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Jedes neue Handy "wie Weihnachten"

35-facher Telekom-Betrug Jedes neue Handy "wie Weihnachten"

Immer wenn er ein neues Telefon geliefert bekam, habe er sich "gefreut, wie ein Kind zu Weihnachten", gesteht der Angeklagte. 35 Handys hat er bei der Telekom bestellt, ohne dass er eines hätte bezahlen können. Schaden: 22 856 Euro. Jetzt muss der 45-Jährige deshalb zweieinhalb Jahre ins Gefängnis.

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35 Handys habe der Angeklagte bei der Telekom bestellt, ohne dass er eines hätte bezahlen können.

Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Dabei war er gewarnt: Dreimal ist der 45 Jahre alte Göttinger, gelernter Maurer und seit 2008 arbeitsloser Sozialhilfeempfänger, bereits einschlägig wegen Betuges vorbestraft. Es waren jeweils Serien von Bestellungen, meist im Internet, die er nicht beahlen konnte. Zur Tatzeit stand er gleich doppelt unter Bewährung.

Dennoch hat er im Februar 2011 damit begonnen, bei der Telekom Handys zu bestellen - unter vollem Namen und Anschrift. Dass er nicht würde bezahlen können, war von vornherein klar. Acht Monate vorher hatten die Anwälte der Telekom von einem Schuldenbereinigungs-Antrag schon Kenntnis, der die Verbraucher-Insolvenz des Angeklagten vorbereiten sollte. Dennoch hat die Telekom geliefert: Handys mit einem Wert von bis zu 1000 Euro, insgesamt 35 Mal. Er habe sich damals gefreut, die Telefone ausprobiert und sie bald wieder für 100 bis 200 Euro an Bekannte weiterverkauft. Schließlich habe er "damals keine Kohle gehabt", sagt er.

Insbesondere die Schöffen können es nicht fassen, dass das Telekommunikationsunternehmen über zweieinhalb Jahre immer wieder an einen Kunden lieferte, der nie eines der Telefone bezahlt hatte. Für Verteidiger Thomas Breitenbach ist das Anlass, die Frage zu stellen, ob denn überhaupt ein Betrug vorliege. Zum Betrug gehöre Täuschung. Aber kann jemand getäuscht werden, der genau wisse, dass der Kunde pleite ist? Wenn ohne Zögern Handys für 22 856 Euro geliefert werden an einen Kunden, von den man schon vorher wusste, dass er insolvent ist, fehle es an der Täuschungsabsicht.

"Selbst leichtfertige Opfer werden durch das Strafrecht geschützt", zitiert dazu die Staatsanwältin den Bundesgerichtshof. Und Richter Philip Moog sagte später in seiner Urteilsbegründung: "Spreche ich etwa einen Einbrecher frei, weil das Fenster auf kipp stand?!"

Bleibt die Frage, ob einer zurechnungsfähig ist, der Betrug begeht, der ja zwangsläufig schief gehen musste. Ein psychiatrischer Sachverständiger schließt erst Schuldunfähigkeit oder eingeschränkte Steuerungsfähigkeit aus, kommt dann aber in Erklärungsnot, als der Richer fragt, ob es nicht suchtartig war, immer wieder neue Handys als "narzistische Gratifikation" zu bestellen. Die Handys Bekannten zu erklären, Fragen danach beantworten und Geräte beschaffen zu können, so der Psychiater, seien das Einzige gewesen, auf das der ansonsten gescheiterte Angeklagte habe stolz sein können.

Im Urteil geht das Schöffengericht dann aber doch davon aus, dass es dem Angeklagten vor allem darum ging, mit den Telefonen Geld zu machen. Sonst hätte er nicht manchmal zwei, oder kurz nacheinander dieselben Modelle doppelt bestellt. Mit zweieinhalb Jahren Haft fassen die Richter die 35 Einzelstrafen aber extrem milde zusammen. Die Staatsanwältin hatte ein Jahr mehr beantragt. Der Grund: "Dadurch, dass es bei der Telekom so einfach war und die Bestellung online mit nur wenigen Klicks, war auch die Hemmschwelle niedrig."

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