Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Hürdenlauf Wohnungsbau

Thema des Tages Hürdenlauf Wohnungsbau

Mehr als 3000 Wohnungen fehlen allein in Göttingen, hunderttausende sind es bundesweit. Die zunehmende Zahl an Flüchtlingen macht das Unterbringungsproblem in aller Deutlichkeit sichtbar. Es müsste mehr gebaut werden, doch das ist alles andere als einfach und nicht nur eine Frage des Geldes.

Voriger Artikel
Göttinger Radler baut in Südamerika Schule für Wayúus
Nächster Artikel
Architekten zeigen Entwürfe für Friedländer Schule

Neubau des Wohnheims Theodor-Heuss-Straße in Göttingen: Die Städtische Wohnungsbau kooperierte mit dem Studentenwerk, so gab es Fördermittel des Landes.

Quelle: CH

Göttingen. Auf der Jahrestagung des Vereins vdw Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen in Göttingen wurde viel über die Probleme zur Behebung des immer akuter werdenden Wohnungsmangels gesprochen. Wesentliches Fazit: Es fehlen Zuschüsse, um Bauten in der benötigten Zahl zu finanzieren, weil Bauen an sich zu teuer ist und: Bauen ist langwierig. Eine zentrale Botschaft war daher auch: Selbst wenn jetzt die öffentliche Hand massiv in den Wohnungsbau investiert, sichtbare Ergebnisse gäbe es frühestens in zwei Jahren. Nichtsdestotrotz müsse gehandelt werden.

 

„Wir dürfen nicht die sozial Schwachen vergessen.“
Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen

 
In Göttingen und umgebender Region lassen sich die deutschen Probleme auf dem Wohnungsmarkt exemplarisch betrachten: In ländlichen Gebieten gibt es zunehmend Leerstände, weil es die Menschen in die Metropolen und Ballungszentren zieht. Auf der anderen Seite fehlten in Göttingen derzeit schon etwa 3000 Wohnungen, so Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. Die Flüchtlingsunterbringung ist zwar nur kleinerer Teil des Problems, sie wirkt sich aber ganz unmittelbar aus. „Wir bekommen bis Januar noch 910 Flüchtlinge dazu“, so Köhler. „Auf den Zietenterrassen und im IWF-Gebäude sind jetzt 330 bis 360 Plätze fertig oder fast fertig. Stellt das Goethe-Institut die Voigtschule zur Verfügung, kommen noch einmal 150 Plätze hinzu.“ Für den übrigen Platzbedarf suche die Stadt verstärkt nach Lösungen. „Aber selbst bei hoher Baugeschwindigkeit von fünf Monaten, wie auf den Zietenterrassen, kommen wir über den Januar hinaus. Trotzdem müssen wir jetzt Standorte suchen, wo wir neu bauen können.“

 
Bauen allerdings ist mittlerweile eine teure Angelegenheit. Die Kostensteigerung am Bau von etwa 45 Prozent seit 2000 veranschaulicht Claudia Leuner-Haverich, Geschäftsführerin der Städtischen Wohnungsbau, am Beispiel Alfred-Delp-Weg: „Seit dem ersten Bauabschnitt im Jahr 2003 mit Baukosten von etwa 1450 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche stiegen die Kosten im letzten Bauabschnitt 2015 auf rund 2200 Euro.“ Grund sind etwa Klimaschutzrichtlinien des Bundes, Brandschutzvorschriften der Länder oder Stellplatzvorgaben der Kommunen – eine Summe aus vielen kleinen und in der Absicht sinnigen Einzelmaßnahmen, die auf der Kehrseite zu den deutlichen Verteuerungen geführt haben. Wichtiger Gegenstand der Kritik der Wohnungsbauwirtschaft ist insbesondere die Energieeinsparverordnung (EnEV).

