolitiker der Stadt erprobt: Fast eineinhalb Stunden durften Hoteliers und Vertreter der Industrie- und Handelskammer ihre Argumente gegen eine geplante Bettensteuer auf jede Hotelübernachtung vortragen. Das hat es bisher noch nicht gegeben. Wollten sich Einzelbürger, Initiativen oder Interessenvertreter einer bestimmten Sache im Rat und in seinen Ausschüssen mitmischen, gab es bisher nur drei Möglichkeiten: Sie konnten sich vorher an die Fraktionen wenden. Sie konnten in der Bürgerfragestunde eine Anregung geben – allerdings meistens erst am Ende der Sitzung, wenn alles gelaufen ist. Oder sie konnten mit etwas Glück als sogenannte sachkundige Bürger in der Sitzung ganz kurz ein paar Worte sagen. Eineinhalb Lobby-Stunden in einer Ausschusssitzung sind da ein ganz neuer Weg der Bürgerbeteiligung. Wir sind gespannt, ob künftig auch Sozialverbände und Elternvertreter so viel Raum bekommen, wenn Kindergartenbeiträge erhöht, oder Musiker und Schauspieler, wenn Kulturzuschüsse gekürzt werden. Gut, dass die Sitzungsgelder für die Politiker nicht nach Sitzungsdauer gezahlt werden.

Von Ilse Stein und Ulrich Schubert

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