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Kaplan: Habe Missbrauchsvorwürfe per Brief gemeldet

Gerüchte Kaplan: Habe Missbrauchsvorwürfe per Brief gemeldet

Im Hinblick auf die Missbrauchsvorwürfe gegen den Jesuiten-Pater R. kommen immer neue Details über seine Göttinger Zeit ans Licht. Nach Angaben eines Kaplans kursierten damals nicht nur Gerüchte unter Eltern und Jugendlichen über die Missbrauchs-Vorwürfe, sondern es gab auch schriftliche Hinweise, die der Ordensleitung zugegangen sind. So berichtet Damian Sassin, von 1987 bis 1990 Kaplan an St. Michael, er habe an den damaligen Leiter der Jesuiten-Provinz einen Brief geschrieben und in diesem auf die Vorwürfe von zwei jungen Frauen hingewiesen.

Als er R. während dessen Mexiko-Aufenthalt im Rutilio-Grande-Jugendhaus in Göttingen vertrat, sei zunächst eine damals etwa 17-Jährige Gruppenleiterin auf ihn zugekommen und habe um ein Gespräch gebeten, so Sassin. Die Jugendliche habe davon berichtet, dass es bei einer Freizeit unter dem Stichwort der „Einfachheit“ abgelaufene Lebensmittel zu essen gegeben habe. Er habe die Vorwürfe ernst genommen und der Jugendlichen gesagt, dass die Sache nicht in Ordnung sei, so Sassin. Daraufhin sei die Jugendliche einige Zeit später noch einmal zu ihm gekommen und habe ihm vom sexuellen Missbrauch durch R. berichtet. Dieser nehme junge Frauen auf seinen Schoß und begrabsche sie dabei. Unabhängig von der 17-Jährigen habe ihm kurz darauf eine etwa 16-jährige Gruppenleiterin von ähnlichen Übergriffen berichtet, so Sassin. Der Kaplan entschied sich nach eigenen Angaben, einen Brief an den Leiter seiner Jesuiten-Provinz, Alfons Höfer, zu schreiben und darin von den Vorwürfen zu berichten. Höfer habe sich in einem Telefongespräch besorgt über die Vorwürfe gezeigt und sei einige Tage später nach Göttingen gekommen. Damals habe es ein zweistündiges Gespräch am Bahnhof gegeben, so Sassin. Er habe dabei die Auffassung vertreten, dass die Vorwürfe der Jugendlichen glaubwürdig seien. Aus seiner Sicht habe der Provinzial dann dafür gesorgt, dass R. aus Göttingen wegging. Dieser ließ sich zunächst vom Orden beurlauben, trat später ganz aus und fand im Bistum Hildesheim als Priester Unterschlupf. Dort betont man heute, man habe von R.s Vorgeschichte nichts gewusst.

Thomas Busch, Öffentlichkeitsreferent der Jesuiten bestätigt, dass Höfer 1988/89 Hinweise auf Übergriffe in Göttingen bekommen habe. Nach seiner Rückkehr aus Mexiko sei R. damit konfrontiert und aus der Jugendarbeit herausgenommen worden – in der er später im Bistum immer wieder tätig wurde. Die Akten zu den Hinweisen 1988/89 würden derzeit überprüft, so Busch. Zu Einzelheiten wie der Existenz des Schreibens könne man sich daher noch nicht äußern. Höfer selbst sagte, er könne sich ohne Unterlagen an die Vorgänge in Göttingen, etwa an den Brief, nicht mehr genau erinnern. Er habe von den Vorwürfen gehört, aber es habe keine konkreten Fakten gegeben. R. sei als Einzelgänger vor allem aufgrund von Konflikten in der Jesuiten-Kommunität beurlaubt worden. R. bestreitet die Missbrauchs-Vorwürfe weiterhin.

Sassin verließ 1998 den Jesuitenorden. Er ist heute Gymnasiallehrer für die Fächer Englisch, Katholische Religion und Philosophie. Seine Entscheidung, den Orden zu verlassen, habe nichts mit den Vorgängen in Göttingen zu tun, betont er.

bar

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