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Husten und Kniebeugen für den Staat

Göttinger Musterungszentrum Husten und Kniebeugen für den Staat

Mehr als 100 junge Männer werden jede Woche im Musterungszentrum Göttingen auf ihre Wehrdiensttauglichkeit geprüft. Um herauszufinden, was bei dieser Untersuchung vor sich geht, hat sich Lukas Breitenbach noch einmal mustern lassen – probehalber.

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Trainingsmangel? Unter Aufsicht von Medizinaloberrat Axel Knull wird der Blutdruck nach Belastung gemessen.

Quelle: Theodoro da Silva

Ganz entspannt soll ich liegen. Medizinaloberrat Axel Knull tastet mit seinen Handflächen über meinen rechten Oberschenkel bis zur Kniescheibe und presst seine flache Hand leicht dagegen. „Jetzt mal den Oberschenkel anspannen…“, fordert mich der Musterungsarzt unschuldig auf. Es knackt, ein stechender Schmerz jagt durch mein Knie. Knull lächelt mich an und ruft seiner Arzthelferin zu: „Drei neunundfuffzig.“ Dann tasten Knulls Hände über den linken Oberschenkel bis zur Kniescheibe: „Und jetzt mal hier anspannen…“ Ich lache den Mediziner an und versuche herauszufinden, ob er mich für so blöd hält, das tatsächlich zu wiederholen. Kein Scherz. Erneut durchfährt mich der Schmerz. „Zohlen beidseitig positiv“, konstatiert Knull knapp.

Die Untersuchung habe aber seinen Sinn, versichert der Bundeswehrmediziner. Denn schließlich seien „Knochen, Gelenke – der ganze Bewegungsapparat“ immens wichtig für einen Soldaten. Beim so genannten Zohlen-Zeichen-Test untersucht der Mediziner die Beschaffenheit des Kniegelenks. Die auftretenden Schmerzen können auf Knorpelschäden hinweisen. Deshalb checkt Knull auch besonders sorgfältig meine Bänder, möchte wissen, ob ich mir schon Knochen gebrochen oder  Rückenprobleme habe. Nein, antworte ich, alles in Ordnung eigentlich.

Alles wird penibel protokolliert. Genau wie zuvor Größe und Gewicht. Für alles gibt es stabsmäßig eine Gesundheitsnummer. Nummer 59 für die Gelenke, die Füße sind Nummer 71. Die Zahl davor bezeichnet den Zustand. Meine Gelenke bekommen eine römische drei, die Füße auch – Senk und Knickfuß. Aber es sei alles „im grünen Bereich“. Fein. 

Die ärztliche Untersuchung ist der wohl bekannteste, vielleicht berüchtigste Teil der Musterung. Legenden und Gerüchte ranken sich um die Inspektion beim Bund. Eine Aufforderung werden wohl die wenigsten, die die Musterung mitgemacht haben, vergessen: „Hustense ma bitte!“

Lebensretter Musterung

„Jaja“, grient auch Axel Knull, als wir an diesen Punkt der Untersuchung gelangen. Die Überprüfung von Leiste und Hoden „ist zwar tragisch, aber wichtig.“ Mindestens 20 junge Männer im Jahr sind heilfroh, dass ihnen die Bundeswehrärzte in die Hose greifen, um Leiste und Hoden abzutasten. So viele schickt Knull nämlich pro Jahr mit auffälligen Hodenbefunden zum Facharzt weiter. Nicht wenige landen innerhalb weniger Tage auf dem OP-Tisch, in einigen Fällen sogar noch am gleichen Abend. „Es gibt halt keine verpflichtende Untersuchungen mehr für Kinder und Jugendliche ab 14 Jahren“, beanstandet der Mediziner. Vieles gelangt so erst am Tag der Musterung in die Hand der Ärzte. 

Ansonsten ist auch die Musterungsuntersuchung sehr gewöhnlich: Ob es bekannte Krankheiten in meiner Familie gibt (auch Geisteskrankheiten), ob ich die Masern schon hatte (ich sage zwar ja, aber genau weiß ich das ehrlich nicht mehr), ob ich Allergien habe (ja, Penicillin), ob ich schon mal Probleme mit einer meiner acht Nebenhöhlen oder meinen inneren Organen gehabt hätte und so weiter.

Interessant wird es erst wieder, als wir in ein Gebiet vordringen, um das sich wohl die meisten urbanen Legenden ranken – das Thema Drogen. Ein genereller Drogentest, erklärt Knull, werde nicht durchgeführt. Nur wenn es Anhaltspunkte für einen Drogenmissbrauch gebe. Dennoch fragt er mich, ob ich Drogen nehme (nein, wirklich nicht) oder ob ich schon mal welche probiert hätte (an dieser Stelle war ich bei meiner echten Musterung nicht ganz ehrlich.). Wer hier zugibt, in dunkler Vorzeit mal an einer Haschzigarette gezogen zu haben, wird mittels eines Drogenscreenings seines Urins genauer überprüft. „Zurzeit gibt es viele, die wegen Drogenmissbrauchs ausgemustert werden“, klagt Knull. Dieser Umstand führe auch dazu, dass es viele Interessenten gibt, die zwar zur Bundeswehr wollen, aber wegen ihres Drogenkonsums nicht dürfen. Drogen und der Dienst an der Waffe, „das verträgt sich halt nicht“, stellt Knull fest.

Frisör ja, Pionier nein

Wie ich mich sonst so – geistig zum Beispiel – mit dem Dienst an der Waffe vertrage, soll die so genannte Eignungsuntersuchung und Eignungsfeststellung, kurz EUF, ergeben. Zunächst führen geschulte Mitarbeiter Gespräche mit den jungen Leuten, denen die persönliche Situation erläutert werden soll und Wünsche, Vorstellungen geklärt werden können, berichtet der Leiter des psychologischen Dienstes, Gerhard Rogge. In einem Test sollen die Fähig- und Fertigkeiten des Musterungskandidaten gefordert werden. 

Dazu muss ich mich in einen stickigen Raum mit einem halben Dutzend Computertischen setzen. Dann läuft alles vollautomatisch: Der Computer erklärt, gibt Beispiele, und dann muss ich ran. Wortpaare bilden: „Schüler – Studenten / Lehrer?“ Professor oder Hochschullehrer, wie genau nehmen die es hier? Kopfrechnen konnte ich noch nie besonders gut. Im Test werde ich auch noch mit Brüchen und Wurzelziehen konfrontiert. Als es an die „Logisches-Denken-Aufgaben“ geht, setze ich meinen Kopfhörer ab und breche den Test ab: „Jaja, das reicht mir schon…“

Auf Basis der Musterung, also der medizinischen Untersuchung und der EUF, steht jetzt fest, dass ich „wehrdienstfähig, und zwar verwendungsfähig mit Einschränkung für bestimmte Tätigkeiten“ bin – und damit „T2“ gemustert. Im Klartext heißt das für mich, dass ich unter anderem nicht zu den Pionieren dürfte (wegen meiner Gelenke). Auch Gebirgs- und Fallschirmjäger scheiden aus. Zum Wachbatallion der Kanzlerin nach Berlin darf ich ebenfalls nicht. Ansonsten stünden mir laut Verwendungsausweis eine tolle Karrieren als Richtkreiskanonier, Koch Frisör, Sattler und vielem mehr offen. 

Aber letztlich sitzen bei der Bundeswehr doch alle in einem Boot: Das Heer rudert, die Marine navigiert und die Luftwaffe fährt Wasserski. 

Von Lukas Breitenbach

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