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„Isoliert und unter ständiger Kontrolle“

Ortstermin an Flüchtlingsunterkunft Anna-Vandenhoek-Ring „Isoliert und unter ständiger Kontrolle“

Rund 150 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer und Flüchtlinge haben am Mittwoch die neue Flüchtlingsunterkunft am Anna-Vandenhoek-Ring besichtigt. Ihr Unmut über die Bedingungen in der Halle war groß. Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) gelang es kaum, sie von den Vorzügen der Unterkunft zu überzeugen.

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Helfer diskutieren beim Ortstermin mit Göttingen Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler.

Quelle: Alciro Theodoro da Silva

Weende / Grone. „Hier sind wir völlig isoliert, unter ständiger Kontrolle. Wie Gefangene werden wir hier leben. Man nimmt uns unsere Selbstständigkeit“, sagte der 25-jährige Syrer Yasser Khadam Aljamen nach dem Rundgang. Einige Flüchtlinge, die die Unterkunft besichtigten, waren den Tränen nahe.

Noch wohnt Aljamen, wie auch der Iraker Ballin Abbas in der Unterkunft in der Großen Breite in Weende. Beiden gefällt es dort, wohnen in kleinen Zimmern, haben dort Freunde gefunden, gehen zum Sport und zu Sprachkursen, haben Vertrauen gefasst zu den zahlreichen Helfern, die sie dort unterstützen. „Ein sauberer und sicherer Ort“, sagte Aljamen. All das, so die Kritk der Unterstützer, werde mit dem angeordnetem Umzug zunichte gemacht.

Abbas weiß, wie es ist, in einer Unterkunft zu wohnen, in denen es kaum Privatspähere gibt: Seine erste Zeit in Göttingen verbrachte er in der Notunterkunft auf den Zietenterrassen. „An schlafen war da kaum zu denken, und dort waren nur 100 Menschen untergebracht. In Grone sollen es sogar 400 sein“, sagte er.

Als eine der ersten neuen Bewohner sollen Aljamen und seine Mitbewohner aus Weende noch im Mai in die neue Unterkunft ziehen. Die Verwaltung will in das Haus in der Großen Breite von einem Kakerlakenbefall befreien. Doch auch danach sollen die Flüchtlinge aus der Großen Breite nicht wieder nach Weende zurückkehren. Flüchtlinge und Helfer reagierten am Mittwoch entsetzt und wütend auf Köhlers Erläuterungen.

Auch weil er auf die Frage, warum die Flüchtlinge nicht nach Weende zurückkehren sollen, nur ausweichend antwortete: Die Verwaltung wolle die Unterkunft zunächst nicht wieder mit Flüchtlingen besetzen, aber weiterhin als Quartier vorhalten, sollte die Zahl der Flüchtlingszuweisungen wieder steigen. Bis Juni müsse Göttingen weitere 900 Menschen aufnehmen. Über die Große Breite 10 verhandele die Verwaltung mit dem Eigentümer über eine „weitere Sondernutzung“.

Konkreter wurde Köhler nicht. Er glaubt, dass die Flüchtlinge nur maximal zwei Monate in Grone bleiben müssen. Dann hätten sie ihre Anerkennung auf Asyl und könnten in Wohnungen untergebracht werden. Köhler betonte, dass im Anna-Vandenhoek-Ring nur Menschen untergebracht werden sollen, deren Status noch nicht anerkannt wurde. Ebenfalls sagte er, dass die Unterkunft ehemalige Voigtschule „nicht zur Disposition“ stehe.

Fakten zur neuen Unterkunft

❱Die Halle. Grundfläche 4700 Quadratmeter, Grundstücksfläche 12600 Quadratmeter im Anna-Vandenhoek-Ring 13.

❱ Die Bewohner. Platz ist für maximal 418 Menschen, deren Aufenthaltsstatus noch nicht geklärt ist. Die ersten 80 Bewohner kommen aus den Unterkünften Weißes Haus im Hagenweg und der Großen Breite in Weende. Hinzukommen 24 neu der Stadt Göttingen zu gewiesene Personen.

❱ Die Hallenausstattung. Es gibt rund 40 Wohnbereiche für vier bis 14 Personen, Aufenthalts- und Gemeinschaftsbereiche, Schulungsräume, Spielzimmer, Sanitätsbereich, Waschmaschinen- und Trocknerraum sowie Sanitäranlagen mit 40 Duschen. WLAN-Versorgung ist den Gemeinschaftsbereichen vorhanden.

❱ Die Verpflegung: Die Firma Goldkorn kocht täglich zwei Mal am Tag.

❱ Die Außenanlagen: Kinderspielplatz, Fußball- und Volleyballfeld, Basketballkörbe, überdachte Sitzgelegenheiten und ein Grillplatz stehen ab Ende Mai zur Verfügung.

❱ Die Kosten. Der Umbau der ehemaligen Lagehalle hat 2,5 Millionen Euro gekostet. Die laufenden Kosten beziffert die Verwaltung mit monatlich rund 200 000 Euro, davon entfallen 31 000 Euro auf die Miete. Der Mietvertrag läuft über fünf Jahre.

❱ Der Betreiber. Das Deutsch Rote Kreuz betreut die Anlage zusammen mit einem Sicherheitsdienst. Rund 20 Mitarbeiter sind täglich vor Ort. Der Vertrag mit dem DRK läuft anderthalb Jahre. mib

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