 

„Uns fehlen im Moment 3000 Wohnungen.“
Rolf-Georg Köhler, Oberbürgermeister von Göttingen

 
„Allein die Erhöhung der Referenzwerte der EnEV 2014, die ab 2016 umgesetzt werden müssen, wird Neubauten um weitere zehn Prozent verteuern“, schätzt Kreishandwerksmeister Christian Frölich, der selbst ein Bauunternehmen führt. „Diese Kostensteigerungen haben dazu geführt, dass eine Gruppe von potenziellen Bauherrn wie das Ehepaar mit zwei Kindern, Vater Facharbeiter, Mutter Teilzeit, die noch vor zehn oder 15 Jahren ein Einfamilienhaus bauen konnten, heute sich dies nicht mehr erlauben können.“

 
Die rechtlichen Vorgaben haben das Bauen zudem deutlich aufwendiger gemacht: Während man 2000 noch mit ein bis zwei Fachplanern für ein Haus auskam, sind es heute um die zehn, weil das nötige Wissen immer spezialisierter wird.
In Göttingen herrscht auch ein hoher Handlungsdruck, weil der Flächennutzungsplan der Stadt etwa 45 Jahre alt ist. „Es hat zehn Jahre lang keine Flächenplanung mehr in Göttingen gegeben“, so Oberbürgermeister Köhler. Deswegen befindet man sich im langwierigen Prozess der Neuaufstellung. Bis zu konkreten Bebauungsplänen wird es Jahre dauern. Klar ist eines: Es braucht mehr Baugebiete. Von zunächst 98 Hektar geht die Stadt aus, das sind 980000 Quadratmeter oder rund 130 Fußballfelder.

 
Bauplanung ist aber auch ein kompliziertes Geschäft: Anwohnergemeinschaften engagieren sich heute viel stärker und schneller gegen Bauvorhaben in ihrer Nachbarschaft, was eine Innenverdichtung, also das Bauen in bestehenden Wohngebieten, deutlich erschwert. Bauen auf dem Acker hingegen ist mit weniger Emotionen verbunden, doch stellen sich hier infrastrukturelle Fragen wie Verkehrsanbindung an die Innenstadt, Schulen oder Kindergärten.
Und dann ist da noch die Finanzierung. Die Baukosten der 43 Wohnungen für 96 Mieter im neuen Studentenwohnheim betrugen 6,9 Mio. Euro, von denen zwei Drittel das Land übernommen hat. Rechnet man das hoch wird deutlich, dass die zusätzlichen 400 Mio. Euro Wohnungsbauförderung des Landes zwar wichtig, aber keinesfalls ausreichend sind, um den bestehenden Bedarf zu decken. Der kommunalen Investitionstätigkeit sind bislang noch viel engere Grenzen gesetzt. Göttingen verpflichtet sich im Zukunftsvertrag zu einem ausgeglichenen Haushalt und kann eigentlich gar nicht merklich investieren. „Da beißt sich die Katze in den Schwanz“, sagt Köhler. Man befinde sich jedoch im Gespräch mit dem Innenministerium, ob die baulichen Sonderbelastungen nicht sozusagen aus dem regulären Haushalt ausgelagert werden könnten. „Da muss eine Lösung her.“

 

„Wir bauen am Markt vorbei“: Nachgefragt...
...  bei Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Der Gdw gliedert sich in 15 Regionalverbände, in denen insgesamt etwa 3000 Wohnungsunternehmen und Genossenschaften organisiert sind.

... bei Axel Gedaschko, Präsident des GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Der Gdw gliedert sich in 15 Regionalverbände, in denen insgesamt etwa 3000 Wohnungsunternehmen und Genossenschaften organisiert sind.

Quelle:

Wo im Baurecht sehen Sie die größten Bauverzögerer?
Zum einen sind die Baubehörden vielfach personell ausgedünnt. Zum anderen wirken sich Rechtsvorschriften wie Brandschutz, Emissionsschutz oder Denkmalschutz aus. Das führt zu Verzögerungen. Hinzu kommen häufig auch Bürgerproteste: Wohnungsbau wollen alle, aber nicht im eigenen Hinterhof. Aber jeder ist mit dafür verantwortlich, dass wir ein Dach über dem Kopf haben. Städte müssen Bauen als Priorität setzen, denn Bauen ist in dieser Zeit Chefsache.

