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Kinder nach Hongkong entführt - oder befreit?

Sorgerechtsstreit Kinder nach Hongkong entführt - oder befreit?

Zwei Kinder sind entführt worden, seine Kinder. Das behauptet ein 59 Jahre alter studierter Politologe und Wirtschaftsberater. Seine Frau, 25 Jahre alt und Hongkong-Chinesin, habe die fünf und zwei Jahre alten Jungen in der nordhessischen Gemeinde Wahlsburg entführt, sie erst mit nach Göttingen genommen, ihnen falsche Pässe beschafft, ohne seine Zustimmung für die Kinder die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben und die beiden Jungen zu den Schwiegereltern nach Hongkong verschleppt.

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Fluchtpunkt Hongkong. In der chinesischen Stadt leben nun die zwei ihrem Vater in Wahlsburg entzogenen Kleinkinder.

Quelle: Archiv

Göttingen/Wahlsburg. Das alles behauptet Karl Z. alias Prof. Dr. S. de Condé alias Karl Scorpion. Der unter verschiedenen Namen auftretende Sozialhilfeempfänger von der Weser sucht im Sorgerechtsstreit Hilfe der Medien gegen seine angeblich verbrecherisch wirkende Frau. Er hat Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Kassel gegen die 25-jährige Joy W. (Name geändert) erstattet und er hat das Bundesamt für Justiz in Bonn eingeschaltet, das ihm helfen soll, die chinesischen Behörden dazu zu bringen, die beiden Kinder Yin (5) und Wai (2) in Hongkong wieder aus der Familie seiner Frau zu holen und nach Deutschland zurückzubringen. Ein entsprechendes Verfahren bestätigt das Bonner Bundesamt.

Das alles ist dringend, stellt der 59-Jährige dem Tageblatt dar, weil den Jungen schlimmste Verbrechen bei der Mutter bevorstünden. Er schickt per Mail angebliche Beweise für die Schuld seiner Frau: Screenshots von Internetseiten, auf denen sich die 25-Jährige als Sexsklavin in der Sadomaso-Szene anbietet und ihre Kinder „zur Erziehung“ gleich mit offeriert. Echt oder gefälscht? Unüberprüfbar!

Allerdings gibt es eidesstattliche Versicherungen, in denen behauptet wird, dass die Frau derartige sexuelle Pläne mit ihren Kindern geschildert habe. Will man allerdings mit den Unterzeichnern solcher Behauptung telefonieren, meldet sich am Telefon ausgerechnet Karl Z.

Überhaupt stellt sich nach eingehender Recherche alles ganz anders dar, als Z. vorspiegelt. Dem Tageblatt liegt ein Beschluss des Oberlandesgerichts Frankfurt vor, in dem das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Mutter zugesprochen wird. Demnach durfte sie sich bei der chinesischen Botschaft ohne seine Zustimmung Reisepässe für die Kinder beschaffen. Die haben nun beide Staatsbürgerschaften und sind legal in Hongkong. Die Frau ist auch nicht erst in Göttingen untergetaucht und dann nach Hongkong geflohen. Sie hat lediglich die Göttinger Anschrift ihrer Familienrechts-Anwältin Bettina Müller-Laube als Postadresse angegeben.

Der OLG-Beschluss wird zudem damit begründet, dass der 59-Jährige gezeigt habe, „in keinerlei Hinsicht verlässliche Abreden einzuhalten“. Mit „offensichtlichen Gefälligkeitsgutachten“ habe er versucht, den Sorgerechtsstreit zu beeinflussen. Der Beschluss gipfelt darin, dass Polizei und Gerichtsvollzieher damit die Rechtsgrundlage für eine notfalls auch gewaltsame Herausnahme der Kinder aus dem Haushalt des Kindesvaters erhalten. Denn, so das OLG, gerade das „Gefälligkeitsgutachten“, das ausgerechnet die neue Lebensgefährtin des 59-Jährigen erstellt hat, deute darauf hin, dass die Kinder im Haushalt des Vaters gefährdet seien.

Die Kinder waren also tatächlich nicht entführt, sondern von der Polizei abgeholt und der Mutter als Sorgeberechtigter übergeben worden. Es gehe ihnen bei den Großeltern in Hongkong gut, sagt die Anwältin.

Hochstapler vom Nürburgring
Für Schlagzeilen hat der 59-Jährige von der Oberweser gesorgt, als er 2012 als potenzieller Käufer des insolventen Nürburgrings auftrat. Für das Unternehmen La Tene Capital Ltd. Hongkong bot er 275 Millionen Euro Kaufsumme – bezog selber aber gerade SGB-II-Leistungen. Erst später kam heraus, dass La Tene überhaupt kein Geld besaß, sondern den Kauf durch Schuldanleihen finanzieren wollte. Dass Karl Z. mit falschen Titeln (Prof. Dr. S. de Condé) auftrat, wurde strafrechtlich nie verfolgt. Die Wirtschaftswoche recherchierte den Hintergrund des unseriösen Bieters und stellte fest, dass der große Hongkong-Investor in Wahlsburg an der Oberweser seine Telefonate annahm. In dem Wirtschaftswoche-Artikel wird der 59-jährige Karl Z. alias Karl S. de Conté, der auch in der Lokalpolitik Nordhessens aktiv war, als „der Meister des Verwirrspiels“ benannt. So tritt er auch jetzt im Sorgerechtsverfahren auf.   ck
 
Internationales Wirrwarr
Der Fall des Sorgerechtsstreits ist auch deshalb verwirrend, weil Recht verschiedener Länder eine Rolle spielt. Die Ehefrau stammt aus Honkong, ist aber auch Kanadierin. Die Kinder sind Deutsche, haben nunmehr aber auch die chinesische Staatsangehörigkeit, die für Hongkong-Chinesen Besonderheiten aufweist. Der Ehemann ist Deutscher, lebte aber lange in Florida. Mutmaßlich haben die USA ihn ausgewiesen. Er soll ohne Papiere zurückgekehrt sein. In den USA war er mit einer Amerikanerin verheiratet und hatte deren Namen angenommen. Angeblich wurde die Ehe in Mexiko geschieden, wofür es aber keine Beweise gibt. Demnach ist er nicht nur wegen Betruges vorbestraft, sondern auch ein Bigamist. So sieht es auch das OLG. Die Ehefrau betreibt deshalb ein Auflösungsverfahren für die Ehe, denn weil er noch nach US-Recht verheiratet ist, hätte er in Deutschland nie heiraten dürfen.    ck
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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016