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K.-o.-Tropfen: Morgens im Bett eines fremden Mannes

Universitäts-Medizin zählt monatlich ein, zwei Fälle K.-o.-Tropfen: Morgens im Bett eines fremden Mannes

Die einen halten Straftaten mit K.-o.-Tropfen für ein modernes Märchen, die anderen sehen darin eine weit verbreitete Bedrohung junger Frauen, mit Vergewaltigung oder Raub als Folge. Tatsächlich scheint es den Einsatz von Knockout-Tropfen nur selten, aber eben doch gelegentlich zu geben. Polizeireporter Jürgen Gückel geht in Göttingen der Frage nach,  wie real die Bedrohung ist.

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Vorsicht K.-o.-Tropfen: Unbemerkt wird jungen Frauen die Droge ins Getränk geträufelt.

Quelle: dpa

Göttingen. Die junge Frau war noch verwirrt, als sie in die Klinik kam. Sie sei, berichtet sie den Ärzten, morgens im Bett eines ihr völlig unbekannten Mannes aufgewacht. Wie sie in dessen Wohnung gekommen sei, wisse sie nicht. Was passiert sei, sei ihr schleierhaft – keine Erinnerung, Gedächtnislücke. Ihr Verdacht: K.-o.-Tropfen.

Fragt man nach solchen Straftaten bei der Polizei, ist nicht viel zu erfahren. Gerade einmal drei Verdachtsfälle seien 2014 angezeigt worden, antwortet Polizeisprecherin Jasmin Kaatz.

In keinem Fall sei etwas erwiesen. Fälle, bei denen Täter ermittelt wurden, gebe es folglich nicht.

Prof. Blaschke

Prof. Blaschke

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Ganz anders beantwortet diese Frage Prof. Sabine Blaschke, die leitende Oberärztin der interdisziplinären Notaufnahme an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Ein bis zwei Fälle seien es monatlich, in denen man sich als Mediziner sicher sein könne, dass Betäubungsmittel wie K.-o.-Tropfen im Spiel waren.

Entweder, weil es in einem Drogenscreening nachgewiesen werden konnte, oder, weil alle anderen Erklärungen für die Symptome medizinisch ausgeschlossen werden  konnten.

Eigenheit der Droge schützt Täter

So wie im Fall der 28-Jährigen, die vor gut einer Woche in die Klinik kam. Sie konnte sich gerade einmal erinnern, am Abend zuvor in einer Göttinger Edel-Disco gewesen zu sein. Am nächsten Morgen erwachte sie in einem fremden Bett. Am Alkohol allein – ja, sie hatte auch was getrunken – könne es nicht gelegen haben.

Deshalb veranlassten die Ärzte ein Drogenscreening, untersuchten die junge Frau körperlich, veranlassten auch eine gynäkologische Untersuchung mitsamt Probenahme etwaiger Spermaspuren und empfahlen der Patientin dringend, die mutmaßliche Straftat bei der Polizei anzuzeigen.

Was ist daraus geworden? Es liegt keine Anzeige vor. Es gibt keine Ermittlungen. Opfer solcher Taten scheuen sich oft, die unter dem Einfluss der Drogen gar nicht wahrgenommenen oder vergessenen Handlungen anzuzeigen, weil sie ihnen erst im Rahmen dann zwangsläufig notwendiger Ermittlungen erst richtig bewusst würden. Dann, so die Überlegung, begänne das Leiden unter der Tat erst recht.

So schützt die Eigenheit der Droge Täter vor Strafe. Das liege auch daran, so die Medizinprofessorin, dass der nachweis oft kaum gelinge. Bei Gamma Hydrioxybuttersäure etwa, den klassischen K.-o.-Tropfen, sei der Nachweis nur binnen sechs Stunden möglich. Aus eigener Kraft kommen die Opfer in dieser Zeit kaum zu einem Arzt. Auch Angehörige oder Freunde verstehen oft nicht, was passiert ist. Zudem, so Blaschke, sei fast immer auch Alkohol im Spiel.

„Wir unterliegen der Schweigepflicht“

Und weil es sich meist um junge Leute, viele aus der Studenten- oder Kneipenszene, handele, sei nicht auszuschließen, dass das Drogenscreening nicht noch andere verbotene Substanzen zutage fördere. Eine Scheu vor der Blutuntersuchung müsse aber deshalb niemand haben. „Wir unterliegen der Schweigepflicht. Natürlich geben wir der Polizei solche Befunde nicht weiter.“

Deshalb rät die Ärztin, ein vollständiges Screening durchführen zu lassen, wenn die mutmaßliche Verabreichungszeit noch innerhalb der Sechs-Stunden-Frist liegt. Danach  könne allenfalls bei Barbituraten oder Benzodiazepin noch etwas festgestellt werden. Der Test koste immerhin 160 bis 180 Euro. Wer nach mehr als sechs Stunden darauf bestehe, müsse selber zahlen.

Schwierig sei die Analyse dann, wenn es sich um Mischintoxikation handele – also auch um zusätzlichen Alkoholgenuss. Das sei in den meisten Fällen so. Dann sei auch der Verlauf gefährlicher. Mit Alkohol können die Tropfen lebensbedrohlich wirken. Die Bandbreite reiche von Übelkeit bis zu schwerem Koma, sagt Blaschke. Und wer ist betroffen? „In den sechs Jahren, in denen ich am Klinikum bin, kein einziger Mann.“

Ohne Erinnerung: Geburtstagsfeier endet in Klinik

Ihren 30. Geburtstag wird Sophie S. nie vergessen, denn sie hat ihn vergessen. Keinerlei Erinnerung gibt es daran, wie ihre Geburtstagsfeier endete. Einzig ihr Ehemann kann ihr erzählen, wie ihr schlecht wurde, wie sie zusammenbrach, wie sie nach Hause mussten und er sie dann in die Klinik brachte und schließlich auf der Intensivstation besuchen musste. Sophie ist mutmaßlich ein Opfer von K.-o.-Tropfen geworden.

Es war eine Feier mit Freunden in einem beliebten Studentenclub auf dem Uni-Gelände. Sophie mit ihren Gästen unter hunderten anderer junger Leute. Dass es K.-o.-Tropfen gewesen sein müssen, die die junge Mutter umgehauen haben, ist sicher. Sie hat nach einem ersten Cocktail zu Hause nur Wasser getrunken. Ein Alkoholtest ergab tags darauf 0,00 Promille.

Allerdings hatte sie die Flasche Wasser, aus der sie trank, in einer Ecke abgestellt, wenn sie tanzen ging. Gut möglich, dass jemand unbemerkt etwas hinein träufelte. Einen Verdacht, wer und warum, haben weder sie noch ihr Mann.

Im Uni-Klinikum sind tags darauf, als es der jungen Frau noch immer nicht besser ging, sie unter Schwindel, Kopfschmerz und Verwirrtheit litt und das Leben „wie in Watte“ wahrnahm, sämtliche möglichen Untersuchungen gemacht worden. Nachgewiesen wurde nichts.

Die Nachweiszeit von höchstens sechs Stunden war längst überschritten. Doch weil alle Symptome für ein Narkotikum sprachen, kein einziger anderer Grund für den Zusammenbruch der kerngesunden jungen Frau gefunden wurde, sind auch die Mediziner sicher: Das müssen K.-o.-Tropfen gewesen sein.

Das Märchen von der modernen Mär

Für viele Kriminologen gilt der Einsatz von Betäubungsmitteln, um mit deren Hilfe Straftaten zu begehen, als modernes Märchen. Bei Wikipedia wird eine 2009 veröffentlichte Studie des British Journal of Criminology zitiert, wonach die Polizei keine Hinweise auf den Einsatz  solcher Tropfen habe.

Stattdessen sei exzessiver Alkoholkonsum in der Regel Ursache der Verdachtsfälle. Auch eine australische Studie mit 97 Patienten erbrachte in keinem einzigen Fall den Nachweis. Im Münchener Institut für Rechtsmedizin wuden binnen vier Jahren (1995-1998) 92 Verdachtsfälle untersucht. Meist war hier Raub, nicht etwa Vergewaltigung die Folgetat. Und das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass in den untersuchten Fällen meist eine freiwillige Einnahme vorgelegen habe.

Als tatsächliche Mär hat sich erwiesen, was in den USA in diesem Sommer für Schlagzeilen sorgte: Studenten hätten einen Nagellack erfunden, der auf K.-o.-Tropfen im Drink reagiere und den Nagel umfärbe, sollte eine Droge im Drink sein und hielte man den Finger hinein. Der Anti-Vergewaltigungs-Nagellack löste einen Hype im Internet aus, war aber wohl nicht mehr als eine bizarre Idee.

K.-o.-Tropfen

So genannte K.-o.-Tropfen sind fast immer Mixturen verschiedener narkotisierender Wirkstoffe. Sie sollen Opfer, denen sie heimlich in Getränke oder Essen gemischt werden, betäuben und wehrlos machen.

Häufig bewirken sie zudem eine Amnesie, so dass die unter Einfluss der Drogen erlebten Ereignisse nicht erinnert werden. Häufigste Bestandteile sind Gamma Hydroxybuttersäure (GHB), auch Liquid Ecstasy, deren Abwandlungen wie Gamma-Butyrolacton (GBL), Ketamin oder Butandiol.

Auch Benzodiazepine oder Barbiturate können bei entsprechender Dosierung eine vergleichbare Wirkung haben. Besonders gefährlich sind Barbiturate und GHB/GBL, da sie Atemstillstand auslösen können.

In 22 Jahren nur zwei erwiesene Fälle

Rechtsanwalt Steffen Hörning

Rechtsanwalt Steffen Hörning

Quelle:

Ex-Staatsanwalt und Opfer-Anwalt Steffen Hörning vom Weißen Ring zum Thema K.-o.-Tropfen

Ist das eine Straftat, jemandem K.-o.-Tropfen ins Glas zu tun, und wie kann das bestraft werden?
Typisch juristische Antwort: Das kommt darauf an! Wenn es mit Billigung des anderen geschieht oder ich den Inhalt selbst trinken möchte, natürlich nicht. Aber Spaß beiseite: Bereits das heimliche Zuführen ohne den beabsichtigten Verzehr durch das Opfer erfüllt mindestens den Tatbestand einer versuchten gefährlichen Körperverletzung.

Nimmt das Opfer den Inhalt nichts ahnend zu sich, reden wir von einer vollendeten Tat, und zwar  häufig durch zwei Begehungsformen, nämlich „durch Beibringung eines gesundheitsschädlichen Stoffes“ und „mittels eines hinterlistigen Überfalls“. Kommt es dann sogar im Anschluss – und dies ist leider der Regelfall – unter Ausnutzung der Wirkung zuvor verabreichter K.-o.-Tropfen zu noch massiveren Straftaten wie etwa einem Sexualdelikt oder einem Raub, eröffnen sich weitere Straftatbestände mit zum Teil erheblichen Strafschärfungen wegen des eingesetzten Tatmittels K.-o.-Tropfen.

Kennen Sie Fälle, in denen es tatsächlich zur Verurteilung kam?
In 22 Berufsjahren gerade mal in zwei Fällen, jeweils Vergewaltigungen nach Zufuhr solcher Tropfen. Und in beiden Fällen auch nur deshalb, weil neben dem seltenen Nachweis der Substanz im Blut zusätzlich weitere Beweismittel wie Verletzungs- und Spermaspuren vorlagen.

Was kann man als Opfer tun, damit solche Taten nicht ungesühnt bleiben?
Zunächst gilt es, ausreichende Vorkehrungen dafür zu treffen, dass man erst gar nicht Opfer einer so heimtückischen Attacke wird. In diesem Zusammenhang darf man nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass man insbesondere auf Partys oder in Diskotheken kein offenes Getränk von Leuten annehmen sollte, die man nicht kennt, und das eigene Getränk nicht unbeobachtet irgendwo stehen lassen sollte.

Falls es doch im wahrsten Sinne des Wortes zu einem bösen Erwachen kommt, so ist in erster Linie Eile geboten. Dies resultiert aus dem bedauerlichen Umstand, dass einige Substanzen, die als sogenannte K.-o.-Tropfen zum Einsatz kommen, etwa die Partydroge Liquid Ecstasy, nach Verabreichung nur bis zu sechs Stunden im Blut und maximal bis zu zwölf Stunden im Urin nachweisbar sind.

Insofern sollte man bei einem entsprechenden Verdacht nicht nur sofort die Polizei verständigen, sondern unverzüglich eine rechtsmedizinische Untersuchung veranlassen.

Was müsste passieren, um Opfern zu ihrem Recht zu verhelfen?  
Es wäre sicherlich extrem hilfreich, wenn zukünftig Laborverfahren zur Verfügung stünden, die eine deutlich längere Dauer der Nachweisbarkeit ermöglichen. Heutzutage ist der Zeitfaktor quasi das allein entscheidende Kriterium der Beweisbarkeit. Damit nicht auch noch finanzielle Erwägungen bei Opfern, die eine anzeigenunabhängige rechtsmedizinische Untersuchung selbst bezahlen müssten, eine Rolle spielen und gegebenenfalls Zeit kosten, unterstützt der Weisse Ring als Deutschlands größte Opferhilfeorganisation in solchen Fällen Betroffene durch Kostenübernahme mittels Aushändigung eines Untersuchungsschecks zur rechtsmedizinischen Beweissicherung.

Aber auch diese Unterstützung verpufft leider dann, wenn die verstrichene Zeit einen Nachweis nicht mehr zulässt.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016