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Interaktive Sexualaufklärung für Geflüchtete

Ausstellung in Göttingen Interaktive Sexualaufklärung für Geflüchtete

„Only Human – Liebe. Schutz. Partnerschaft“ ist der Titel einer interaktiven Ausstellung in der Bonveno-Wohnanlae für Flüchtlinge am Nonnenstieg, die am Mittwoch eröffnet worden ist. Sie soll Geflüchtete über das Thema Sexualität informieren, aufklären und sensibilisieren.

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Bonveno-Mitarbeiterin Naoual Ghafari in der interaktiven Ausstellung.

Quelle: Christoph Mischke

Göttingen. Die Ausstellung „Only Human – Liebe. Schutz. Partnerschaft“ ist am Mittwoch in der Bonveno-Wohnanlage für Flüchtlinge am Nonnenstieg eröffnet worden. Die niedersächsische Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe, Doris Schröder-Köpf, hatte ihren Referatsleiter Alptekin Kirci nach Göttingen geschickt, da sie selbst kurzfristig absagen musste. Sie ließ Kirci mitteilen, dass bei vielen Zugewanderten „erheblicher Informationsbedarf zum Thema Sexualität“ bestehe. Dies bestätigen auch die Erfahrungen in den Flüchtlingsunterkünften, die Bonveno-Geschäftsführer Michael Bonder in seiner Begrüßung durchblicken ließ.

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„Only Human – Liebe. Schutz. Partnerschaft.“ ist der Titel einer interaktiven Ausstellung zur Sexualaufklärung für Geflüchtete in der Bonveno Wohnanlage am Nonnenstieg.

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„In unserer übersexualisierten Gesellschaft“, sagte Bonder, sei es leicht, offen über Sexualität zu sprechen. In anderen Ländern aber sei das Thema häufig tabuisiert. In den Unterkünften der Geflüchteten sei es schwer, darüber zu sprechen, und oft seien damit auch Probleme verbunden. Es sei ein „längst überfälliger Schritt, über Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und über die freie Lebensführung ins Gespräch zu kommen, so Gastgeber Bonder. Dazu soll die interaktive Ausstellung beitragen.

Durch bildkreative Sprache ins Gespräch kommen

Die ersten Gruppen seien bereits nach Geschlechtern getrennt durch die Ausstellung geführt worden, berichtete während der Ausstellungseröffnung Conny Hiller, Gewaltschutzbeauftragte von Bonveno. Es habe sich gezeigt, dass die Ausstellung mit ihrer „bildkreativen Sprache“ die Menschen ins Gespräch bringe. „Die Frauen erzählen, wie es in ihrem Land ist,“ so Hiller.

Ausstellungseröffnung in der Bonveno-Flüchtlingswohnanlage am Nonnenstieg mit (v

Ausstellungseröffnung in der Bonveno-Flüchtlingswohnanlage am Nonnenstieg mit (v. l.)Ceren Güves-Güres vom United Nations Chrildrens Fund, Alptekin Kirci, Referatsleiter der niedersächsischen Landesbeauftragten für Migration und Teilhabe, Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt und Alexandra Maier von der Caritas München.

Quelle: Christoph Mischke

Diese Erfahrung hat auch Alexandra Maier gemacht, die für die Psychosoziale AIDS-Beratungsstelle der Caritas in München die interaktive Schau zur Sexualaufklärung für Geflüchtete konzipiert hat. Bislang sei die Schau auch nur in Bayern gezeigt worden. Die Gespräch mit den Besuchern an den bisherigen Standorten der Ausstellung seien „absolut bereichernd“ gewesen, sagte Maier und ergänzte: „Ich habe dabei sehr viel gelernt“.

Aufklärung mit kultursensiblem Fingerspitzengefühl

Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt betonte in ihrem Beitrag zur Ausstellungseröffnung, wie wichtig es sei, über das Rollenverständnis von Mann und Frau in unserer Gesellschaft aufzuklären und Wissen um die eigene Gesundheitsvorsorge und die eigene Familienplanung zu vermitteln. Sexualaufklärung sei mehr, als nur Kondome zu verteilen. Die Ausstellung „Only Human“ zeige „kultursensibles Fingerspitzengefühl“, sagte Broistedt, komme mit wenigen Worten aus und nutze vielmehr Bilder und Videos.

Aufklärung zum Thema Sexualität, so gab Kirci Erfahrungsberichte von Beratungsstellen wieder, spiele bei vielen jungen Geflüchteten keine oder kaum eine Rolle – und das „nicht nur bei Geflüchteten sondern auch bei Menschen, die schon lange hier sind“. Die Ausstellung leiste daher eine präventive wie kreative Aufklärung. Sie habe zum Ziel, Tabus offen anzusprechen und den Umgang mit dem Thema zu erleichtern.

Führungen nach Geschlechtern getrennt

Die 90 minütigen Führungen durch die Ausstellung sind geschlechtergetrennt, auch die Dolmetscher müssen dem jeweiligen Geschlecht angehören. Caritas-Sozialpädagogin Alexandra Maier erklärte warum: „Sobald Männer dabei sind, sind die Frauen weg.“ Die Reaktion der Flüchtlinge sei unterschiedlich. „Ältere Frauen muss man gut an die Hand nehmen, sonst gehen sie verloren. Mädchen sind da offenerer. Bei den Männern und Jungen ist das ähnlich“. Samah Al Jundi-Pfaff, Mitarbeiterin im Museum in Friedland, kommentierte nach dem Rundgang in der Ausstellung: „Ich bin fasziniert, wie sie alles bedeutungsvoll, aber nicht auf eine unangenehme Weise, zusammengetragen haben.“ Die Syrerin ist sich des Tabus ihrer Kultur bewusst, meinte aber, die Ausstellung sei die richtige Art öffentlich über das Thema zu reden. „So können wir dem sozialen Druck in der Familie entgegenwirken.“

Loben die Ausstellung

Loben die Ausstellung: die Bonveno-Mitarbeiterinnen Manar Elmasmari (l.) und Zozan Alkan.

Quelle: Christoph Mischke

„Ich finde es total nett gemacht. Es ist mal was anderes und über ein Thema, wo eigentlich keiner darüber spricht“, sagt Bianca Burmann, Krankenschwester beim Roten Kreuz. Sie schlägt vor, dass auch Flüchtlinge aus der Unterkunft Siekhöhe an einer Führung teilnehmen. Die nach Geschlechtern getrennten Führungen hält auch Bonveno-Mitarbeiterin Naoual Ghafari für gut. Dadurch könnten Frauen sich öffnen, und Männer fühlten sich nicht bloßgestellt, wenn über das Tabuthema Sexualität gesprochen werde. Die Informationen würden „klar, einfach und mit Bildern“ vermittelt, lobt Zozan Alkan, ebenfalls von Bonveno, bei der Ausstellungseröffnung. Und die frühere Awo-Vorsitzende Annegret Freiburg war sich nicht sicher, ob die Ausstellung „den kulturellen Standards angemessen ist“. Wenn die Menschen aber durch Führungen angeleitet würden, sei das eine „gute Sache“.

Von Britta Eichner-Ramm

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