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Keine Streichhölzer teurer als 50 000 Packungen

Vertrauen eines Kunden missbraucht Keine Streichhölzer teurer als 50 000 Packungen

Im Märchen muss das arme Mädchen Zündhölzer verkaufen. Im echten Leben hat der Kauf von Zündhölzern einen Göttinger arm gemacht. Fast 11 000 Euro wird es den Physiotherapeuten Michael Lange kosten, mit dem Gedanken gespielt zu haben, auf Zündholzschachteln zu werben. Ein Spiel mit dem Feuer.

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Teuer bezahlt für nichts: Physiotherapeut Michael Lange ist um 11 000 Euro ärmer – und erhielt nichts dafür.

Quelle: Theodoro da Silva

Ein cleverer Handelsvertreter hat ausgenutzt, dass Lange seinen Worten von Probelieferung vertraute, leichtfertig eine Bestellung unterschrieb und nicht übersah, welche Mengen er da bestellte – 50 000 Schachteln, genug, jedem Patienten bis 2022 täglich eine Packung mit nach Hause zu geben.
Alles begann mit Werbung im Briefkasten. Die Kompass-Zündhölzer GmbH pries ihre Produkte. Kann man sich ja anhören, dachte Lange, und ließ den Vertreter kommen. Der sprach zwischen zwei Patienten von Werbebriefchen und Tragetaschen und darüber, dass man es ja mal probieren könne.
Lange unterschrieb, ohne lange nachzudenken. 50 000 Hölzchen, so seine Vorstellung, können ja nicht so viele Schachteln sein. Genau wollte er sich festlegen, wenn der Vorschlag zum Werbemotiv kommt. Was er aber tatsächlich unterschrieb, „Auftrag 291 03 00 28“, legte fest: 50 000 Einheiten, je Einheit zum Preis von 218 Euro je 1000. Als Lange begriff, was das bedeutete, widerrief er den Auftrag – binnen drei Tagen.

Doch der Freiberufler befand sich im doppelten Irrtum: Erstens hat er kein Widerrufsrecht, wenn er den Vertreter bestellte, zweitens ist er Unternehmer und genießt deshalb kein Verbraucherschutzrecht.

Kompass akzeptierte den Widerruf nicht und klagte. Kulanzangebote, sagt Geschäftsführer Willi Wider, habe Lange abgelehnt. Von den 10 900 Euro wurden nur 2600 Euro Aufwandsersparnis abgezogen. „Unredlich wenig“, meint Langes Anwältin Ingrid Warneboldt. Doch so wenig zahlt Kompass selbst für 50 000 Schachteln, die die Firma nun aber nicht liefern muss. Der Rest ist Gewinn. Auf dessen Zahlung kann Kompass bestehen. Das entschied das Amtsgericht. Weil Streichhölzer in Schachteln gehandelt werden, durfte Lange auch nicht an 50 000 einzelne Hölzer, sondern an Einheiten denken.

Zinsen und Kosten addiert, verlangte der Anwalt der Firma am Ende 8972 Euro. Wenn Lange die Kosten des Rechtsstreits hinzuzählt, hat er mehr gezahlt als für 50 000 Schachteln – ohne je ein einziges Zündholz erhalten zu haben.

  Haustürgeschäft und Recht der Kunden
  Haustürgeschäfte sind solche zwischen einem Verbraucher und einem Unternehmer, die mündlich – zum Beispiel in Wohnung oder Fußgängerzone – abgeschlossen werden. Dem Verbraucher steht dann ein Widerrufsrecht gemäß § 355 BGB zu. Die Frist beträgt grundsätzlich zwei Wochen. Sie beginnt erst mit Aushändigung einer schriftlichen Belehrung über das Widerrufsrecht. Wird diese nicht ausgehändigt, kann man jederzeit widerrufen. Wird allerdings vor Vertragsabschluss ein Vertreter bestellt, greifen Widerrufs- und Rücktrittsrecht nicht. Ebensowenig gilt das Haustür-Widerrufsrecht für Kaufleute und Freiberufler. Sie gelten als Unternehmer.
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