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„Aufstehen gegen diese Scheiße“

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen „Aufstehen gegen diese Scheiße“

Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am Freitag, 25. November, bricht eine Betroffene ihr Schweigen über sexuellen Missbrauch und fordert gemeinsames Aufstehen gegen sexuelle Gewalt. Dem Tageblatt erzählte sie ihre Geschichte.

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Angefangen hat es im Sommer 1988, vor meinem sechsten Geburtstag“, erzählt N.

Quelle: Christina Hinzmann

Göttingen. Sie sei aufgeregt, sagt Ute N. vor dem Gespräch. Und: „Ein bisschen Angst habe ich auch - vor den Reaktionen.“ Oft würden Betroffene, die sich äußern, angegangen. Die Idee, an die Öffentlichkeit zu gehen, habe sie schon länger in sich getragen. Aber ihr habe der Mut gefehlt. Bis jetzt.

„Angefangen hat es im Sommer 1988, vor meinem sechsten Geburtstag“, erzählt N. Während einer Familienfeier im Garten lockte ihr Cousin sie demnach unter einem Vorwand in eine Ecke. „Da konnte uns keiner sehen.“ Ihr Cousin war zehn Jahre älter als sie. Als er ihr einen Zungenkuss aufgezwungen habe, habe sie Ekel empfunden und ihn beschimpft. „Glauben wird dir sowieso niemand“, habe er ihr zugerufen, als sie zurück zur Familie rannte. Es war der Anfang einer mehr als vier Jahre lange Tortur.

Ihren Eltern habe sie immer wieder davon erzählt. „Ich hatte auch körperliche Wunden, es war eigentlich nicht zu übersehen“, sagt die heute 34-Jährige. Doch ihre Stimme fand kein Gehör, und die Übergriffe wurden schlimmer. „Es war ein kontinuierliches Überschreiten meiner Grenzen“, meist bei Familienfeiern, sagt N.: „Die erste Eskalation war bei meiner Einschulung, da ging es dann los mit Penetration.“ Ihr Cousin war zu diesem Zeitpunkt bereits 16 Jahre alt. „Ich habe dann geschrien und um mich getreten, aber es hat niemand mitbekommen.“ Mit Drohungen und Schuldzuweisungen übte der Cousin Druck auf sie aus. In der Folge habe er sie über die Jahre mehrfach vergewaltigt, sagt N.

Die verdrängte die schlimmen Erlebnisse. Erst als Erwachsene habe sie sich wieder erinnert, als ein Mann 2006 in Göttingen - sie war zum Studieren hierher gezogen - übergriffig wurde. Ihr Begleiter habe sie gefragt: „Weißt du, wie du den los wirst?“, und ihr seine Zunge in den Hals gesteckt. „Danach habe ich mich zurückgezogen.“ Sie wurde depressiv, und „eigentlich wollte ich auch nicht mehr leben“. Die Bilder ihrer Kindheit kehrten zurück, sie verkroch sich zu Hause, mied den Kontakt zu Menschen und schaute stattdessen TV-Serien.

Eine Freundin brachte sie schließlich zum Frauennotruf - seit 2008 ist sie in Therapie. Das erste Mal über ihre Erlebnisse zu sprechen, „war belastend, aber auch befreiend“, erzählt sie. Aber: „Es ist immer noch so unfassbar ungerecht.“ Ihrer Familie gegenüber empfindet sie „Wut, Trauer und Verzweiflung“. Kontakt gebe es keinen mehr, außer zu ihrem Bruder. „Ein vier Jahre anhaltender Missbrauch kann nicht passieren, ohne es bewusst zu ignorieren“, meint die studierte Soziologin.

Ihre 2011 erstattete Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs sei eingestellt worden. „Verjährt“, sagt N. Trotzdem will sie anderen Betroffenen Mut machen und zeigen: Du bist nicht schuld. Am Freitagabend erzählt sie im Auditorium der Universität ihre Geschichte - für die Allgemeinheit, für die Betroffenen und für sich selbst. Ihre Botschaft: „Wir müssen aufhören mit dem Herunterspielen und aufstehen gegen diese Scheiße!“

Von Yannick Höppner

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