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Hoch zu den Glocken

Führung über das Dach in die Türme der St. Johanniskirche Hoch zu den Glocken

Seit 1350 ragen die Türme von St. Johannis in den Göttinger Himmel. 666 Jahre später führt Diakonin Bettina Lattke interessierte Besucher bis in die letzten Winkel des gotischen Kirchenbaus und seiner Geschichte.

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Quelle: Hinzmann

Göttingen. Treffpunkt ist vor dem Westeingang der Innenstadtkirche. Bevor die Gäste die 242 Stufen zur Türmerwohnung erklimmen, lenkt die Kirchenpädagogin Lattke die Blicke vom romanischen Portal bis zu den Spitzen von Süd- und Nordturm. Letzterer ist das Ziel der kleinen Expedition. Im Inneren gibt es zunächst Gelegenheit zum vorübergehenden Aufwärmen. Lattke verweist auf die Grundmauern einer romanischen Basilika, die früher mal an dieser Stelle gestanden hat. Bilder im Eingangsbereich zeigen den Wandel der Kirche über die Jahrhunderte: 1790 mit geschlossenem Kanzelaltar, dahinter verborgener Sakristei und zwei Emporen. Hundert Jahre später zeigt sich St. Johannis im neugotischen Gewand.

 Durch eine für heutige Größenverhältnisse winzig wirkende Tür geht die Gruppe den Weg, den seit 1412 die Wächter der Stadt genommen haben, um zu ihrer Unterkunft zu kommen. Über die steinernen Stufen der Wendeltreppe geht es zunächst auf den mittelalterlichen Dachboden der Kirche. Unterwegs erinnern verkohlte Reste des Kaiserstuhls an den Brand von 2004.

 Hinter der nächsten schweren Tür wird ein Kunstwerk aus mehr als 700 Jahre alten Eichen- und Lärchebalken sichtbar – "ein fünfetagiges Kehlriegeldach", erklärt die Diakonin. Für die Öffentlichkeit zugänglich ist dieser Bereich erst seit der jüngsten Dachsanierung. Vor zehn Jahren wurden hier einige marode Balken durch neue ersetzt. Seither geht der Besucher auf einem Holzsteg über die nun auch vom Bauschutt befreiten Gewölbe der Kirche.

An der Ostwand weist Lattke auf einen großen Riss im Mauerwerk. "Hier wird regelmäßig überprüft, ob sich die Wand weiter bewegt", erklärt sie. Ein beruhigender Gedanke für die Besucher, die sich in diesem Moment in für sie ungewohnt luftiger Höhe bewegen. Der Gedanke, dass das Gebälk und Gestein nach mehreren Jahrhunderten ausgerechnet jetzt seinen Dienst verweigert, ist schnell verworfen. Früher sei es hier oben gefährlich gewesen, erinnert sich die Diakonin, die diese Führung seit 2011 anbietet. "Mit Taschenlampe bin ich hier über die Balken geklettert." Bevor das Dach dicht gemacht wurde, wohnten hier auch noch Tauben. Heute sind es nur gelegentlich einige Fledermäuse.

 Vor der letzten Etappe, dort wo sich der Turm vom Viereck zum Oktagon verengt, warnt ein alter Schriftzug vor dem "L'esprit d'escalier", dem Geist der Treppe. Bei starkem Wind gäbe es hier schon manchmal unheimliche Geräusche, sagt Lattke. Aber ein Geist in der Kirche? Mit diesem Gedanke im Kopf geht es zur Glockenstube. Hier hängen die 400 Jahre alte Taufglocke neben der zwei Tonnen schweren Sterbeglocke, für den Dreiklang sorgt ein Exemplar von 1958. Zwei weitere Glocken geben im Südturm genau in dem Moment die Zeit an, als die Besuchergruppe das Ziel der Führung erreicht hat und ins Freie tritt. Hier oben bezog nach dem Dienstende des letzten Wächters 1921 mit Arthur Robert von Hippel der erste Student sein Domizil. Weitere Generationen folgten, bis 2004 die Flammen kamen.

Die nächste Führung beginnt an Sonntag, 8. Januar, um 12 Uhr vor der St. Johanniskirche.

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