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Kanzlei wirbt mit Aussicht auf Aufhebungsverträge

Securenta-Opfer Kanzlei wirbt mit Aussicht auf Aufhebungsverträge

„Haben Sie schon Ihr Geld in Sachen Göttinger Gruppe zurückerhalten?“ Mit diesem Satz wirbt eine Anwaltskanzlei aus Jena unter Opfern der Securenta AG um Mandanten. Unter dem Eindruck, es bestehe noch Hoffnung auf einen Teil der verlorenen Einlagen, könnten Geschädigte ein weiteres Mal Geld verlieren, kritisieren Insider.

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Quelle: dpa (Symbolfoto)

Göttingen. Die Göttinger Gruppe und ihre Tochtergesellschaft Securenta AG waren bereits Ende 2005 zahlungsunfähig geworden. Im Juni 2007 erst war das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Damit waren die Einlagen von rund 250 000 Anlegern, sogenannten atypischen stillen Gesellschaftern, praktisch futsch. 37 600 Gläubiger haben im Rahmen des Insolvenzverfahrens Forderungen angemeldet - ohne die geschädigten Anleger.

Noch bis mindestens 2017, so Rolf Rattunde, der Insolvenzverwalter, auf Tageblatt-Anfrage, werden die angemeldeten Forderungen gepüft. Ein Ende des Verfahrens ist nicht absehbar. Es handele sich schließlich, so Rattunde, „von den Gläubigerzahlen her um eines der größten Insolvenzverfahren Deutschlands“.

In dieser Situation gaukelt das Rundschreiben der Jenaer Kanzlei den Geschädigten vor, es könnten „verloren geglaubte Beträge wieder für die Mandantschaft gesichert werden“. Der Mandant möge nur ankreuzen: „Ja, ich möchte Geld aus einer Vorabausschüttung aus der Insolvenzmasse erhalten.“ Mit der Unterschrift wird der neue Mandant natürlich zahlungspflichtig, die Bemühungen der Kanzlei zu honorieren.

Auf Tageblatt-Anfrage teilt die Kanzlei dies mit: Das Angebot, prüfen zu lassen, ob Aufhebungsverträge geschlossen werden können, gelte immer noch. Es wird aber auch eingeräumt: „Wir haben die Vergleichsverhandlungen für den Abschluss der Aufhebungsverträge gegenüber dem Insolvenzverwalter noch nicht eröffnet.“

Dazu dürfte es auch nie kommen. Rattunde erklärt klar, dass Aufhebungsverträge „weder möglich noch sinnvoll“ wären. Anleger hätten ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden müssen. Aufhebungsverträge - höchstens zehn oder 15 - habe es gegeben, als die Firma noch existierte, also vor 2007. Als Insolvenzverwalter schließe er keine Aufhebungsverträge ab. Genau das gaukelt das Schreiben der Anwälte aber vor.

Einer, der sich beruflich bereits in Fachbeiträgen zum Wirtschaftsrecht und in juristischen Zeitschriften mit der Securenta befasst hat, ist Insolvenzverwalter Burghard Wegener aus Göttingen. Er hält die Rundschreiben für „mehr als bedenklich“. Was vorgeschlagen werde, habe „mit solider rechtlicher Beratung nichts mehr zu tun“. Wegener weiter: „Anleger, die durch unzutreffende Renditeversprechen geworben“ wurden, würden nun „mit unrealistischer Aussicht auf Ausschüttung für Anwaltsmandate geworben“. Denn der Eindruck, eine kurzfristige Ausschüttung sei möglich, sei völlig unrealistisch. Insolvenzrechtlich dürfe es gar keine Ausschüttung geben.

Besonders perfide: Auf die fatalen Folgen für die Steuern werden die geworbenen Mandanten gar nicht erst hingewiesen. die können aber erheblich sein. Würde es nämlich doch zu Aufhebungsverträgen kommen, würden alle steuerlichen Vorteile, die die Anleger mit dem Steuersparmodell Secu-Rente schon gemacht haben, wieder aufgehoben. Hohe Steuernachzahlungen könnten fällig werden - zusätzlich zum mutmaßlichen Totalverlust aller Einlagen.

Kommentar: Unanständige Werbung

Erst fallen 250 000 kleine Anleger auf das windige Steuersparmodell der Secu-Rente herein und verlieren ihr Geld. Dann lassen sich mehr als 10 000 von ihnen darauf ein, einzig für die Anwälte lukrative Klagen gegen längst zahlungsunfähige ehemalige Vorstandsmitglieder der Göttinger Gruppe sowie gegen deren Wirtschaftsprüfer zu führen. Jetzt sollen die Geprellten nach dem vermeintlich letzten Strohhalm greifen und ihre Beteiligungen von cleveren Anwälten für aufgehoben erklären lassen. Über die Folgen für die Steuer wird gar nicht erst informiert. Dass der Vorschlag ein Luftschloss ist wie einst die Secu-Rente, liegt auf der Hand. Auch hier wieder profitierten einzig die Anwälte.

Sind denn die einmal Geprellten jetzt Opfer auf Abonnement? Wenn die Anwaltskanzlei zudem behauptet, über die Vergleiche mit dem Insolvenzverwalter würden strafbewehrte Verschwiegenheitsverpflichtungen abgeschlossen, zeigt das nur, dass hier auch noch mit Verschwörungstheorien gearbeitet wird, als wenn man dem Insolvenzverwalter an allen Gläubigern vorbei doch noch etwas entlocken könne. Das ist unanständig. Vielleicht sollte sich die Anwaltskammer einmal solche Art der Mandantenwerbung genauer ansehen.

Von Jürgen Gückel

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