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„Kein Kredit ist so teuer wie der Dispo“

Deutliche Unterschiede „Kein Kredit ist so teuer wie der Dispo“

„Übervorteilung“ nennt es Tageblatt-Leser Rainer Neef, wenn die Sparkasse Göttingen trotz Tiefzinsphase von ihren Kunden Überziehungszinsen in Höhe von 18 Prozent verlange.

Das sei deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. Neef hat sich deshalb an Helmi Behbehani, SPD-Ratsfrau und Mitglied im Verwaltungsrat der Sparkasse Göttingen, gewandt. Immerhin würden Überziehungszinsen hauptsächlich bei Geringverdienern in finanziellen Nöten anfallen, argumentiert Neef. Deshalb stünde es „einer Sozialdemokratin gut an“, wenn sie ihre Position im Verwaltungsrat nutze, diese zu schützen.

Die Tageblatt-Redaktion hat mehrere Göttinger Geldinstitute nach ihren aktuellen Sätzen für Dispositions- und Überziehungszinsen befragt. Auffällig: die meisten Banken halten sich etwa in ihren Internet-Auftritten mit diesen Zahlen bedeckt. Und mitunter wird selbst auf telefonische Nachfrage mit Antworten gezögert. Bei der Deutschen Bank in Göttingen waren keine konkreten Zahlen zu erhalten. Die Redaktion wurde an die Pressestelle in Berlin verwiesen.

Tatsächlich liegt die Sparkasse Göttingen im örtlichen Vergleich mit den Mitbewerbern an der Spitze. Für einen Dispo werden 14 Prozent berechnet, wird dieser überschritten, sind 18,5 Prozent Überziehungszins fällig. Sparkassen-Direktionsleiter Michael Rappe relativiert: „Beim Vergleich der Zinssätze muss man immer auch berücksichtigen, welche Dienstleistungen erbracht werden.“ Darüber hinaus erfordere allein die Bereitstellung eines Dispositionskredites „die Unterlegung mit Eigenkapital der Sparkasse und verursacht damit Kosten“. Außerdem schlage das erhöhte Ausfallrisiko zu Buche. Dieses Argument führt auch Dirk Paliga, Filialdirektor der Göttinger Commerzbank, an. Dispositionskredite müssten von der Bank in der Bilanz refinanziert werden, auch wenn sie nicht in Anspruch genommen würden, erklärt er. Die Commerzbank Göttingen verlangt beim normalen Girokonto 11,99 Prozent an Dispo- und 17 Prozent an Überziehungszinsen.

Die Santander-Bank Göttingen, zu der inzwischen auch das Privatkundengeschäft der SEB-Bank gehört, verlangt 12,55 Prozent Dispozinsen. Laut Filialleiter Andreas Marunde wird bei Überziehung des Dispo-Limits ein Zuschlag von fünf Prozent fällig. Ähnlich sind die Konditionen bei der Sparda-Bank in Göttingen. Für den Dispo zahlen Kunden laut Auskunft des stellvertretenden Geschäftsstellenleiters, Dirk Wüstefeld, hier 12,25 Prozent. Überziehe der Kunde den Dispo eigenmächtig, lägen die Zinsen bei 16,25 Prozent.

Lutz Kinateder von der Volksbank Göttingen lässt auf Tageblatt-Anfrage mitteilen, dass für den Dispo beim Giro-Komfort-Konto 13 Prozent und als Überziehungszins 17 Prozent bezahlt werden müssen. Bei der Postbank bewegen sich die aktuellen Dispozinsen laut Auskunft der Pressestelle je nach Konto-Variante zwischen 10,51 und 13,16 Prozent. Für eine geduldete Überziehung liegen die Zinssätze zwischen 14,25 und 16,9 Prozent.

Obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) erst kürzlich die Leitzinsen angehoben hat, rechnen die Göttinger Geldinstitute vorerst nicht mit einer Anhebung ihrer Dispozinssätze. Anders die Deutsche Bank. Laut Sprecher Christian Holz seien die Zinssätze jüngst in Folge der EZB-Anpassung um 0,25 Prozentpunkte auf aktuell 13 Prozent für den Dispo und 18 Prozent für den geduldeten Überziehungkredit erhöht worden.

Grundsätzlich sei ein Dispositionskredit nur zur kurzfristigen Überbrückung sinnvoll. Bei mittel- oder langfristigen Liquiditätsengpässen sollte man sich beraten lassen, rät Rappe. Das empfiehlt auch Jutta Heuer von der Göttinger Beratungsstelle der Verbraucherzentrale Niedersachsen: „Kein Kredit ist so teuer wie der Dispo.“ Deshalb sollte das Girokonto nicht über Jahre hinweg überzogen werden. Das könnte der Einstieg in eine dauerhafte Verschuldung sein, warnt Heuer.

Die Zeitschrift Finanztest hat sich in ihrer März-Ausgabe ebenfalls mit dem Thema Dispozinsen befasst. 104 Banken wurden getestet, darunter auch die Sparkasse Münden. Laut Finanztest steht diese mit einem Zinssatz von 14,75 Prozent an vorletzter Stelle und ist damit hinter der Verbands-Sparkasse Wesel (15 Prozent) am zweitteuersten. Finanztest spricht von „Abzockerbanken“, wenn der Dispo mindestens 13 Prozent betrage. Durchschnittlich würden elf Prozent verlangt, akzeptabel seien derzeit Dispozinsen von unter zehn Prozent. Jeder sechste Kunde, so heißt es im Artikel von Finanztest weiter, habe sein Konto überzogen. Die Banken würden in einer Zeit, in der sie selbst kaum Zinsen zahlen müssten, mit den Dispositionszinsen Millionen Euro an ihren Kunden verdienen.

Natürlich seien die Dispo- und Überziehungszinsen auch eine Ertragsquelle für Banken, räumt Uwe Drebing, Leiter des Privatkundengeschäfts der Sparkasse Münden, ein. Aber immerhin seien Überziehungszinsen auf Girokonten kaum kalkulierbar, die Bank müsse Liquiditätsvorsorge betreiben. Die Zinssätze der Sparkasse Münden seien bonitätsabhängig und betragen beim Dispo zurzeit zwischen 9,75 und 14,75 Prozent. Beim Überziehungskredit lägen die Zinsen aktuell zwischen 14,75 und 19,75 Prozent.

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Von Redakteur Britta Eichner-Ramm

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