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Höflichkeit für ein Lächeln im Gesicht

Thema des Tages Höflichkeit für ein Lächeln im Gesicht

Die Jugend von heute hat keine Manieren mehr: Dieses Vorurteil kennt vermutlich jede Generation. "Das ist vielleicht einfach eine Frage des Alters", sagt einer, der es wissen muss: Ullrich Ellwanger ist Göttingens Benimm-Experte.

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Meister des guten Benehmens: Ullrich Ellwanger bildet an den Berufsbildenden Schulen Gastronomie-Nachwuchs aus.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Ullrich Ellwanger bildet den Gastronomie-Nachwuchs an den Berufsbildenden Schulen (BBS) am Ritterplan aus. Natürlich gebe es auch bei heutigen Schülern Defizite, in der Regel nehme aber das Interesse an gutem Benehmen mit zunehmendem Alter und vor allem später im Berufsleben deutlich zu. „Der Stellenwert verändert sich dann deutlich“, sagt Ellwanger. Und: „Die jungen Leute kommen auf ganz unterschiedlichem Level hier an.“ Meistens, so der Ausbilder, seien die Mädchen etwas interessierter an gutem Benehmen, die jungen Männer zunächst noch etwas rüpelhafter, sie wollen dadurch cool wirken. Während der Ausbildung werden die Jugendlichen oft zu jungen Erwachsenen, die sich in der neuen, kniggegemäßen Rolle gut zurechtfinden.

Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Freundlichkeit: Diese Eigenschaften bringt Ellwanger den Schülern nahe. Und zwar mit Freundlichkeit. Wenn ein Schüler zu spät kommt und den Unterricht stört, entgegnet der Lehrer: „Entschuldigung, dass ich pünktlich mit dem Unterricht begonnen habe.“ Wenn er morgens Schüler passiert, die seine  Grüße nicht erwidern, sei das nach ein paar Wiederholungen meist erledigt und ein freundliches „Guten Morgen“ erklingt“. „Ich will damit einen Denkprozess anstoßen, und das funktioniert“, sagt er. Und: „Man muss es einfach vorleben.“

Kassiererinnen mit Namen ansprechen
Ellwanger praktiziert diesen Stil überall – nicht nur in der Schule. Ich wünsche manchmal den Kassiererinnen im Supermarkt einfach einen schönen Tag, spreche sie möglichst mit Namen an. „Das zaubert fast immer ein Lächeln ins Gesicht“, sagt er. Dass gutes Benehmen das Leben bereichert, zeige sich vor allem an solchen Kleinigkeiten. „Einfach aufmerksam sein, mal eine Tür aufhalten oder beim Tragen schwerer Taschen helfen“, rät der Profi.

Unfehlbar ist natürlich auch der Lehrer nicht. Beim Essen, da dürfen die Arme nicht auf dem  Tisch landen. Maximal bis zum Handgelenk darf man sich abstützen. „Aber das gelingt mir auch nicht immer“, sagt er lachend. 

Ellwanger ist eigentlich gelernter Restaurantfachmann, hat seinen Meister in dem Fach und in vielen Bereichen und vielen Hotels gearbeitet. Seit drei Jahren ist der 52-jährige Göttinger Ausbilder im  Ernährungsbereich der BBS. Aber woher kommt das Wissen und das Interesse für Benimmregeln? „Das Wissen habe ich mir selbst erarbeitet, das Interesse war schon immer in mir drin“, sagt er. „Für mich ist das kein Job, es ist Berufung.“

Viele Benimmregeln haben sich im Laufe der Jahre verändert. Einen Knicks, wie noch in den 60er-Jahren, muss heute niemand mehr machen (es sei denn, die Königin kommt zu Besuch). Dafür ist ein massives neues Problem am Knigge-Himmel aufgetaucht: das Handy.  Es klingelt hier, brummt dort, blinkt ständig. „Das ist ein absolutes No-Go“, sagt Ellwanger. 

Die schwächere Person geht auf der Treppe voraus
Bei Tisch, oder immer wenn man in Gesellschaft anderer ist, sollte man sich auf sein Gegenüber konzentrieren. Das Handy habe beispielsweise auf dem Esstisch absolut nichts zu suchen. „Wer berufsbedingt darauf angewiesen ist, kann es in der Tasche auf Vibration stellen, sich bei Bedarf entschuldigen, aufstehen und an einem passenden Ort zurück rufen.“  Manchmal wünscht sich Ellwanger einen Komplettausfall des Handynetzes in ganz Deutschland – nur für Schüler.
Es ist nicht immer ganz leicht, die richtige Regel anzuwenden. Beispiel: Wer geht auf der Treppe voraus. Früher ging die Frau hinauf voraus, der Mann beim Abstieg. Lady first: Diese Formel gilt heutzutage nur noch bedingt. „Heute gilt die Regel, die schwächere Person geht aufwärts voraus.“ Das könne schon mal zu Konflikten führen und berge einige Fallstricke bei kleinen Männern oder kräftigen Frauen. Sinn der Regel ist nämlich, dass im Stolperfall geholfen werden kann.
Generell sei es nicht immer eindeutig, welche Regel wann anzuwenden ist. „Wichtig dafür ist, in welcher Rolle ich gerade bin“, sagt der Göttinger. Beispielsweise beim Händedruck. Dort gelte eine Reihenfolge nach Hierarchie – der Chef entscheidet selbst, wem er die Hand gibt. Die Frau bietet ihre Hand an. Für den Gastgeber gelten zudem andere Regeln, als für den Gast. Bin ich Gast, bin ich Chefin oder bin ich beides? 

