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Jüdisches Leben in Göttingen

Thema des Tages Jüdisches Leben in Göttingen

Koscheres  Essen, Kulturtage und durchschusssicheres Glas – in Göttingen gibt es gleich zwei jüdische Gemeinden. Welche Schwerpunkte haben sie? Wie sicher fühlen sich ihre Mitglieder? Was sagen sie zu provokanten Karikaturen? Und wie stehen die Gemeinden zueinander? Ein Blick auf das wiedererstandene jüdische Leben in Göttingen.

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Lebensfreude mit Verkleidungen: Göttinger Juden feiern in der Angerstraße das Purimfest.

Quelle: Heller

Göttingen. Für eine Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde hat Jacqueline Jürgenliemk ein ungewöhnliches Fach studiert: evangelische Theologie. Der Grund dafür erzählt viel von der Geschichte der Juden in Deutschland. Als Kind einer jüdischen Mutter war Jürgenliemk eigentlich Jüdin. Dennoch wurde sie christlich getauft.

Die Mutter, Jahrgang 1930, stammte aus einer weitgehend assimilierten jüdischen Familie, in der die religiöse Identität nicht stark ausgeprägt war. Die Judenvernichtung während der nationalsozialistischen Diktatur überlebte sie als Teenagerin in einem Versteck in Schleswig-Holstein. Sie heiratete einen nichtjüdischen Mann, und in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik versteckte sie gewissermaßen weiterhin ihre jüdische Identität.

Jürgenliemk, Jahrgang 1963, spürte schon als Kind, dass irgendein Geheimnis in ihrer Familie lag, es gab Tabus, an die nicht gerührt wurde. Erst als Erwachsene wurde sie sich jedoch ihrer jüdischen Identität wirklich bewusst. Sie orientierte sich neu – beruflich und auch religiös. Sie kehrte zum Judentum zurück, wurde Supervisorin und bietet Coachings an.

Langer Weg zurück

Ähnlich wie Jürgenliemk als Person musste auch die jüdische Gemeinschaft in Göttingen nach der Vernichtung der Nationalsozialisten in Göttingen erst wieder eine Identität finden. 1938 wurde während der Reichspogromnacht auch in Göttingen die Synagoge niedergebrannt. 1994 lebte nach dem Zuzug jüdischer Familien aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion die Jüdische Gemeinde wieder auf. Erst 2008 wurde in der Universitätsstadt wieder eine Synagoge geweiht – das historische Gebäude war in einer aufwendigen Aktion von Bodenfelde nach Göttingen versetzt worden.

Noch immer machen die Zugewanderten einen Großteil der 150 Mitglieder der Gemeinde aus, berichtet Jürgenliemk. Das bestimme zu einem gewissen Grad auch das Leben der liberal ausgerichteten Gemeinde. Neben Gottesdiensten und religiösen Feiern setze die Gemeinde Schwerpunkte im kulturellen und sozialen Bereich, so Jürgenliemk. Es gebe eine Sozialberatung, Deutsch- und Hebräischunterricht, Vorträge über jüdische Themen und – meist in russischer Sprache – ein Kulturcafé. Doch der Gottesdienst, betont Vorstandsmitglied Achim Doerfer, werde zum Großteil auf Hebräisch gehalten. Wie der Gesellschaft insgesamt macht der jüdischen Gemeinde jedoch die Überalterung sorgen.
In Göttingen könnten sich Juden relativ sicher fühlen, meint Jürgenliemk. Es sei vermutlich auch kein Problem sich hier mit der Kopfbedeckung Kippa auf der Straße als Jude zu erkennen zu geben. Doch die Sicherheit ist brüchig. Das Gemeindezentrum in der Angerstraße ist mit durchschusssicherem Glass gesichert, die Polizei beobachtete das Gebäude intensiv,  und auf Schulhöfen ist laut Jürgenliemk das Wort „Jude“ manchmal als Schimpfwort zu hören. Das Vordringen des islamistischen Terrors nach Europa sorgt zusätzlich für Unruhe.

Doch Vorstandsmitglied Achim Doerfer warnt davor, allzu viel auf die Muslime abzuwälzen. 2013 seien 90 Prozent der antisemitischen Straftaten in Berlin noch immer von Deutschen begangen worden. Und allein die Tatsache, dass einzelne Terroristen einmal Kontakt zum Islam gehabt hätten, stelle noch keine Verbindung zu dieser Religion her.

