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Jeder fünfte Grundschüler ist Nichtschwimmer

Thema des Tages Jeder fünfte Grundschüler ist Nichtschwimmer

Sommerzeit ist Badezeit. Aber im Freibad, am Badesee, am Meer und mitunter sogar im Planschbecken im heimischen Garten lauern Gefahren. Vor allem Kinder würden beim Anblick von Wasser zu leichtfertigem Verhalten animiert, sagt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG).

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Diese Schwimmhilfe bieten keinen Schutz vor Ertrinken

Quelle: Eichner-Ramm

Göttingen. Die Organisation weist auch darauf hin, wie wichtig es ist, dass Kinder schwimmen können. Umfragen zeigen auch, dass Eltern die Schwimmfähigkeit ihrer Kinder oft überschätzen.

Eine Momentaufnahme zum Thema in der Region von Britta Eichner-Ramm.

Immer weniger Kinder können richtig schwimmen. Das hat die DRK-Wasserwacht zum Start der Badesaison vermeldet. Ist das so? Fragt man Schulleiter, Schwimmlehrer oder Bademeister, ergibt sich ein fast einheitliches Bild. Fast, weil die Heinrich-Christian-Burckhardt-Grundschule in Adelebsen die Ausnahme bildet.

Sie kann die Schwimmhalle des Landkreises direkt neben der Schule nutzen.  „Da sind wir in einer guten Lage“, sagt Schulleiterin Margit Wolter. Lehrerin Annette Rummenhohl bestätigt das: „Alle Kinder, die unsere Schule verlassen, können schwimmen und haben mindestens das Bronze-Abzeichen“. In Adelebsen gibt es Schwimmunterricht an der Grundschule bereits ab der ersten Klasse.

 
Ganz anders die Situation  an der Grundschule am Wall in Hann. Münden. Von 47 Schülern der beiden vierten Klassen hat Kursleiterin Jutta Kuhnke nur 24 mit ins Hochbad zur Schwimmprüfung genommen. Das Ergebnis zeigt, was Schulleiter Manfred Karges bestätigt: „Es ist Fakt, dass immer weniger Kinder schwimmen können.“

Von 14 Kindern scheiterten vier am Bronze-Abzeichen und von zehn Viertklässlern haben bei der Prüfung im Hochbad drei das Seepferdchen nicht geschafft. „Jedes fünfte Kind bleibt Nichtschwimmer, wenn es unsere Schule verlässt“, bilanziert Kuhnke. Sie sagt auch, dass man schwimmen nicht im Schwimmunterricht lerne.

Karges betont: „Es ist nicht öffentliche Aufgabe, Kindern das Schwimmen beizubringen. Normal sollten sie bei Einschulung zumindest über Grundkenntnisse verfügen.“ Kuhnkes Beobachtung ist jedoch eine andere: „Wir hatten schon Kinder, die noch nie im Wasser waren.“ Der zehnjährige Jason erinnert sich: „Ich wusste nicht, was schwimmen bedeutet.“ Jetzt hat er sein Bronze-Abzeichen ab. Dennoch hat er Respekt vor tiefem Wasser.  „Ich bleibe eher am Beckenrand“, meint er.

Kulturelle Hintergründe

Dass die Schwimmfähigkeit der Grundschüler oftmals zu wünschen übrig lässt, erklärt sich auch mit dem Kulturkreis, aus dem die Kinder kommen. Das sieht auch Sebastian Staender, Schulleiter an der Göttinger Erich-Kästner-Grundschule, so. Die Tatsache, dass viele Kinder nicht schwimmen können, „ist bei uns sehr extrem“, denn 90 Prozent der Schüler an der Erich-Kästner-Schule hätten Migrationshintergrund.

Hinzu komme, ergänzt Staender, dass sich die Eltern aufgrund ihrer finanziellen Lage oft nicht leisten könnten, ihren Kindern in der Vorschulzeit einen Schwimmkurs zu bezahlen.

