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„Ich hatte immer so Hickser nach oben“

Vorlesen wie ein Profi „Ich hatte immer so Hickser nach oben“

Entscheidend ist nicht, was vorgetragen wird, sondern wie es vorgetragen wird. Carmen Barann und Yvonne Bangert (beide 54) haben das jetzt bei der VHS gelernt und sich von einem professionellen Sprech- und Stimmtrainer zu Vorleserinnen schulen lassen. Das hat lange gedauert und war nicht ganz billig. Aber es war „besser als ein neues Kleid“, sagt Barann. Und das ist ja schon mal ein Wort.

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Lesen gerne anderen etwas vor: Carmen Barann (links) und Yvonne Bangert.

Quelle: Vetter

Vorgelesen haben beide Frauen immer gerne, ihre Leidenschaft für Literatur, für das geschriebene Wort und wie man es nach außen tragen kann, das verbindet sie. Doch da war mehr. Barann zum Beispiel wollte wissen, wie sie auf andere Menschen wirkt, vor allem aber, wie sie reagiert, wenn sie vor Publikum liest. „Mag ich das, bin ich ängstlich? Ich wollte mich selbst erfahren“, sagt die 54-Jährige.

Bangert fand es schon in der Schule „faszinierend“, vorzulesen. Später las sie ihren Nichten, Neffen und Patenkindern vor, zuletzt ihrer Mutter, die so krank war, dass sie selbst dazu keine Kraft mehr hatte. Dabei stellte sie schon nach kurzer Zeit fest, „dass ich mit der Stimme etwas falsch mache“. Sie wurde schnell heiser, musste Pausen machen. „Das tat mir leid“, sagt sie, weil ihre Mutter ihr immer so gerne zuhörte. Da stand für sie der Entschluss fest, ihre Stimme von einem Profi trainieren zu lassen.

Der Profi heißt Christian Römer, und neben Barann und Bangert nahmen noch fünf weitere Frauen an seinem Kurs teil. Individuell sei er auf die Schwierigkeiten der Teilnehmerinnen eingegangen, sagen die Frauen. „Ich hatte immer so Hickser nach oben“, erinnert sich Barann. „Ich war anfangs oft viel zu schnell“, sagt Bangert.

Neben gymnastischen Übungen zum Aufwärmen des Sprechapparats ging es schon in den ersten Stunden ans Eingemachte. Sie mussten einen kurzen Text vorlesen und wurden dabei gefilmt. Das ging in den folgenden Wochen so weiter, aber erst am Ende des Kurses bekamen die Teilnehmerinnen die Sequenzen zu sehen. „Alle haben Verbesserungen festgestellt, obwohl alle auf hohem Niveau eingesetzt hatten. Das war kolossal“, erinnert sich Barann.

Doch es ging nicht nur ums Vorlesen an sich. Es ging auch darum, eine Lesung, ein Vorlesen zu organisieren. Welche Texte wählt man aus, wie stellt man sie zusammen, wie trägt man sie vor? Hinzu kamen organisatorische und rechtliche Fragen. Und all das präsentierten die Teilnehmerinnen 70 Zuhörern bei einer öffentlichen Lesung. „Ein paar waren ängstlich, aber Spaß hat es allen gemacht“, erinnert sich Barann.

Jetzt suchen beide nach neuen Herausforderungen. Barann möchte auf jeden Fall wieder öffentlich vorlesen, vielleicht in einem Restaurant kombiniert mit einem Menü. Aber auch in Gastwirtschaften oder Altenheimen aufzutreten, kann sie sich vorstellen. Dann möchte sie aus Büchern vortragen, die ihr gefallen, wie „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“ von Moritz Rinke. Angst davor hat sie keine mehr, dafür aber viele neue Ideen.

Bangert möchte das Gelernte ebenfalls weiter einsetzen, in Krankenhäusern, Altenheimen oder Hospizen vorlesen. Dabei gebe es viele Themen, die sie faszinierten. Am liebsten seien ihr Märchen, Mythen und Legenden. Pausen wird sie dann nur noch als Stilmittel einlegen. Und auch heiser war sie nach dem Vorlesen schon lange nicht mehr.

Der nächste Vorleserkurs beginnt am 18. März. Infos und Anmeldung bei Carola Piechota von der Volkshochschule Göttingen unter Telefon 05 51/49 52 19 oder per E-Mail an piechota@vhs-Göttingen.de

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