Vor der Synagoge: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jacqueline Jürgenliemk, Vorstandsmitglied Achim Doerfer und Geschäftsführerin Susanne Levi-Schlesier (v.l.). Richter

Vor der Synagoge: Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jacqueline Jürgenliemk, Vorstandsmitglied Achim Doerfer und Geschäftsführerin Susanne Levi-Schlesier (v.l.). Richter

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Auch in der Karikaturen-Debatte springt Doerfer den Muslimen durchaus bei. Karikaturen müssten zwar grundsätzlich gezeigt werden dürfen, aber es sei die Frage, ob dies allein aus der Lust an der Provokation geschehen solle. Auch streng religiöse Juden könnten sich durch Karikaturen tief verletzt fühlen, ergänzt Jürgenliemk. Gewalt könne jedoch niemals die Antwort auf solche Karikaturen sein.

Eine ganze Generation habe in Deutschland keine jüdischen Nachbarn mehr erlebt, meint die Geschäftsführerin der Gemeinde, Susanne Levi-Schlesier. Wichtig ist Jürgenliemk daher, über das jüdische Leben in Göttingen zu informieren: bei Vorträgen, Führungen für Schulklassen, interreligiösen Gottesdiensten, bei Veranstaltungen mit der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit und auch im Runden Tisch der Abrahamsreligionen, an dem Christen, Juden und Muslime mitwirken.

Im Bistro Löwenstein: Evelyn Tichauer Moritz (3. v. l.) und Vertreter der Kultusgemeinde bereiten das Purimfest vor. Hinzmann

Im Bistro Löwenstein: Evelyn Tichauer Moritz (3. v. l.) und Vertreter der Kultusgemeinde bereiten das Purimfest vor. Hinzmann

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Koscheres Essen im Bistro Löwenstein

Seit zehn Jahren gibt es mit der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Niedersachsen eine zweite jüdische Gemeinde in Göttingen. Unter großen Geburtswehen nabelte sich die Kultusgemeinde 2005 von der Jüdischen Gemeinde ab. Der Grund für die Trennung lag in unterschiedlichen religiösen Auffassungen. Die Ausrichtung der Jüdischen Gemeinde war zunehmend liberal. Ein konservative Minderheit gründete schließlich die Kultusgemeinde. Nach anfänglichen Spannungen haben sich die beiden Gemeinden mittlerweile aber wieder einander angenähert.

Die Jüdische Kultusgemeinde ist mit 60 Mitgliedern die kleinere der beiden Gemeinden, aber trotzdem sehr rührig. Sie betreibt das Bistro Löwenstein in der Roten Straße, in dem koscheres Essen angeboten wird, das den religiösen Speisegesetzen entspricht. Demnächst werde das „Bistro“ aus dem Namen entfallen, da das Angebot mittlerweile in Richtung Restaurant gehe, erklärt die Vorsitzende der Gemeinde, Eva Tichauer Moritz. Im Keller des Gebäudes befindet sich die Synagoge der Kultusgemeinde.

Im Hinblick auf die Jüdische Gemeinde erklärt Tichauer Moritz, gebe es in Göttingen zwei jüdische Gemeinden mit unterschiedlichen Einrichtungen: „Jede akzeptiert die andere.“ Auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Jacqueline Jürgenliemk, meint, es gebe mittlerweile ein gutes Verhältnis zur Kultusgemeinde. Bei Grußworten zu Veranstaltungen wechsele man sich ab. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde gingen zum Essen ins Bistro Löwenstein und besuchten auch Veranstaltungen des Jüdischen Lehrhauses.

Tichauer Moritz ist zwar auch Vorsitzende des 2002 gegründeten Jüdischen Lehrhauses. Sie betont jedoch, dass das Lehrhaus nicht zur Kultusgemeinde gehöre, sondern eine eigenständige Einrichtung mit einem eigenen Vorstand sei. Das Lehrhaus bietet  regelmäßig Veranstaltungen zur jüdischen Kultur und Geschichte an. In diesem Jahr stehen unter anderem eine Fahrt in die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen, die Jüdischen Kulturtage in Göttingen und ein Besuch von jüdischen Gemeinden in Hannover auf dem Programm.

