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Kaufkraft im Kreis Göttingen unter dem Bundesdurchschnitt

Thema des Tages Kaufkraft im Kreis Göttingen unter dem Bundesdurchschnitt

Im Gabler-Wirtschaftslexikon ist Kaufkraft definiert als „die Geldsumme, die einem Wirtschaftssubjekt real zur Verfügung steht.“ Alles klar? Wahrscheinlich nicht. Dabei ist die Kaufkraft auch ein wichtiger Indikator für die Wirtschaftskraft einer Region. Das Tageblatt klärt, was sie bedeutet, wie sie in der Region ausgeprägt ist und was bei ihrer Interpretation zu beachten ist.

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Nur mittlere Plätze für die Region: Die Werte beinhalten auch die entsprechenden Kreisstädte.

Quelle: Hinzmann

So richtig euphorisch stimmen die Zahlen erst einmal nicht. Die neuen Kaufkraft-Werte 2015 für die Region sind zwar ganz ordentlich, zeigen aber auch, dass die Landkreise Göttingen, Northeim und Osterode im bundesdeutschen Vergleich eine unterdurchschnittliche Kaufkraft aufweisen. Ein Grund zur Sorge?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, was die Kaufkraft überhaupt aussagt. Sie gibt an, wie hoch das Netto-Einkommen von Menschen einer Region im Durchschnitt ist. Und damit auch das Geld, das ihnen für Konsumzwecke zur Verfügung steht. Zusätzlich lässt sich noch ein Index errechnen, bei dem der deutsche Durchschnittswert auf 100 gesetzt wird. Errechnet wird die Kaufkraft von mehreren Anbietern, darunter der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die GfK ist das größte Marktforschungsinstitut Deutschlands und verkauft ihre Zahlen, unter denen die Kaufkraft nur eine von vielen Indikatoren ist, an potenzielle Investoren. Die Kaufkraft basiert auf Ergebnissen der amtlichen Lohn- und Einkommensteuerstatistiken. Gestützt auf die Daten der Finanzämter geben diese Statistiken unter anderem die Einkünfte aus nichtselbständiger und selbständiger Arbeit sowie die Kapitaleinkünfte an. Zieht man von diesen ausgewiesenen Bruttoeinkommen die Lohn- und Einkommensteuern ab, ergibt sich das Nettoeinkommen.

Mit der Kaufkraft allein lässt sich die allgemeine wirtschaftliche Situation für Deutschland schon treffend abbilden: In Metropolen wie Hamburg und München ist sie höher, in Ostdeutschland fällt sie geringer aus. Allerdings: Die Höhe des Kaufkraftniveaus hängt maßgeblich von der Anzahl der Hauptsitze, der demographischen Struktur und weiteren Faktoren ab. Eine große Firma etwa, die ihre Mitarbeiter gut entlohnt, liefert also umso höhere Kaufkraft-Werte, je kleiner man die Region um sie fasst. Die Werte variieren also je nachdem wie man die geographische Einheit definiert, für die sie berechnet werden. Zieht man die Werte für die  Städte Göttingen, Northeim und Osterode heran, ergibt sich daher ein sehr viel positiveres Bild: Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover nennt für die Stadt Göttingen 2014 einen überdurchschnittlichen Kaufkraft-Index von 101,1. Auch Northeim und Osterode kommen mit 98,7 und 97,1 erheblich besser weg. Martin Rudolph, Geschäftsstellenleiter der Göttinger IHK, empfiehlt zudem einen Blick auf die Umsatz-Kaufkraft-Relation. Die zeigt, dass Göttingen ein Viertel seiner einzelhandelsrelevanten Kaufkraft zusätzlich von außen zufließt. Die Sogwirkung Northeims ist mit gut einem Drittel sogar noch höher. Das heißt: Beide Städte ziehen Kunden aus dem Umland an – ein Zeichen für ihren Erfolg. Auch Joachim Grube, Rudolphs Stellvertreter und vor der IHK-Fusion Geschäftsstellenleiter in Osterode, warnt vor dem Kaufkraft-Tunnelblick: „Osterode hat ein schlechtes Image – auch durch solche Rankings. Dabei liegen beispielsweise die Bruttolöhne und -gehälter über dem niedersächsischen Durchschnitt.“ Was passiert, wenn man sich als Geschäftsmann auf die Kaufkraft allein verlässt, hat Rudolph schon selbst erlebt: Ein Wasserbett-Händler, der vor Geschäftseröffnung allein die Kaufkraft in der Region studierte und sich für Göttingen entschied, hätte hier nur eine kurze Geschichte gehabt. „Studenten kaufen sich eben nicht alle zwei Monate ein neues Wasserbett.“

Statistisches Bundesamt: Wo das Geld hingeht
Wofür geben die Deutschen ihren Nettolohn eigentlich aus? Diese Frage hat sich das Statistische Bundesamt 2012 gestellt: 34,5 Prozent des verfügbaren Nettoeinkommens werden fürs Wohnen, für Energie und Wohnungsinstandhaltung aufgewendet, 14,2 Prozent für Mobilität und Verkehr. 13,9 Prozent werden für Nahrungsmittel (einschließlich Tabak) ausgegeben und 10,6 für Freizeit, Bildung und Kultur. Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen sowie Haushaltsgeräte und -gegenstände machen jeweils 5,5 Prozent aus, dicht gefolgt von Bekleidung und Schuhen (4,6 Prozent). Auch die Nachrichtenübermittlung, also beispielsweise Handyverträge, schlagen mit 2,5 Prozent merklich zu Buche. Auf dem letzten Platz liegt die eigene Bildung: Nur 0,7 Prozent des verfügbaren Einkommens werden in sie investiert.

