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Jagdscheinprüfung in Niedersachsen

Thema des Tages Jagdscheinprüfung in Niedersachsen

Federwild, Haarwild, Niederwild, Hochwild: Heute steht beim Jungjägerlehrgang Wildtierkunde auf dem Stundenplan. Es geht um Vögel. „Das Federwild erfreut sich im Kurs keiner so großen Beliebtheit“, sagt Ausbilder Michael Corsmann. Denn: In der Jagdprüfung, für die die Kandidaten heute lernen, müssen sie 84 Federwildarten kennen. Beim Haarwild sind es nur 20.

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Lehrstunde im Herberhäuser Revier: Teilnehmer des Jagdscheinkurses unterwegs mit Ausbilder Hermann Krätzschmar (rechts).

Quelle: Heller

Göttingen. Die Jäger müssen die Vogelarten erkennen, weil viele Vögel unter Naturschutz stehen, einige andere aber gejagt werden dürfen.

„Es ist nicht gut, wenn wir die falschen Arten schießen und deshalb sehr wichtig, dass wir uns richtig verhalten“, sagt Corsmann. Wenn ein Jäger – wie kürzlich auf dem Darß geschehen – versehentlich einen Seeadler, der mit anderen Vögeln fliegt, erschießt, dann werfe das kein gutes Licht auf die Jäger. Corsmann: „Wir müssen damit punkten, dass wir über die Natur mehr wissen, als die Anderen.“

Ganz praktisch sollen die Jagdschein-Anwärter dann Vögel erkennen – zwölf Bilder von Arten, die in Niedersachsen vorkommen. Das kann ja nicht so schwer sein. Oder doch? Darunter ist neben Kiebitz, Buchfink oder Bussard auch  ein großer schwarzer Vogel mit hellem Schnabel. Krähen haben ja eigentlich schwarze Schnäbel. „Das ist eine Saatkrähe, die waren früher überall, heute sind sie eine Seltenheit“, erklärt Corsmann.

Der dickliche braune Vogel, der von einer Teilnehmerin als Haselhuhn eingestuft wird, ist ein Auerhuhn. „Der Vogel zählt, wie auch der Adler,  zum Hochwild. Alle anderen Vögel in Niedersachsen sind Niederwild“, erklärt Corsmann. Dann folgt eine Stunde Theorie über die Biologie der Vögel.

All das und vieles mehr müssen die Jungjäger aus unterschiedlichen Wissensgebieten lernen. Neben Jagdrecht, Waffenkunde, Naturschutz, Hege, Wildkrankheiten, Jagdhundewesen und vielem anderen stehen auch Praxis und die Schießausbildung dem Stundenplan. Aus allen Fächern werden Prüfungsfragen gestellt, auch zielsicheres Schießen gehört zur Prüfung.

Einige Tage nach dem Federwild-Unterricht geht es dann für die Anwärter ins Revier bei Herberhausen. „Naturschutz praktisch“ steht auf dem Programm. Hermann Krätzschmar führt dort den Nachwuchs  durch sein Revier.

Vegetarierin und  Jägerin

Jedes Jahr melden sich Kandidaten für den Jagdschein bei der Göttinger Jägerschaft an. Was motiviert die Teilnehmer dazu, nach Feierabend für eine Prüfung zu lernen?

„Ich habe mich schon immer für die Jagd interessiert“, sagt Björn Menger. Der Mediziner möchte „aktiv und mit fundiertem Wissen“ seine Freizeit in der Natur verbringen. Die Jagd biete darüber hinaus die Möglichkeit, ein gesundes Lebensmittel zu erlangen. Und zwar so „wie es von der Natur aus vorgesehen ist“. Zudem lerne er beim Kurs viele unterschiedliche und aufgeschlossene Menschen kennen.

Im August hat ihr Mann den Jagdschein erhalten, jetzt sitzt sie selbst im Kurs: Maiken Ropeter-Nolte liebt es, mit Mann und Kind in die Natur zu gehen, vom Hochsitz aus die einheimischen Tiere zu beobachten. „Ich finde das auch für Kinder ganz wichtig“, sagt sie.  Sie esse sehr wenig Fleisch, aber mit Wild, da komme ein gesundes Produkt auf den Tisch, so die Lehrgangssprecherin.

Als studierte Biologin und Promotionsstudentin der Forstwissenschaften ist Julia Juchheim schon berufsbedingt nah dran an der Materie Jagd. Sie schreibt ihre Doktorarbeit im Fachbereich Waldbau, nun macht sie ihren Jagdschein. Und das, obwohl sie jahrelang Vegetarierin war. „Ich esse kaum Fleisch aber wenn, dann sehr bewusst“, sagt sie. Mit diesem Thema setze sie sich auch in Hinblick auf die Jagd immer wieder auseinander.

Als „Lehrgangs-Opa“ bezeichnet sich Ulrich Bleyer. Der 43-Jährige nimmt gemeinsam mit seinem ehemaligen Schulfreund Cord Schauermann teil. „Aber ich bin quasi erblich vorbelastet. Mein Vater ging schon zur Jagd“. Ihm sei bewusst geworden, wie weit sich viele Menschen von der Natur entfernt haben. Weil er gerne Zeit in der Natur verbringt, mache er nun den Jagdschein.

Jagd großflächig koordinieren

Jagd ist eine alte und in Südniedersachsen verbreitete Tradition. Wie viel Jagd braucht die Natur? Darüber sprach Britta Bielefeld mit Niko Balkenhol, Professor und Leiter der Abteilung Wildtierwissenschaften an der Universität Göttingen.
Jagdgegner kritisieren, dass Tierbestände keinen Abschuss brauchen, um stabil zu bleiben. Stimmt das?