 „Eine allein erziehende Mutter hat ja kaum die Möglichkeit, mit ihren Kindern zum Schwimmen zu gehen“, sagt Björn Grebe, der mit weiteren 22 Studenten der Polizeischule in Münden parallel zu den Viertklässlern im Hochbad ebenfalls Schwimmprüfung hatte.  Er sei lange Zeit Ausbilder bei der Bundeswehr gewesen, sagt der 33-Jährige.

Und selbst dort habe sich gezeigt, dass viele nicht ausreichend gut schwimmen können. „60 Prozent waren beim Aufnahmetest nicht in der Lage, 200 Meter unter sechs Minuten zu schwimmen. Und das ist ganz einfach zu schaffen“, so Grebe.

Weiteres Problem: Geschlossene Bäder

Die Schließung von immer mehr Schwimmbädern beklagen die Schwimmmeister Matthias Corde aus dem Dransfelder Freibad und sein Kollege Georg Dutenhofer vom Mündener Hochbad. In Erlebnisbädern könne man nicht richtig schwimmen, betont Dutenhofer. Und da immer mehr Bäder geschlossen würden und es vielfach nur noch Spaßbäder gebe, müssten viele Schulen gerade im ländlichen Raum zum Schwimmunterricht fahren, ergänzt Karges. Auch seien viele Eltern dazu nicht bereit.

Corde rät Eltern, ihre Kinder zu einem Schwimmkurs anzumelden. „Viele versuchen selbst, ihnen das Schwimmen beizubringen, aber dabei schleichen sich Fehler ein“, warnt der Dransfelder Bademeister. Er beobachte oft, dass sogar Erwachsene nicht richtig schwimmen. Zugeben würden das die wenigsten, glaubt Corde.

 

Lena (7 Jahre) hat das Seepferdchen-Abzeichen und schwimmt im Erlebnisbad in Dransfeld.

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Studien zur Schwimmfähigkeit
Fast ein Viertel der Deutschen können nach eigenen Angaben nicht oder nur schlecht schwimmen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG). 76,7 Prozent der Befragten ab 14 Jahren gab an, schwimmen zu können. Der Ausbildungsgrad der jüngeren Kinder liegt aber nach Angaben der Eltern nur bei 66,1 Prozent.  Einer anderen Studie (kiggs-studie.de) zur Schwimmfähigkeit zufolge, die ebenfalls auf Befragungen fußt, steigt der Anteil schwimmfähiger Kinder mit zunehmendem Alter an. Von den Fünf- bis Sechsjährigen können vier von zehn Kindern schwimmen (39,5 Prozent), bei den Sieben- bis Zehnjährigen sind es bereits 85,1 Prozent und von den Elf- bis 17-Jährigen kann nahezu jeder schwimmen (98 Prozent). Die KIGGS-Studie zeigte auch, dass Kinder mit niedrigem Sozialstatus seltener schwimmen als Gleichaltrige mit hohem Status.
2014 sind laut DLRG 16 Kinder im Alter bis zu zehn Jahren, darunter sieben im Vorschulalter, ertrunken. be
 
Schwimmkurse in der Region
Nicht nur im Badeparadies Eiswiese in Göttingen werden Schwimmkurse angeboten, sondern auch in den umliegenden Ortschaften. Für Adelebsen und Dransfeld organisiert zum Beispiel die Ortsgruppe der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) Kurse für Anfänger. Interessierte können sich bei Monika Fleddermann unter Telefon 05506/950655 oder über die Internetseite adelebsen-dransfeld.dlrg.de anmelden. Nach den Ferien beginnen neue Kurse. In Friedland lernen Kinder im Waldschwimmbad Reiffenhausen schwimmen. Anmeldungen beim Kinder- und Jugendbüro Friedland unter Telefon 05504/80229. Kindern aus Bovenden bietet sich die Möglichkeit, im Ratsburgbad Reyershausen mit dem Schwimmen zu beginnen. Kurse organisiert Renate Pelda vom Verein Wasserfreunde Northeim (Anmeldung unter Telefon 05503/91200). Der Bovender Sportverein bietet ganzjährig Schwimmkurse für Kinder im Hallenbad in Nörten-Hardenberg an.  Auch Kinder aus finanziell benachteiligten Familien können sich an den BSV wenden (Telefon 0551/81810). bl
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