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Historiker Jürgen Schallmann schreibt "Göttingen ganz unten"

Buch schildert Schicksale von Armen im 19. Jahrhundert Historiker Jürgen Schallmann schreibt "Göttingen ganz unten"

1861 ist das zehnjährige Waisenkind Louise Loeser im Göttinger Armenarbeitshaus untergebracht. Kurz danach wird sie wegen Epilepsie in das Universitätsklinikum eingewiesen. Im November 1874 erscheint sie im Entbindungshospital der Universität und bringt schon am nächsten Tag ein Kind zur Welt.

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Wandbild im Alten Rathaus in Göttingen: Die Figur links spielt auf den stadtbekannten Armen Carl Wienecke an, der Richter ist Senator Carl Borheck nachempfunden. Hinzmann

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Die Stadt bemüht sich um Unterhaltszahlungen des Vaters. Doch im Februar verschwindet Louise Loeser aus Göttingen.

Ihr drei Monate altes Kind setzt sie bei einem Handarbeiter aus. Sie versucht, dem Schicksal der Armut zu entfliehen.

Wie lebten Arme in Göttingen im 19. Jahrhundert? Und wie begegneten ihnen die Armenpfleger, die sie betreuten? Fragen wie diesen ist der Historiker Jürgen Schallmann in einer Studie nachgegangen. Eines der Schicksale, auf die Schallmann stieß, ist das von Louise Loeser.

„Unwürdige Arme“ mussten ins Arbeitshaus

Mit seiner lokalen Studie versucht Schallmann, Lücken in der bisherigen Forschung zu schließen. Die hat sich auf die übergeordnete Sozialgesetzgebung des Staates konzentriert. Doch wie sah die konkrete Umsetzung in einer Stadt wie Göttingen aus?

Um darauf eine Antwort zu finden, musste sich Schallmann überhaupt erst eine Quellenlage schaffen, indem er aus Unterlagen der Armenverwaltung und von Wohltätigkeitsvereinen einen Datenbank mit 5000 Namen aufbaute.
Göttingen war um 1900 eine mäßig industrialisierte Universitäts- und Garnisonsstadt.

Die zum Teil kapitalkräftigen Personen aus Universität und Armee zogen ein ausgeprägtes Dienstleistungswesen nach sich. Den Anteil der Unterschicht an der Göttinger Bevölkerung schätzt Schallmann auf 40 bis 50 Prozent. Die unterste soziale Schicht seien die Menschen gewesen, die im 19. Jahrhundert in den Buden und Hütten von „Klein Paris“ – der heutigen Turmstraße – hausten.

Aber wer war damals eigentlich arm? Eine klare, verbindliche Definition gab es nicht, so Schallmann. Als arm galt, wer Unterstützung nötig hatte, und wer das hatte, bestimmten ehrenamtliche Armenpfleger. Von Armut bedroht konnten Menschen sein, wenn durch nachlassende Kraft im Alter, Krankheit, Kündigung, Weggang eines Angehörigen oder steigende Kinderzahl das Familieneinkommen schrumpfte.

Zu den von Armut bedrohten Kreisen gehörten damit vor allem Tagelöhner, Handwerker und Arbeiter. Es konnten aber auch Personen aus bürgerlichen Kreisen – etwa durch den Tod des Haupternährers –von Armut betroffen sein.

Die Armen wurden in verschiedene Kategorien eingeteilt

Die Sozialgesetzgebung im Kaiserreich unter Reichskanzler Otto von Bismarck entlastete zwar die Armenkassen, machte sie aber lange noch nicht überflüssig. 1891 stellte etwa der 45-jährige Schneider Heinrich Julius Freese ein Gesuch auf Altersrente. Die Lebensverhältnisse der Unterschicht – schlechte Nahrung, zugige, kalte, mitunter feuchte Behausungen, schwere Arbeit – hatten seinen Körper vermutlich ausgelaugt.

Freeses Gesuch wurde jedoch abgelehnt, weil er die versicherungspflichtige Mindestarbeitszeit nicht aufweisen konnte. Er wurde 1892 ins Siechenhaus aufgenommen und kam später in das Reinholdsstift, wo er 1899 starb.

