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Jugendhilfe Süd-Niedersachsen schult Mitarbeiter

Seelische Verletzungen Jugendhilfe Süd-Niedersachsen schult Mitarbeiter

Belastende Dinge haben die meisten der minderjährigen Flüchtlinge erlebt, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen sind. Die Jugendhilfe Süd-Niedersachsen, die 380 von ihnen in Stadt und Landkreis Göttingen sowie in Northeim betreut, hat ihre 250 Betreuer in diesem Bereich traumapädagogisch geschult.

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Quelle: gt

Göttingen. „Seelische Verletzungen haben die jungen Menschen oft bereits vor der Flucht in ihrer Heimat erlebt“, berichtet Betreuer Christian Stoll. So herrsche in Syrien und Afghanistan, wo viele der Flüchtlinge herkämen, seit Jahren Bürgerkrieg. Manche hätten alle ihre Angehörigen verloren. In Eritrea, von wo ein Viertel der jungen Menschen stamme, bestehe eine „knallharte Diktatur“. Ein Krieg mit dem Nachbarland Äthiopien schwele. Wehrpflichtige erlebten beim Militär Willkür und Gewalt.

Überfüllte Boote kentern, Menschen ertrinken

„Auf der Flucht haben die jungen Menschen dann zum Teil gesehen, wie Freunde von überladenen Lkw fielen und überrollt wurden“, erzählt Stoll. Eritreer berichteten, dass bei der Durchquerung der Sahara Wagen liegen blieben und die Menschen verdursteten. In Libyen würden viele inhaftiert und misshandelt. Auf dem Mittelmeer hätten sie überfüllte Boote kentern und Menschen ertrinken sehen.

„Solche Erlebnisse machen krank“, sagt Psychologin Christine Bartje von der Jugendhilfe. Selbst Flüchtlinge, die anfangs in Deutschland glücklich und voller Energie schienen, verfielen – wenn sie zur Ruhe kämen – der Grübelei und zögen sich zurück. Manche hörten auf zu essen oder versuchten, sich umzubringen. Andere seien unruhig und reizbar. Aus nichtigen Gründen komme es zu Wutausbrüchen.

„Damit unsere Mitarbeiter angemessen reagieren, lassen wir sie traumapädagogisch schulen“, betont Yvonne Petry, die den Fachbereich leitet. Das gelte auch für die Kulturdolmetscher sowie die Gastfamilien. „Das von mir erarbeitete Konzept umfasst 13 jeweils zweistündige Module“, sagt Psychologin Bartje. Dort würden Mitarbeiter lernen, ruhig zu reagieren und dem Gegenüber ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Die Mitarbeiter ermunterten die Betroffenen, Sport zu machen, ihre Lieblingsmusik zu hören oder mit guten Freunden zu telefonieren. Wenn das nicht helfe, gebe es einen kurzen Draht zu einer Psychotherapeutin und einem Psychiater.

Erlebnisse wieder voll präsent

„Ich rate Mitarbeitern davon ab, Flüchtlinge zu drängen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen“, betont Bartje. Das reiße alte Wunden wieder auf. So etwas sollte möglichst nur im geschützten Rahmen einer Traumatherapie erfolgen. Entsprechende Einrichtungen hätten jedoch lange Wartezeiten. „Wir wollen die jungen Menschen stabilisieren, ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt lenken und sie dabei unterstützen, ihr Leben in die Hand zu nehmen“, führt die Psychologin aus.

„Ein Problem ist, dass die Flüchtlinge immer wieder mit ihren Verletzungen konfrontiert werden“, berichtet Betreuer Stoll. In den vergangenen Monaten habe es zum Beispiel in Afghanistan mehrfach große Anschläge gegeben. Bei Telefongesprächen oder über die sozialen Medien erführen die jungen Erwachsenen dann von Opfern in der eigenen Verwandschaft oder im Freundeskreis. Dann seien eigene Erlebnisse wieder voll präsent.

„Panik lösen regelmäßig auch Schreiben von den Ämtern aus“, sagt Stoll. Da erhielten junge Leute, die gut in der Schule mitmachten oder einen Ausbildungsplatz hätten, eine Ablehnung ihres Asylantrags und die Aufforderung auszureisen. „Wir versuchen ihnen bereits im Vorfeld klar zu machen, dass sie gegen solche Schreiben Einspruch einlegen können und aus Göttingen bisher keiner von ihnen abgeschoben worden ist“, so Stoll. Geschockt seien viele trotzdem. mic

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