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In Göttingen häufen sich die Angriffe auf Burschenschaften

Gereizte Stimmung In Göttingen häufen sich die Angriffe auf Burschenschaften

Schon seit vielen Jahren kommt es in der südniedersächsischen Universitätsstadt Göttingen immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der linken und der rechten Szene. Die Zahl der Vorfälle, bei denen Burschenschaften im Fokus stehen, hat in jüngster deutlich zugenommen.

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Das Haus der Burschenschaft Hannovera Göttingen ist immer wieder Ziel von Farbbeutelwerfern und Sprayern. Die jüngste Sprayer-Botschaft „Seit Duderstadt ist Jagd eröffnet“ (links unten an der Fassade) bezieht sich vermutlich auf die Kundgebungen des Burschenschaftlers Lars Steinke in Duderstadt.

Quelle: PID

In den vergangenen zwei Jahren habe es 14 körperliche Übergriffe gegen Burschenschaftler und 26 Sachbeschädigungen an Verbindungshäusern gegeben, sagt der Leiter des Zentralen Kriminaldienstes der Polizei Göttingen, Volker Warnecke. Auch aus dem Lager der Burschenschaften gab es Angriffe. Der gravierendste Vorfall ereignete sich im Juli, als ein 21-Jähriger aus einem Verbindungshaus auf ein gegenüberliegendes Studentenwohnheims schoss.

Burschenschaften sind bereits häufiger ein Angriffsziel von Linksaktivisten gewesen. In jüngster Zeit seien die Konflikte virulenter geworden, sagt Warnecke. Die aufgeheizte Stimmung hängt unter anderem mit zwei Vorfällen im Sommer zusammen. Im Juli sollen zwei Verbindungsstudenten auf offener Straße einen Studenten attackiert und erheblich verletzt haben, der sich als Sprecher der so genannten Wohnrauminitiative engagiert. Vier Tage später schoss ein 21-Jähriger aus dem Gebäude der Burschenschaft Germania mit einer Druckluftwaffe in ein offen stehendes Fenster eines gegenüberliegenden Studentenwohnheims, wo gerade eine Band probte. Die Universität Göttingen hatte nach dem Vorfall sämtliche Verlinkungen auf ihrer Internet-Seite zu Studentenverbindungen gekappt. Es sei jedoch falsch und zu kurz gegriffen, wegen des Vorfalls pauschal alle Verbindungen zu verurteilen, erklärte damals ein Sprecher.

"Scheiß Burschi"

In den vergangenen Wochen häuften sich die Angriffe auf Burschenschaftler. Allein am Wochenende 12./13. Dezember meldete die Polizei drei Übergriffe. Erst sollen mehrere vermummte Personen vor einem Verbindungshaus zwei Studenten aus Nordrhein-Westfalen beschimpft, geschlagen und ihnen die Schärpe entrissen haben. Später sollen Unbekannte einen Verbindungsstudenten in der Innenstadt als „Scheiß Burschi“ beschimpft und verletzt haben. Am Sonntagabend bewarfen dann Unbekannte das Gebäude der Burschenschaft Hannovera in der Herzberger Landstraße mit Pflastersteinen.

Vor allem diese schlagende Verbindung ist Linksaktivisten ein Dorn im Auge. Vor drei Jahren geriet die Hannovera bundesweit in die Schlagzeilen, weil sich eines ihrer Mitglieder als Administrator einer rechtsextremen Internet-Seite des österreichischen Neonazis und Holocaustleugners Gottfried Küssel betätigt hatte. Der Göttinger Student hatte zudem in Internet-Foren unverhohlen seine nationalsozialistische Gesinnung zum Ausdruck gebracht. Nachdem Medien über diese Umtriebe berichtet hatten, wurde er aus der Burschenschaft ausgeschlossen.

