Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Kinderärztin alarmiert: Fälle von vernachlässigten Kindern nehmen zu

„Das Problem wird immer größer“ Kinderärztin alarmiert: Fälle von vernachlässigten Kindern nehmen zu

Sie wurden misshandelt, vernachlässigt oder kamen drogenabhängig zur Welt. Göttinger Kinderärzte haben immer wieder mit Kindern zu tun, die vor ihren Eltern geschützt und vom Jugendamt in Obhut genommen werden mussten.

Voriger Artikel
Ehepaar Bauch aus Weende feiert eiserne Hochzeit
Nächster Artikel
Dorfgemeinschaft Wibbecke sammelt rund drei Tonnen Äpfel

Rücken aus, um Kindern in Notsituationen zu helfen: Mitarbeiter des Göttinger Jugendamtes im Neuen Rathaus.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Das sagt Tanja Brunnert, Pressesprecherin des niedersächsischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, niedergelassen in Göttingen. Kinder wie diese kommen in Jugendpflegeeinrichtungen oder Pflegefamilien. „Und ich habe eine ganze Reihe junger Patienten, die in Pflegefamilien untergebracht sind. Das nimmt seit Jahren zu, das kann ich ganz klar sagen“, sagt Brunnert. Für sie ein eindeutiges Alarmzeichen. „Ich befürchte, dass die ganzen Maßnahmen, um Familien mit Kindern zu unterstützen, noch nicht gut greifen. Das Problem wird immer größer, das sehen wir deutlich.“

Zahlen der Stadt Göttingen scheinen das zu belegen. Waren es 2012 noch 22 Kinder, die im Stadtgebiet aus ihren Familien geholt werden mussten, waren es 2013 bereits 34. Für dieses Jahr lägen noch keine genauen Zahlen vor, sagt Stadtsprecher Detlef Johannson. Ähnlich stellt es sich im Landkreis Göttingen dar: Verzeichneten die Verantwortlichen 2008 noch 51 Inobhutnahmen, waren es 2013 bereits 80. Bis Ende Juli dieses Jahres registrierte der Landkreis schon 55 Kinder, die aus ihren Familien geholt werden mussten; setzt sich dieser Trend fort, wären es Ende 2014 gut 90.

Kreisrat Marcel Riethig (SPD) sagt zwar, dass die Inobhutnahmen immer länger dauerten. Die Zahlen allerdings seien seit einigen Jahren konstant. Brunnert aber sagt, dass die Zahlen den Bundestrend widerspiegelten: einen „dramatischen Anstieg der Inobhutnahmen in den letzten Jahren“.

„Es geht um die Kinder"

Auch Markus Röbl, Oberarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums der Kinderklinik Göttingen, sieht Probleme. Er habe immer häufiger mit Familien zu tun, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert seien, sagt Röbl. „Das hat die letzten Jahre zugenommen.“

Warum die Fälle von vernachlässigten oder misshandelten Kindern zunehmen, darüber können Brunnert und Röbl nur spekulieren. Eltern seien heutzutage öfter alleine und überfordert, sagt Brunnert. Außerdem gebe es familiäre Strukturen mit Großeltern, die helfen können, immer seltener. „Vielleicht gucken wir aber auch nur besser hin.“ In jedem Fall gebe es für solche Familien immer noch zu wenig Hilfsangebote, sagt Brunnert. Der Staat investiere an dieser Stelle einfach zu wenig Geld. Dabei seien es die Inobhutnahmen, die „wahnsinnig teuer“ seien. Wenn man es schaffe, deren Zahl zu verringern, könne man insgesamt Geld sparen. „Dafür aber müsste der Staat in Vorkasse gehen.“

Röbl sieht das ähnlich. Es gehe nicht darum, jemanden zu verurteilen. „Es geht um die Kinder – und darum, den Kinderschutz in Göttingen auszubauen.“ Dafür müssten noch bessere Strukturen geschaffen werden. Das Netzwerk „Frühe Hilfen & Kinderschutz“ von Stadt und Landkreis sei ein erster Schritt. Es müsse aber darum gehen, Gesellschaft und Politik zu motivieren, noch mehr für die Finanzierung zu tun.

Wenn das Kindeswohl gefährdet scheint

Das Netzwerk „Frühe Hilfen & Kinderschutz“ möchte jeden motivieren, der in Sorge um das Wohl eines Kindes ist, sich beraten zu lassen. Daher hat es ein Info-Blatt für Menschen erstellt, die viel mit Kindern zu tun haben, wie Ärzte, Lehrer oder Erzieher. Im Folgenden sind die wichtigsten Abläufe dargestellt:

• Sie haben Sorge um das Wohl eines Kindes?

• Im Team mit Leitung oder Kollegen beraten. Wird die Einschätzung geteilt?

• Erörtern der Sorgen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Hilfe anbieten
   (solange der wirksame Schutz des Kindes/Jugendlichen nicht in Frage gestellt wird).

• Anonymisierte Beratung mit einer Kinderschutzfachkraft
   (Stadt unter Telefon 05 51 / 4 00 37 37, Landkreis zum Beispiel beim
   Caritas-Centrum Göttingen unter Telefon 05 51 / 99 95 90)

• Wenn sich bei der Beratung herausstellt, das ein Kind gefährdet ist, und bei akuter
   Kindeswohlgefährdung: Jugendamt der Stadt (Telefon 05 51 / 400 37 37) oder des
   Landkreises (Telefon 05 51 / 52 51 69) kontaktieren.
   Das Info-Blatt als Download gibt es auch auf der Internetseite des Landkreises: landkreis-goettingen.de.

 
Flüchtlingskinder werden zum Problem

Göttingen. Ein immer größeres Problem stellt die steigende Zahl an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Lager Friedland dar. Denn diese müssen ebenfalls in Obhut genommen werden, weil sie ohne Eltern nach Deutschland kommen. 76 waren es laut Landkreis Göttingen 2013, bis Ende Juli 2014 mussten bereits 53 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Obhut genommen werden.

„Die hohe Zahl der Inobhutnahmen und die dadurch notwendige adäquate Unterbringung stellt einen hohen Arbeitsaufwand aller Beteiligten dar“, sagt Kreisrat Marcel Riethig (SPD). Da die Fallzahlen stark gestiegen seien, habe sich Landrat Bernhard Reuter (SPD) ans Land Niedersachsen gewandt und um Unterstützung gebeten.

Der Landkreis bringt die minderjährigen Flüchtlinge auch in der Stadt Göttingen unter, was zunehmend ein Problem darstelle, sagt Sprecher Detlef Johannson. „Dies führt zu einer enormen Arbeitsbelastung der bei uns tätigen zwei Amtsvormünder und dazu, dass die gesetzlich vorgegebene Höchstfallzahl für einen Vormund demnächst erreicht werden wird.“

 
Zahl der Inobhutnahmen senken

Stadt und Landkreis wollen die Zahlen der Inobhutnahmen senken. Dafür bauen sie derzeit das Netzwerk „Frühe Hilfen & Kinderschutz“ auf, wobei sie von vielen Partner unterstützt werden. Ziel ist eine bessere Zusammenarbeit von Menschen, die im Bereich Kinderschutz tätig sind.

Schwerpunkte sind mehr Prävention, frühzeitige Information zu Hilfsmöglichkeiten, das bessere Erkennen einer Kindeswohlgefährdung. In diesem Rahmen gab es im Sommer erstmals ein Fachforum. Thema: „Kindeswohlgefährdung? Sicher erkennen, sicher handeln“. Dieses soll bald wiederholt werden.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016