Quelle: GfK

Quelle: GfK
Nachgefragt: „Die Region muss sich nicht verstecken“

Sind die leicht unterdurchschnittlichen Zahlen hinsichtlich der Kaufkraftkennziffern ein Grund zur Sorge?
Nein. Der Kaufkraft-Index ist zwar ein wichtiger Indikator, aber bildet die Wirklichkeit nur unvollständig ab. Natürlich besitzen die größeren Zentren ein hohes Kaufkraft-Niveau, während es in ländlichen Regionen geringer ausfällt. Gleichzeitig sind in den Zentren die Lebenshaltungskosten höher. Das relativiert unmittelbare Vergleiche. Die Region Südniedersachsen muss sich nicht verstecken und hat eine Menge zu bieten. Die gute Verkehrsanbindung, die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sind wirtschaftlich wichtige Faktoren.

Welche anderen Standortfaktoren spielen bei der Attraktivität der Region noch eine Rolle?
Neben sogenannten harten Faktoren wie Gewerbesteuerhebesätze, Mietpreisniveau, Flächen- und Fachkräfteverfügbarkeit spielen für die Unternehmen auch weiche Standortfaktoren wie touristische und kulturelle Angebote eine Rolle. Göttingen, Harz und Solling haben viel zu bieten. In der Region entwickelt sich gerade Einiges, denken Sie beispielsweise an den PS.Speicher in Einbeck. 

Das sind Dinge, die sich nur schwer in Zahlen fassen lassen. Die Kaufkraft allein bedarf also der Ergänzung?
Genau. Sie ist ein wichtiges Indiz, sagt aber nichts über die generelle Standortattraktivität aus. Sie sollte bei Analysen durch andere Kenngrößen wie die Umsatz-Kaufkraft-Relation ergänzt werden. Die Einzelhandelszentralität und -kaufkraft in der Stadt Göttingen liegen beispielsweise weit über dem deutschen Durchschnitt. 

Was halten Sie in Hinblick auf die Entwicklung der Region für verbesserungswürdig?
Für die Zukunft wünsche ich mir insgesamt mehr Mut zur Gemeinsamkeit in der Region. Das Oberzentrum braucht das Umland genauso wie das Umland das Oberzentrum braucht. Die Region muss lernen, sich stärker als Gesamtheit aufzustellen und weniger kleinräumig zu denken. Die Wirtschaft denkt ohnehin landkreisübergreifend. Wir als IHK haben mit der Zusammenlegung der Geschäftsstellen Göttingen und Osterode die Fusion auch schon vorweg genommen, mit positiven Erfahrungen.
 Interview: Jonas Rohde

Martin Rudolph, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Göttingen

Quelle:
Angst, Gier und billige Dates

Wirtschaft fassbar machen – das versucht nicht nur die GfK. Andere Analysten greifen zu mitunter skurrilen Methoden, um wirtschaftliche Zusammenhänge aufzuzeigen. Hier die vier kuriosesten Barometer:

  • Bic-Mac-Index: Die Kaufkraft spielt nicht nur beim Konsum eine Rolle, sondern kann auch für eine Währung berechnet werden. Die Wochenzeitung The Economist verglich 1986 erstmals die Preise des Burgers „Bic Mac“ in unterschiedlichen Ländern, indem die Preise in Dollar umgerechnet wurden. Dort, wo der Bic Mac am günstigsten ist, hat der Dollar (oder eine andere beliebige Währung) die höchste Kaufkraft. Mittlerweile gibt es jedes Jahr einen Burger-Index.
  • Cheap-Date-Index: Analysten der Deutschen Bank fragen sich seit 2012 jährlich, in welchen Metropolen der Welt ein Rendezvous am wenigsten kostet. Das, was die Banker als Date definieren, klingt allerdings nicht sehr romantisch: Ein standardisiertes Paket aus Taxi-Fahrten, Burger samt Softdrinks, zwei Kinotickets und einer Runde Bier wird verglichen. Für all das muss man in London derzeit 121 Dollar bezahlen, in Berlin immerhin noch 105 Dollar. Wer wirklich sparen will, sollte seinen Partner nach Mumbai einladen. Hier gibt es ein billiges Date für nur 23 Dollar. Natürlich ohne Flug.
  • Economic-Surprise-Index: An den Börsen dieser Welt wird so ziemlich alles vorausgesagt – oft falsch. Die Citigroup vergleicht daher im Economic-Surprise-Index die Voraussagen der Analysten mit den tatsächlich eingetretenen Entwicklungen des Marktes. Die Abweichung beider Werte soll ein Maß für die Zuverlässigkeit eines Index oder eines gesamten Landes sein. Über die Aussagekraft dieser Methode lässt sich natürlich streiten.
  • Fear-and-Greed-Index: Die Börse ist immer nur so launisch wie ihre Anleger. Das glauben die Macher des „Fear-and-Greed-Index“ von CNN Money. Wenn die Stimmung ängstlich ist, werden viele ihre Papiere verkaufen, ist Gier angezeigt, sind viele Käufe wahrscheinlicher. Das wiederum erlaubt Prognosen. In die Berechnung des Index fließen sieben Parameter ein, darunter das Verhältnis zwischen Käufen und Verkäufen. Seit geraumer Zeit steht der Zeiger übrigens auf „extreme Angst“ oder „Angst“ – Die Konflikte auf der Welt bestimmen auch die Märkte.

Von Jonas Rohde

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