Im Zweifel aber, so Ellwanger, zähle immer die Freundlichkeit. Auch wenn man einmal leicht neben der Etikette liege, lasse sich mit einem Lächeln vieles wettmachen. Wichtig ist, sich auf die Menschen einzustellen. „Und das kann jeder lernen“.

Hätten Sie es gewusst?
Ein paar Tipps von Benimm-Profi Ullrich Ellwanger:
Was geschieht mit der Serviette nach dem Essen?
Sie wird ordentlich, mit der Saumkante nach innen gefaltet und links neben dem Teller abgelegt.

Wohin gehört die Handtasche bei Tisch?
Damit sie nicht zur Kellnerfalle wird, stellt man sie auf der linken Seite des Stuhls ab, die Servicekräfte kommen von rechts. Kleine Handtaschen dürfen auch auf dem Stuhl hinter dem Rücken deponiert werden. Wird kein Essen serviert, darf eine kleine Clutch auch auf dem Tisch liegen.

Dürfen Frauen eine Mütze bei Tisch tragen?
Früher wie heute gilt: Die Dame darf den Hut bei Tisch aufbehalten, der Mann nicht. Basecaps und andere Mützen gehören, egal wer sie trägt, nicht an den Tisch.

Gemeinsamer Restaurantbesuch von Frau und Mann: Wer tritt als erstes ein?
Der Mann hält der Frau die Tür auf, geht dann aber einen Schritt voraus in das Restaurant. Der Blick soll nicht gleich auf die Dame fallen.

Wie benehme ich mich an der Garderobe?
Die Frau wartet, bis der Mann seinen Mantel abgelegt hat. Dann hilft er ihr aus der Jacke.

Wie lautet die korrekte Begrüßung?
Bis zwölf Uhr: Guten Morgen. Von 12 bis 18 Uhr: Guten Tag. Nach 18 Uhr: Guten Abend. Ein freundliches Hallo ist laut Ellwanger meistens in Ordnung, aber „nicht so wertig“.

Wohin mit dem Kaugummi?
Grundsätzlich gilt, in Gesellschaft wird nicht gekaut. Trifft man unvorhergesehen auf einen Gesprächspartner, dreht man sich um, gibt das Kaugummi in ein Papiertaschentuch und wendet sich dem anderen wieder zu.

Wohin mit dem Rucksack?
Immer, wenn man einen Raum (oder auch einen Bus/Bahn) betritt, setzt man den Rucksack ab und trägt ihn am Arm. In England gibt es Kaufhäuser, wo unwissende Rucksackträger darauf am Eingang hingewiesen werden.

Wie geht der korrekte Handschlag?
Der Ranghöhere oder Ältere entscheidet, mit wem er einen Händedruck austauschen möchte. Auch der Gastgeber bietet seinem Gast die Hand. Über die Reihenfolge des Händeschüttelns entscheidet wiederum die Rangfolge, der Chef oder die Damen werden zuerst begrüßt. Bei einer größeren Anzahl von Personen begrüßt man zuerst die bekannten Personen, bevor man sich selbst vorstellt.

Wie geht ein Handkuss?
Die Frau reicht die Hand mit dem Rücken nach oben. Die Lippen des Mannes dürfen die Haut nicht berühren.

An der Garderobe: Frau wartet, bis Mann ihr aus dem Mantel hilft. Geht gar nicht: Das Telefon auf dem Esstisch. Rucksack: Gehört nur draußen auf den Rücken, nicht im Geschäft. Hinzmann

Quelle:

Einst Student in Göttingen: Freiherr Knigge

Sein Name steht noch heute für perfekte Umgangsformen: Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge. Wer sich heute in Sachen gutes Benehmen informieren möchte, der schaut ins gleichnamige Buch. Knigge, geboren am 16. Oktober 1752 in Bredenbeck bei Hannover, studierte an der Göttinger Universität. Von 1769 bis 1772 war er für Jura in Göttingen eingeschrieben,  1772 ging er nach Kassel.  Er verfasste neben mehreren Romanen, Essays und Satiren auch  das bekannte Buch „Über den Umgang mit Menschen“ – es erschien 1788. Freiherr von Knigge starb am 6. Mai 1796 in Bremen. Sein Buch war schon zu Lebzeiten ein Erfolg, ein Benimmratgeber war es nicht. Es handelte davon, wie man andere Menschen behandeln soll.

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