Bevor man das Für und Wider der Jagd diskutieren kann, muss man klären, aus welchem Blickwinkel man das Ganze bewertet. Wildbestände werden auch durch andere Faktoren und nicht nur durch Jagd reguliert. Für die Pflanzenwelt ist Jagd nicht zwingend nötig; gibt es mehr Wild, dann werden zwar mehr Pflanzen gefressen. Wenn es dann zu wenig Nahrung gibt, schrumpft der Wildbestand wieder und die Pflanzen können sich erholen. Tierpopulationen benötigen nicht zwingend einen Abschuss, um eine gewisse Stabilität zu erreichen.



Welche Faktoren beeinflussen die Bestandsdichte noch?

Prädation – und dazu gehört auch die Jagd durch den Menschen – ist einer der limitierenden Faktoren, die die Dynamik von Tierpopulationen beeinflussen. Wir haben keine besonders kalten und schneereichen Winter, kaum große Prädatoren und durch unsere Landwirtschaft auch eine recht konstante Nahrungsverfügbarkeit über das ganze Jahr hinweg. Dadurch greifen viele der limitierenden Faktoren in unserer Kulturlandschaft kaum oder gar nicht mehr. Bejagt man nun bestimmte Populationen nicht mehr, muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich eine Population vermutlich erst bei sehr viel höheren Dichten einpendeln wird, als mit Jagd. Es ist fraglich, ob das mit unseren Ansprüchen an Land- und Forstwirtschaft noch in Einklang zu bringen ist.

In der Schweiz, im Kanton Genf, besteht seit 40 Jahren ein Jagdverbot. Wie bewerten Sie das?

Wirklich bewerten kann ich das leider nicht, da ich die Situation nur vom Hörensagen kenne. Ich habe gehört, dass das Jagdverbot an einigen Stellen und für bestimmte Tierarten immer wieder aufgehoben wird, und der Kanton Berufsjäger hierfür beschäftigt. Ganz ohne Jagd scheint es dort also auch nicht zu gehen. Außerdem muss man bedenken, dass die Situation dort eine andere ist, als in Niedersachsen oder Hessen. Im Kanton Genf werden andere Ansprüche an den Wirtschaftswald gestellt, es gibt weit weniger Ackerbau und härtere Winter. Man kann also nicht einfach sagen, dass man bei uns keine Jagd mehr braucht, nur weil das im Kanton Genf ganz gut klappt.  Aber aus wissenschaftlicher Sicht wäre das auch bei uns ein sehr interessantes Experiment.

Worin liegen die Vor- und wo die Nachteile der in Deutschland praktizierten Jagdpraxis für die Natur?

Das ist nicht leicht zu beantworten, da es bei der Jagd unterschiedliche Zielsetzungen gibt. In Deutschland wird die gesamte Umwelt durch den Menschen geprägt. Von Natur im Sinne von Wildnis kann man kaum sprechen. Selbst in Nationalparks wird meist gejagt, weil sonst die Schutzziele der Parks durch starken Wildverbiss nicht erreicht werden können.

Hier bringt die Jagd den Vorteil, dass sie eine gewisse Balance zwischen menschlichen und tierischen Bedürfnissen herstellen kann. Wenn große Prädatoren in einem Gebiet fehlen, können große Pflanzenfresser hohe Dichten erreichen. Etliche Studien haben gezeigt, dass es unter solchen Bedingungen zu starkem Fraßdruck auf die Vegetation kommt, mit negativen Auswirkungen auf die Biodiversität – wie dem lokalen Aussterben bestimmter Pflanzenarten oder dem Verlust von Vogelarten. Jagd kann dem entgegenwirken.

Ebenso kann die Jagd den Prädationsdruck durch mittelgroße Karnivoren wie Füchse auf bodenbrütende Vogelarten eindämmen. Allerdings werden diese positiven Effekte der Jagd nicht immer realisiert. Um positiv zu wirken, muss die Jagd großflächig koordiniert und zielführend organisiert werden. Wenn jedes kleine Revier andere Ziele hat, oder wenn Wildbestände durch Zufütterung oder unzureichende Bejagung unnötig hoch gehalten werden, kann falsche Bejagung die Probleme verstärken. Es kommt also darauf an, mit welcher Zielsetzung gejagt wird.

1600 Jäger in drei Jägerschaften
Mehr als 300 Stunden Ausbildung stehen auf dem Stundenplan für die Teilnehmer eines Jagdschein-Kurses. In diesem Jahr haben sich 33 Nachwuchs-Jäger und ein Nachwuchs-Falkner für den Jagdschein angemeldet. Der neue Kurs hat im September begonnen.  „Etwa 80 bis 90 Prozent der Teilnehmer bestehen die Prüfung auch“,  sagt der Lehrgangsleiter der Jägerschaft Göttingen, Heinz Schirrmacher. Auf dem Lehrplan stehen 150 Stunden theoretischer Unterricht,  27 Stunden Reviergänge und Exkursionen, eine Tagesfahrt nach Springe, 150 Stunden Schießausbildung  und  12 Stunden Fallenlehrgang. In sieben Monaten müssen die Absolventen also rund 300 Stunden leisten. Die Jagd ist in Südniedersachsen dennoch beliebt. „Die Zahl der Jungjäger ist in den vergangenen Jahren leicht angestiegen“, so Schirrmacher weiter. In der Jägerschaft Göttingen (sie umfasst das Gebiet des Altkreis Göttingen) sind  600 Mitglieder verzeichnet. Dazu  kommen rund 500 Mitglieder der Jägerschaften Duderstadt und 500 in Münden. Beide Jägerschaften bilden ebenfalls aus. In Duderstadt sind derzeit 15, in Münden 20 Teilnehmer angemeldet.
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