 
Sie fordern von der Politik stärkere öffentliche Zuschüsse für den Wohnungsbau, gleichzeitig haben wir aber europaweit ein niedriges Zinsniveau und eine starke Nachfrage nach Wohnraum und damit sichere Renditen im Bau. Warum wird also nicht mehr privat investiert?
Es geht nicht um die Rendite. Es geht darum, dass das Bauen durch staatliche Auflagen mittlerweile extrem teuer geworden ist. Nach Zahlen der Baukostensenkungskommission des Bundes haben die Baukosten zwischen 2000 und 2014 um 45 Prozent zugenommen. Neubauten rechnen sich nur noch bei einer Miete oberhalb von elf Euro pro Quadratmeter. Das heißt, wir bauen am Markt vorbei, weil die, für die wir bauen müssten, eine solche Miete nicht bezahlen können. Deswegen brauchen wir die Zuschüsse, um die Miete auf einen bezahlbaren Betrag zu reduzieren.

 
Vom Land Niedersachsen wurden 400 Mio. Euro zusätzlich für die Wohnungsbauförderung zur Verfügung gestellt. Reicht das angesichts des hohen Bedarfs an zusätzlichem Wohnraum?
Aus der Vergangenheit haben wir schon einen Fehlbestand von 500000 Wohneinheiten. Der Gdw sagt daher, dass wir über einen längeren Zeitraum jährlich eigentlich 320000 Wohneinheiten bauen  müssten, mit der aktuellen Flüchtlingssituation kommen wir sogar auf 400000 Wohneinheiten. Das bedeutet, dass Politik das Thema Bauen jetzt komplett neu denken muss. Man muss aber auch anerkennen, dass alle Länder im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten handeln. Zukünftig muss es daher eine stärkere Kooperation zwischen Bund und Ländern geben.

 
  Interview: Sven Grünewald

 
Kommentar: Der Irrweg Schuldenbremse

Nun ist die Wohnungsnot so akut, dass laut nach öffentlichen Investitionen gerufen wird – weil es der Markt nicht regeln kann. Man könnte auch sagen: Es gibt zu viele Arme, für die es sich nicht lohnt zu bauen – sprich der gesamtdeutsche Wohlstand kommt nicht mehr unten an. Da man politisch sehr wohl auf die Wohlstandsverteilung Einfluss nehmen kann, schafft man sich, indem man es nicht tut, die Notwendigkeit öffentlicher Beihilfen für die Armen selbst. Auf der anderen Seite tönt es schon lange aus allen Richtungen, dass öffentliche Schulden ganz, ganz böse sind – weswegen überall in den Landesverfassungen Schuldenbremsen eingeführt wurden.
Schulden sind kein Teufelszeug, sondern die Kehrseite der Ersparnisse: Wer sein Geld auf die Bank trägt, erwartet davon Zinsen. Also muss das Geld irgendwo investiert werden, damit es mehr Wert schafft. Irgendwer muss investieren (in Realwirtschaft, wohlgemerkt), um (reales) Wachstum zu generieren. Es gibt volkswirtschaftlich aber nur drei Gruppen, die dafür infrage kommen: Privatverbraucher (die aber traditionell sparen), Unternehmen (die aber insgesamt keine hohe Nachfrage nach Krediten haben) und der Staat. Der allerdings darf bald kaum noch.
Auf der anderen Seite steht aber das enorme Investitionsdefizit. Straßen, Schulen verfallen und zu wenige Wohnungen werden auch gebaut. Diese Investitionen schaffen Sachwerte, schaffen Nachfrage, schaffen Wachstum und die Zinsen für das Kontoguthaben – und sind nicht bloß Schulden. Der Ruf nach mehr Investitionen für den Wohnungsbau hat solche Dimensionen, dass er das grundsätzliche Problem einer Schuldenbremse deutlich macht: Der Staat beraubt sich seiner volkswirtschaftlich notwendigen Handlungsmöglichkeiten.

 

Von Sven Grünewald

Sven Grünewald

Sven Grünewald

Quelle:
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Das Tanz-Team des TSC-Schwarz-Gold Göttingen