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Johannes der Täufer hat noch Anhänger

Verfolgung im Irak Johannes der Täufer hat noch Anhänger

Eigentlich wollte das Oberhaupt der Mandäer, einer alten Glaubensgemeinschaft aus dem Irak, nach Göttingen kommen. Davon nahm Ganzevra Sattar Jabbar Hilo Al-Zahrony jedoch kurzfristig Abstand. Ein Angehöriger seiner Religion, ein Professor, hatte eine E-Mail verschickt.

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Werben für die Aufnahme von mandäischen Flüchtlingen: Kamal Sido und Ganzevra Sattar Jabbar Hilo Al-Zahrony.

Quelle: MIC

„Darin hieß es, dass das Oberhaupt in Göttingen bei einem zionistischen Kongresses auftrete“, berichtet der Nahost-Beauftragte der Gesellschaft für bedrohte Völker, Kamal Sido. Richtig war vielmehr, dass Al-Zahrony bei der Jahreshauptversammlung der Gesellschaft sprechen wollte. Zum Programm der Versammlung gehörte auch eine Podiumsdiskussion mit einem Vertreter der jüdisch-humanitären Organsiation Bnai Brith. Als Grund für die Mail vermutet Sido, dass die Gesellschaft den Professor nicht an der Vorbereitung des Besuchs beteiligt hat. Sido setzte dem Wissenschaftler eine Frist, die falsche Darstellung zu widerrufen. Der Wissenschaftler sei dem auch innerhalb einer Stunde nachgekommen, so der Nahostbeauftragte. Das Oberhaupt der Mandäer verzichtete trotzdem auf seinen Besuch.

Der Grund: Jeder Kontakt zu „Zionisten“ liefert Islamisten im Nahen Osten Munition. Das trifft auch irakische Kurden, berichtet Sido. Diktator Saddam Hussein zwang viele von ihnen ins Exil. Einige nahmen auf der Suche nach Bündnispartnern gegen den Tyrannen Kontakt zu jüdischen Organisationen auf. Heute werden sie deshalb als „Handlanger der Zionisten“ angeschwärzt, sagt Sido.

So findet das Gespräch mit Hilo Al-Zahrony in Hannover in den Räumen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) statt, wo der Geistliche Gespräche führte. Sido dolmetscht. Al-Zahrony ist ein kleiner Mann mit langem weißen Bart. Er trägt ein weißes Gewand. Vor seiner Brust hängt ein handtellergroßes Kreuz, über dem ein Gewand hängt. Es ist das Symbol der Glaubensgemeinschaft. Al-Zahrony kam 1956 im Südirak zur Welt, ist verheiratet und hat sieben Kinder. Er wollte immer Priester werden, berichtet er dem Tageblatt, konnte aber erst 1993 seine Ausbildung beginnen. 1995 hat er sie beendet. Seit dem Jahr 2000 ist er zum Oberhaupt der Gemeinschaft gewählt worden.

In Deutschland führt Al-Zahrony nicht nur Gespräche mit der EKD, sondern auch mit dem Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, der der Unterkommission für interreligiösen Dialog vorsitzt. Außerdem sprach er in Berlin mit dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning (FDP).

Überall wies Al-Zahrony auf die schwierige Situation seiner Glaubensgemeinschaft hin. Seit dem Einmarsch der Amerikaner und ihrer Verbündeten im Irak 2003 machen Islamisten Jagd auf Mandäer. Deren Zahl hatte in den 1970er Jahren noch bei 30 000 Menschen gelegen. Heute sind es nur noch 4000 bis 5000 Personen. Mindestens 5000 irakische Mandäer flohen ins Nachbarland Syrien. Die Mehrheit von ihnen ist verarmt. Einige Frauen müssen der Prostitution nachgehen, um ihre Kinder zu ernähren. Al-Zahrony bittet die Bundesregierung 2000 dieser Flüchtlinge nach Deutschland zu holen. In der Bundesrepublik leben bereits mehr als 1000 Mandäer. Sie haben sich vor allem im Raum Nürnberg, München und Düsseldorf niedergelassen. Al-Zahrony appelliert an die Zuständigen, Familienzusammenführungen nicht im Wege zu stehen. Es sei so schon schwierig für die Mandäer, ihren Glauben zu praktizieren.

Von den Kirchen erhofft sich die Gemeinschaft Hilfe bei der Errichtung eines Gotteshauses. Es muss an einem Fluss liegen, da die Mandäer im Laufe ihres Lebens mehrfach in fließendem Wasser durch Untertauchen getauft werden. Al-Zahrony selbst tauft seine Frau täglich. Anderenfalls wäre sie im Zustand der Unreinheit und könnte ihm keine Mahlzeit zubereiten.

Die Gemeinschaft kennt vier Propheten: den ersten Menschen Adam, dessen Sohn Seth, Sem, den Sohn von Noah, der mit Frau und Kindern die Sintflut in einer Arche überstand, sowie Johannes den Täufer. Anders als es das Neue Testament darstellt, haben sich nach dem Glauben der Mandäer nicht alle Johannes-Anhänger Jesus angeschlossen. Die Mandäer jedenfalls erkennen Jesus nicht als Messias an. Sie lehnen auch Moses und Mohammed als Propheten ab. Al-Zohrany betont aber die guten nachbarschaftlichen Beziehungen der Mandäer zu Christen und Muslimen. Mandäer lehnten Gewalt entschieden ab. In den Gottesdiensten verwendet die Gemeinschaft das Aramäische, die Sprache Jesu. Wie die Johannes-Anhänger von Palästina in den Irak gelangt sind, wird von Religionswissenschaftlern lebhaft diskutiert.

Ähnlichkeiten weist der mandäische Glaube mit dem Gnostizismus auf. Nach Einschätzung der beiden Religionen stammen die Seelen der Menschen aus der Welt des Lichts und sind in der Materie, der Welt der Finsternis, gefangen. Wie die Gnostiker hoffen auch die Mandäer, durch ihre spirituelle Praxis in die Welt des Lichts zurückzukehren. „Gnostiker“ ist das griechische, „Mandäer“ das aramäische Wort für „die Wissenden“.

Vor Querschlägern aus den eigenen Reihen schützt das Wissen allerdings nicht. Das zeigt das Göttinger Beispiel.

Von Michael Caspar

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