Doch es gebe auch Projekte, bei denen die Jüdische und die Kultusgemeinde nicht auf einen Nenner kämen, ergänzt Jürgenliemk. Dies ist etwa im Hinblick auf das Stolperstein-Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig der Fall. Er verlegt in ganz Europa im Pflaster Steine mit Messingtafeln, auf denen die Namen von Opfer des nationalsozialistischen Diktatur eingraviert sind. Auch in Göttingen sollen solche Gedenksteine am 17. März im öffentlichen Raum verlegt werden. Die Jüdische Gemeinde und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sind für das Projekt, die Jüdische Kultusgemeinde lehnt es dagegen ab. Weil die Platten im Boden liegen, würden die Namen der Opfer mit Füßen getreten und beschmutzt. Die Kultusgemeinde fordert andere Formen des Gedenkens. Wer den Text der Steine lesen wolle, müsse sich hinabbeugen und damit vor den Opfern verneigen, betonen dagegen die Befürworter. bar

Jüdische Geschichte in Göttingen

Als „eine höchst verwickelte, von Krisen begleitete, mehrfach unterbrochene Geschichte“ – so beschreibt der emeritierte Theologie-Professor Berndt Schaller in seinem Buch „Synagogen in Göttingen“ die mehr als 700 Jahre dauernde Geschichte jüdischen Lebens in der Stadt. Sie beginnt im Mittelalter.

  • 1289: In einer Urkunde wird erstmals jüdisches Leben in Göttingen greifbar. Der Stadt wird erlaubt, einen Juden und seine Nachkommen als Bürger aufzunehmen.
  • Erste Hälfte des 14. Jahrhunderts: Es gibt eine kleine Synagoge, vermutlich in der heutigen Jüdenstraße. Jüdisches Leben hatte laut Schaller damals mitten in der Stadt seinen Platz. Trotzdem seien Juden nur eine geduldete Randgruppe gewesen.
  • Mitte des 14. Jahrhunderts: Das jüdische Leben in Göttingen bricht ab. Der Grund sind wahrscheinlich Verfolgungen, die von 1348 bis 1350 während der Pest stattfanden, als den Juden vorgeworfen wurde, Brunnen vergiftet zu haben.
  • 1370: Es werden wieder jüdische Bürger in der Stadt aufgenommen.
  • Mitte des 15. Jahrhunderts: Infolge von Anfeindungen und auch eines innerjüdischen Streits werde Aufenthaltsbewilligungen nicht verlängert. Es kommt zu einem zweiten Abbruch des jüdischen Lebens in Göttingen.
  • 1559: Die Stadt nimmt wieder einen Juden mit Familie auf.
  • Um 1700: Es gibt einen jüdischen Friedhof in Göttingen.
  • Um 1850: Die Zahl der Juden in Göttingen ist so weit angestiegen, das der Bau einer neuen Synagoge in Angriff genommen wird. Bislang beten die Juden in einer Hinterhaus-Synagoge.
  • 1872: Zwischen den Masch-Straßen wird eine Synagoge eingeweiht und bis 1895 erweitert. Mit der Zahl der jüdischen Bürger nimmt auch der Antisemitismus zu.
  • 1933-45: Die nationalsozialistische Diktatur endet in einer fast totalen Vernichtung des jüdischen Lebens in Göttingen. 1938 wird die Synagoge niedergebrannt. Fast alle Juden werden bis 1942 in Vernichtungslager deportiert. Nur wenige überleben, nur fünf kehren zurück. Nach 1945 gibt es nur noch Reste jüdischen Lebens in Göttingen.
  • 1994: Die Jüdische Gemeinde Göttingen wird nach dem Zuzug jüdischer Familien aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion wiederbelebt.
  • 2002: Ein jüdisches Lehrhaus wird als Bildungseinrichtung gegründet.
  • 2005: Eine konservative Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen trennt sich von der liberalen Jüdischen Gemeinde.
  • 2008: 70 Jahre nach dem Niederbrennen der Synagoge wird im Zentrum der Jüdischen Gemeinde in der Angerstraße eine neue Synagoge geweiht. Es handelt sich um die ehemalige Bodenfelder Synagoge, die nach Göttingen versetzt wurde.
  • 2008: Die Kultusgemeinde weiht ihre Synagoge in der Roten Straße ein.
  • 2014: Die Kultusgemeinde eröffnet das Bistro Löwenstein, das koscheres Essen anbietet.                     bar
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Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis