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Kampf gegen Vermieter, Ämter und sich selbst

"Keiner soll einsam sein" Kampf gegen Vermieter, Ämter und sich selbst

Immer wieder geraten Menschen in Not, werden Opfer von persönlichen Katastrophen und Tiefschlägen. Diesen Menschen bieten soziale Einrichtungen in der Region Hilfe. Zugunsten dieser Anlaufstellen in Krisenzeiten sammelt „Keiner soll einsam sein“, die Weihnachtshilfe des Göttinger Tageblatts. In loser Folge stellen wir einige Schicksale vor.

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Göttingen. Anton H. (Name geändert) lebt in einem Zimmer zwischen alten Vinyl-Platten, einer Herdplatte und einem Schlafsofa. Sein Vermieter fordert 5000 Euro von ihm, aber H. hat kein Geld - und trotzdem keinen Anspruch auf Grundsicherung, wie er sagt. 

 

Im November 2015 hat H. vergessen, in seiner Küche den Wasserhahn zuzudrehen, erzählt er. Seitdem ist sein Leben ein Kampf: Gegen den Vermieter, gegen die Ämter und gegen sich selbst. Die Küche befand sich im Dachgeschoss seiner Zwei-Etagen-Wohnung - ein Dachboden mit Spüle. Um sie zu erreichen, musste H. eine alte Treppe hinaufsteigen. „Viermal bin ich gestürzt“, sagt er.

Auf dem Dachboden befindet sich lediglich ein kleines Dachbodenfenster, eine Heizung gibt es nicht. Nach seinem Fauxpas forderte der Vermieter 5000 Euro zum Begleichen der Schäden, die durch „unsachgemäße Nutzung“ sowie „durch fehlendes Lüften“ entstanden seien, wie es in dem Schreiben steht, das H. erhalten hat. Die Rechnung sei innerhalb von sechs Wochen zu begleichen. „Ich hab mich richtig erschrocken“, erzählt H.

So sehr, dass H. sich psychologische Hilfe suchte. Zwei Monate blieb er in stationärer Behandlung, seit knapp fünf Monaten besucht er die Tagesklinik. „Ich habe Angstzustände und Depressionen“, sagt H. Das, was ihn am meisten belaste, sei seine Wohnsituation.

Das Zimmer in dem er hause, sei so zugestellt und klein, dass er nicht einmal das Schlafsofa ausklappen könne. Damit der Dachboden trocknen konnte, sei der Fußboden herausgenommen worden. Seine Sachen hat H. in sein Schlafzimmer geräumt. Seitdem wohnt, kocht und schläft der 77-Jährige im Wohnzimmer, wie er sagt.

Seit Anfang 2016 habe er 20 Kilogramm abgenommen, außerdem leide er unter einer Prostata-Vergrößerung, erzählt der Rentner. „Ich fühle mich immer unter Druck. Solange der Druck nicht weg ist, kann ich auch nicht gesünder werden“, sagt H. Auch die Ärzte sagten, dass es so nicht weitergehe. Sie vermittelten H. an eine Rechtshilfebetreuung. 

Eine Lösung sei ein betreutes Wohnen in einem Wohnheim, meint Rechtsanwältin Ferhan Yalçin, die sich seit Juli um H. kümmert. Ein Zimmer stehe dort auch zur Verfügung, einzig an der Finanzierung scheitert es. „Seine Rente ist um 68 Euro zu hoch“, erklärt Yalçin. Durch diese 68 Euro verliert H. bei den Ämtern den Anspruch auf eine Grundsicherung sowie auf Umzugskosten und die Kaution. „Die Rente ist dieses Jahr erhöht worden, vorher war ich nicht über der Grenze“, sagt der Rentner.

Er hat keine Angehörigen und keine Rücklagen, am Ende des Monat bleibt nichts übrig. Der Umzug in ein Wohnheim ist ohne ein Entgegenkommen der Ämter und seines Vermieters wohl nicht zu realisieren. In sich gekehrt und mit hängenden Schultern fragt H.: „Was hast du falsch gemacht in der Vergangenheit?“.

Von Yannick Höppner

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