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Verschwiegen und eine gute Christin

Studie über die Geschichte der Hebammen Verschwiegen und eine gute Christin

Die Geschichte der Hebammen in Stadt und Landkreis Göttingen hat die Holtenser Ortsheimatpflegerin Elsa Vollmer untersucht. Herausgekommen ist eine umfassende, lokal detaillierte Studie, die jetzt unter dem Titel „Wissen und Aberglaube“ erschienen ist.

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Holtensen. Eigentlich wollte sich Vollmer nur der Geschichte der Hebammen in Holtensen annehmen, aber: „Weil in Holtensen immer auch wieder Hebammen aus anderen Dörfern ausgeholfen haben, habe ich das Thema auf die Region ausgeweitet.“ Auf gut 220 Seiten werden neben den eingemeindeten Göttinger Dörfern Stadtteilen auch der gesamten Landkreis mit Ausnahme von Duderstadt untersucht.

In den Anfängen im 14. bis 16. Jahrhundert waren Geburtshelferinnen üblicherweise ältere Frauen, oft verwitwet, die durch finanziellen Druck zu dieser Tätigkeit gezwungen waren, schreibt Vollmer. Die Hebammentätigkeit war einer der drei Berufe, die nicht als ehrbar galten. Die anderen beiden waren der Bader, der Betreiber einer Badestube, und der Henker.

Für ihre regionalen Forschungen zur lokalen Hebammengeschichte ging die Heimatpflegerin zurück bis ins 17. Jahrhundert. Ab 1752 mussten alle Orte eine vereidigte Hebamme aufweisen. Bis zum 19. Jahrhundert war der Beruf weitgehend geregelt, weiß Vollmer: „Der Pastor musste feststellen, dass die Frau verschwiegen war, einen guten Ruf hatte, schreiben und lesen konnte und eine gute Christin war“. Denn gegebenenfalls musste sie Nottaufen vornehmen, und Verschwiegenheit war gefragt, weil Hebammen mit ihrer Arbeit Einblicke in sehr private Bereiche der Frauen und ihrer Familien bekamen. Hebammen wurden gewählt – von den Frauen des jeweiligen Dorfes. Vollmer: „Das war das einzige Wahlrecht, das damals Frauen hatten.“

Die Kirche forderte unbedingten Gehorsam. Die Hebammen, schreibt Vollmer, hatten „die Obrigkeit über den ,liederlichen Lebenswandel' von Frauen und uneheliche schwangerschaften zu informieren“. Außer Schere und Klistierspritze waren ihnen keine chirurgischen Instrumente erlaubt. Andererseits bekamen die Hebammen der Region ab Anfang des 19. Hajrhunderts eine fachkundige Ausbildung im Göttinger Accouchierhaus.

Viele Namen, die in ihrem Buch wieder auftauchen, seien in Vergessenheit geraten, sagt Vollmer. Vieles habe sich aus Archiven, aber auch aus Erzählungen rekonstruieren lassen. Das sei nicht selten mühsam gewesen: „An diesem Thema habe ich zwei Jahre lang intensiv gearbeitet.“ Bis zurück in die 1930er Jahre konnte Vollmer auf persönliche Erinnerungen zurückgreifen.

„Wissen und Aberglaube. Die Dorf-Hebammen der Vororte und des Landkreises Göttingen“ von Elsa Vollmer ist erhältlich bei: Ortsheimatpflege Holtensen, Telefon 0551/5211736, elsavollmer@web.de

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