Steinke: eine Reizfigur der Linken

Im Verbindungshaus der Hannovera wohnt eine weitere Reizfigur der Linken. Lars Steinke war 2013 zunächst stellvertretender Vorsitzender des Göttinger Kreisverbandes der  „Alternative für Deutschland“ (AfD), trat dann aber aus „persönlichen Gründen“ zurück – ebenso ein anderer AfD-Funktionär, der auf seiner Facebook-Seite mit dem Hitlergruß zu sehen war. Vor einem Jahr gründete der Burschenschaftler die Göttinger Hochschulgruppe „Junge Alternative“, seit kurzem ist er Vorsitzender des neu gegründeten Bezirksverbandes Braunschweig.

Der 22-jährige Student neigt zu verqueren Formulierungen. So verkündete er, dass man „die Menschen, die Potenziale, die durch die Flüchtlingskrise geschaffen wurden, auch abrufen“ müsse. Mehrfach behauptete Steinke, von Vermummten angegriffen worden zu sein. Nachprüfen lässt sich dies kaum, da keine Zeugen bekannt sind. Wiederholt haben sich AfD-Verlautbarungen über angebliche Angriffe in Göttingen als Räuberpistolen oder aufgeblasene Propaganda entpuppt.

Aktuell macht Steinke mit einer Reihe von Kundgebungen auf sich aufmerksam, die jeweils sonntagnachmittags am Ehrenmal für die Weltkriegsopfer in Duderstadt stattfinden. Am zweiten Adventssonntag versammelten sich dort etwa 65 Personen, lautstark gestört von einer Gegendemonstration mit 160 Teilnehmern.

Von Heidi Niemann

An den Hochschulen spielen Burschenschaften so gut wie keine Rolle

Bundesweit gibt es etwa 1000 Studentenverbindungen. Göttingen ist niedersachsenweit der Hochschulstandort mit den meisten Studentenverbindungen, insgesamt sollen in der traditionsreichen Uni-Stadt 42 Korporationen ansässig sein. Laut Wikipedia steht Göttingen damit bundesweit an vierter Stelle hinter München (84), Berlin (63) und Bonn (51). Bis zu diesem Sommer waren auf der Internet-Seite der Universität Göttingen Links zu 28 Verbindungen zu finden. Nach den Vorfall mit den Schüssen aus einem Verbindungshaus hatte die Universität sämtliche Verlinkungen entfernt.

Innerhalb der Hochschulgremien und der Studentenschaft spielen die Verbindungen kaum eine Rolle. Die von dem Hannovera-Mitglied Lars Steinke gegründete Hochschulgruppe „Junge Alternative“ konnte bei den jüngsten Wahlen zum Studierendenparlament keinen Sitz ergattern.

Nach Ansicht des niedersächsischen Innenministeriums ist bei manchen Burschenschaften eine gewisse Nähe zu rechtsextremistischen Tendenzen feststellbar. Das geht aus einer kürzlich veröffentlichten Antwort auf eine kleine Anfrage der Göttinger Landtagsabgeordneten Gabriele Andretta und acht weiteren SPD-Abgeordneten hervor. Nach Einschätzung des Innenministeriums ist das burschenschaftliche Denken „häufig durch ein völkisches Selbstverständnis geprägt und weist insoweit eine Nähe zu rechtsextremistischen Ideologieelementen auf“. Einige Burschenschaften hätten eine „Scharnierfunktion zwischen dem Rechtsextremismus und dem nichtextremistischen Konservatismus“.

Aus diesem Grund nutzten Rechtsextremisten gelegentlich Veranstaltungen oder Publikationen von Burschenschaften als Plattform für die Verbreitung ihres Gedankenguts. Nach Angaben des Innenministeriums sind oder waren auch niedersächsische NPD-Mitglieder und Neonazis in Burschenschaften aktiv. Eine strukturierte Zusammenarbeit oder Vernetzung zwischen rechtsextremistischen Organisationen und Burschenschaften sei in Niedersachsen allerdings nicht erkennbar. Derzeit beobachte der niedersächsische Verfassungsschutz keine Burschenschaft. pid

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