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Hoffmann von Fallersleben und Göttingen

Nationalied-Dichter Hoffmann von Fallersleben und Göttingen

Prosa des Lebens“ schlägt dem jungen August Heinrich Hoffmann nach eigener Auskunft entgegen, als er 1816 zum Theologie-Studium nach Göttingen kommt.

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Johannisstraße 27: die Gedenktafel für den Nationallied-Dichter.

Quelle: CH

Nach mehrtägiger Fußreise von seinem Heimatort Fallersleben kommt er am 28. April in der Universitätsstadt an – mit wenig Geld und ohne Interesse am väterlich verordneten Pfarrberuf.

Was verdankt der spätere Dichter des „Liedes der Deutschen“ nun seiner Zeit in Göttingen und an der dortigen Universität? Dieser Frage ist der Roringer Autor Eberhard Rohse in einem Beitrag für einen Forschungsband über Hoffmann von Fallersleben nachgegangen.
In Göttingen wohnt Hoffmann unter anderem zu Füßen der Kirchtürme in der Johannisstraße 27. In seinem ersten Semester hört der Student zwei Häuser weiter bei dem Theologieprofessor Gottlieb Jakob Planck Kirchengeschichte. Doch Hoffmanns Urteil über den Träger des Guelphenordens fällt wenig schmeichelhaft aus. Er habe kein Wort verstanden, so Hoffmann: „Der hochgelehrte ehrwürdige Herr hatte ein sehr schlechtes Organ und sprach dazu noch alles schwäbisch aus. Ich blieb bald weg.“ Bald brach von Fallersleben das Theologie-Studium ganz ab. Stattdessen betreibt er Sprach- und Literaturstudien und reist zu Fuß in die nähere und weitere Umgebung Göttingens. Einmal überfällt ihn, als er allein von Dransfeld aus auf Göttingen zuwandert und die untergehende Sonne ihm einen langen Schatten schenkt, eine phantastische Ahnung künftiger Größe.

Vom korporativ-landsmannschaftlich geprägten Göttinger Studentenleben hält sich Hoffmann eher fern, denn dann galt: „Man war sicher vor diesen kalten, vornehmen, empfindlichen Musensöhnen, wie sie damals massenhaft nur in Göttingen gediehen und gedeihen konnten.“ Auch die Professorenschaft bekommt in seiner Lebensbeschreibung sein scharfes Urteil zu spüren: „Bei gewissen (Professoren) konnte man nur im Frack und mit dem Cylinder einen Besuch machen, und hatte man gar das große Glück, zum Thee eingeladen zu werden, so musste man ballmäßig erscheinen.“ An anderer Stelle charakterisiert er die Professorenschaft als „kalte, vornehme Leute, verkommen in lauter Gelehrsamkeit, ohne Vaterland“. Ihn enttäuscht vor allem, dass ein burschenschaftliches deutsch-nationales Engagement im Sinne des Wartburgfestes 1817 im „königlich großbritannisch-hannoverschen“ Göttingen kaum Fuß fassen konnte. Bei den Göttinger Studentenunruhen vom Juli 1818 profiliert sich Hoffmann dann allerdings als Agitator für studentische Burschenfreiheit.

1817 war der Student zur Philologie gewechselt. 1818 regt ihn Jacob Grimm, den er in Kassel besucht, zum Studium der deutschen Sprache und Literatur an. Die Forschungstätigkeiten des späteren Germanisten, der mitteltalterliche Handschriften entdeckt und ediert, bilden sich aus. Seine Göttinger Studentenjahre blieben jedoch bis zuletzt von Geldmangel überschattet.

Nach seinem Wechsel nach Bonn 1819 gibt Hoffmann ein „plattdeutsches Spottgedicht“ heraus, das seinen Sitz in der Nähe von Göttingen hat: „Die Dransfelder Hasenjagd“. Das Original der Text-Abschrift Hoffmanns verwahrt heute die Göttinger Universitätsbibliothek. Auch satirische Verse schmiedete der spätere kritische Vormärzdichter schon in seiner Göttinger Zeit. Rohse führt in seinem Beitrag ein Reihe von amüsanten Beispielen an.

In höchsten Tönen lobt Hoffmann die Universitätsbibliothek, die er auch nach seiner Göttinger Zeit immer wieder für Forschungs- und Publikationsprojekte nutzte: „Dieser freigebigen Göttinger Bibliothek verdanke ich wenn nicht mehr, doch eben so viel als der theueren Heftweisheit der Göttinger Professoren.“ 1834 und 1836 besucht er Jacob und Wilhelm Grimm in Göttingen. Als die Brüder als zwei der Göttinger Sieben nach dem Protest im Verfassungskonflikt mit dem König die Universität verlassen mussten, prangerte dies Hoffmann mehrfach in seinen „Unpolitischen Liedern“ an. Diese haben zur Folge, dass er selbst 1842 seiner Breslauer Professoren-Existenz enthoben wird.

Immer wieder besucht Hoffmann später Göttingen, pflegt „geselligen Verkehr mit alten Freunden und Bekannten“, treibt Studien und wird am Ende auch als Dichter des Deutschland-Liedes gefeiert. Spitz bleibt seine Zunge gegenüber der Stadt dennoch. Die Göttinger Häuser seien „wahre Mördergruben, alles niedrig, dunkel, unheimlich“. Man müsse „wie ein Lahmer und ein Blinder gehen, wenn man sich nicht den Kopf einrennen oder Hals und Bein brechen will“. Über einen Abstecher zum „Grohnder Schießen“ schreibt der Dichter : „Die Bauern prügelten sich so tüchtig, als wollten sie mir ein Pröbchen eines echt germanischen Volksfestes liefern.“

Göttingen, so Rohse, sei für Hoffmann während seines späteren unsteten Lebens immer wieder ein Anlaufpunkt gewesen. Hier habe er wissenschaftlich-kollegiale Kontakte gepflegt, Forschungs- und Publikationsprojekte vorangetrieben. Göttingen sei von den Studentenzeiten bis in die letzten Jahre hinein bibliothekarisch-universitäre Forschungsstätte Hoffmanns geblieben.

  Forschungsband
  Der Beitrag von Eberhard Rohse „Gelehrsamkeit, Deutschlandpathos, Poesie des Grimms. Hoffmann von Fallersleben und Göttingen“ ist erschienen in dem Forschungsband: Hoffmann von Fallersleben. Internationales Symposion Corvey/Höxter 2008, hg. von Norbert Otto Eke u.a., Verlag für Regionalgeschichte Bielefeld, geb., 400 Seiten, 29 Euro. Weitere Beiträge in dem Band befassen sich unter anderem mit Hoffmanns Bild von der niederländischen Sprache und Kultur, seinem Wirken in Breslau und der Geschichte der Germanistik dort sowie mit der Darstellung Hoffmanns in polnischen Lexika.
   
  Von Fallersleben
  August Heinrich Hoffmann wird am 2. April 1798 in Fallersleben geboren. Er studiert erst Theologie, dann deutsche Sprache und Literatur. Nach Stationen in Göttingen und Bonn wird er 1823 Bibliothekar in Breslau und dort 1830 Professor für deutsche Sprache und Literatur. 1840 veröffentlicht er seine gesellschaftskritischen „Unpolitischen Lieder“, die 1842 zu seiner Entlassung führen. 1841 dichtet er das „Lied der Deutschen“, dessen dritte Strophe heute Nationalhymne ist. 1848 wird Hoffmann rehabilitiert, ab 1860 wirkt er als Schlossbibliothekar in Corvey, wo er 1874 stirbt. Von Hoffmann stammen auch populäre Kinderlieder.
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