1885 unterstützte die Stadt Göttingen knapp 500 Menschen mit rund 400 Angehörigen. Das entsprach etwa vier Prozent der Göttinger Bevölkerung. Um 1900 wurden 2,5 bis vier Prozent aus dem Stadthaushalt für Armenpflege ausgegeben.

Die Armen wurden in verschiedene Kategorien eingeteilt und je nachdem auch unterschiedlich behandelt. So gab es in der damaligen Sicht „würdige“ und „unwürdige“ Arme. Bedürftigkeit und Würdigkeit wurden durch Hausbesuche und Ermittlungen der Armenpfleger festgestellt, schreibt Schallmann:

Die Bewertung der Lebensführung erfolgte nach den eigenen bürgerlichen Kriterien der Armenpflege: Ordnung und Sauberkeit im Haushalt, Ordnung der Kinder, Arbeitsfleiß, Sparsamkeit usw.“

In der offenen Armenpflege konnten die Armen in ihren eigenen Wohnstätten bleiben. In der geschlossenen Armenpflege gab es zwei Möglichkeiten. Durch Alter oder Krankheit dauerhaft pflegebedürftige Arme wurden in einem Siechenhaus oder Krankenhaus untergebracht.

Als „unwürdig“ eingestufte Arme, denen man Arbeitsscheu, Liederlichkeit oder Trunksucht vorwarf, wurden in Arbeitshäuser eingewiesen, wo die Armen zwangsweise arbeiten mussten. In Göttingen befand sich das Armenarbeitshaus seit 1826 in der Angerstraße. Die hier Untergebrachten mussten zum Beispiel Holz zerkleinern oder Matten flechten.

Es gab auch stadtbekannte Arme wie Carl Wienecke, der diverse Male aus dem Armenarbeitshaus floh und im Sommer im Ausflugsort Mariaspring selbstgepflückte oder erbettelte Blumen verkaufte. Als Faktotum wahrgenommen, konnte er sich gewisse Freiheiten herausnehmen, musste aber auch üblen Spott durch Studenten ertragen.

milchfrühstück für arme Schulkinder

Armenpfleger stammten aus dem Bürgertum und waren von Beruf zum Beispiel Volksschullehrer oder Bäckermeister. Die Armen erhielten meistens Geldzahlungen – für Miete, und Unterhalt, aber auch für Ernährung und Bekleidung. Es gab aber auch materielle Hilfen wie ein Milchfrühstück für Schulkinder, Lebensmittel oder Heizmaterial.

Die Armen stellten schriftlich oder mündlich einen Antrag auf Unterstützung. Der Armenpfleger, der ihre Lage beurteilte, konnte für die Stadt oder auch für einen Verein im Einsatz sein. Denn neben der Kommune gab es eine Reihe von Vereinen, die sich um die Armen kümmerten, so etwa der Göttinger Frauen-Verein und der Verein gegen Verarmung und Bettelei.  Vereine waren im 19. Jahrhundert ein wesentliches Merkmal der bürgerlichen Gesellschaft.

Neben den Säulen Stadt  – als Hauptakteur – und Vereine macht Schallmann in der Armenpflege noch zwei weitere Säulen aus: die Kirchengemeinden und die Universität, deren Theologische Fakultät ein Waisenhaus betrieb.

Als ein Leitmotiv der Armenpflege zwischen 1860 und 1914 macht Schallmann – hier ist die Vergangenheit der Gegenwart möglicherweise ganz nah – einen „unbedingten Sparwillen“ aus: „Sobald anscheinend überhaupt nur der Verdacht aufkam, eine Unterstützung wäre in irgendeiner Art und Weise zu großzügig bemessen, wurde diese gekürzt.“

Die Göttinger Armenpflege zeigte sich laut Schallmann als ein stark personenzentriertes System, in dem insbesondere Senator Carl Borheck lange Zeit eine zentrale Rolle gespielt habe. Im Ganzen  habe das System funktioniert, meint Schallmann. Jedoch: „Was in Göttingen besonders auffällt, ist die erst sehr spät stattfindende Professionalisierung des Armenwesens.“

Jürgen Schallmann: Arme und Armut in Göttingen 1860-1914. Vandenhoeck & Ruprecht,  geb. 241 Seiten, 49,99 Euro.

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