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Kreuz und Wetterfahne leuchten wieder auf St. Jacobi

Bekrönung auf Kirchturm gesetzt Kreuz und Wetterfahne leuchten wieder auf St. Jacobi

Mit dem Aufsetzen der Bekrönung von St. Jacobi ist gestern der erste Abschnitt der Turmsanierung abgeschlossen worden. „St. Jacobi ist wieder ein Stück heiler geworden“, sagte Pastor Harald Storz im Festgottesdienst, der aus diesem Anlass gefeiert wurde.

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Schrittweiser Aufbau der Bekrönung: Christopher Hartung nimmt die Dokumentenkugel an.

Quelle: Hinzmann

Da standen Kreuz, Wetterfahne und Dokumentenkugel noch im Altarraum der Kirche. Erst am Ende des Gottesdienstes wurden die Teile herausgetragen. Anschließend wurden sie mit dem Fahrstuhl am eingerüsteten Kirchturm heraufgefahren und in knapp 70 Metern Höhe montiert. Mit dem Aufsetzen des Kreuzes hat der Jacobikirchturm wieder seine volle Höhe von 72 Metern erreicht. Er überragt damit alle anderen Gebäude der Innenstadt.
Der Festgottesdienst war allerdings nicht nur von Freude, sondern wesentlich auch von nachdenklichen Tönen geprägt. Denn unter den alten Dokumenten, die beim Abnehmen der Bekrönung zu Beginn der Sanierung gefunden worden waren, befanden sich nicht nur solche aus den Jahren 1817 und 1992, sondern auch von 1933 – und die hatten es in sich. Denn sie dokumentieren den anfänglichen Jubel über die „nationale Erhebung“ – den Beginn der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Es fanden sich Fotos von Hitler und Zeitungsartikel, die das neue Regime rühmten. Die Dokumente offenbarten eine „gegenwartsversessene Geschichtsvergessenheit“, wie es Kirchenvorsteher Daniel Göske formulierte. Auch in St. Jacobi habe sich die Kirche der Nation und dem Führer untergeordnet. Die Selbstentmächtigung auch der evangelischen Kirche sei in vollem Gange gewesen. Doch fünf Monate nach dem Deponieren der Dokumente auf den Jacobikirchturm 1933 habe die Synode der bekennenden Kirche mit der Barmer Erklärung zumindest ein Zeichen gegen die falsche Lehre gesetzt.
Doch was sollte heute mit den schmählichen Dokumenten geschehen, die 1933 in die Jacobi-Kugel gelegt wurden? Empörte Anrufer hätten sich dagegen ausgesprochen, die Propaganda-Berichte wieder auf den Kirchturm zu bringen. Dem widersprach Storz im Gottesdienst. Auch wenn es in der Rückschau verstörend, irritierend, und beschämend sei, dass die Menschen im nationalen Rausch blind für das auch schon damals sichtbare Unrecht waren, könne man dieses Geschehen nicht einfach nachträglich auslöschen. So distanziere sich die Gemeinde vom Inhalt der Dokumente und lege sie doch hinein: „Verstrickungen in Schuldgeschichten löst man nicht durch Spurenbeseitigung.“
Stattdessen werde die Schuld eingekapselt und bedeckt, so wie die Vergebung der Sünden in Psalm 32 geschildert sei. Die Schuld werde so nicht vertuscht, aber öffentlich gemacht und zugedeckt, damit sie ihre zerstörerische Kraft verliere. Vor allem werde noch auf die Kugel und auch auf die Wetterfahne, die die Insignien der Stadt und der einst herrschenden Welfenher­zöge trägt, das Kreuz gesetzt: als Zeichen dafür, dass die Herren dieser Welt kommen und gehen, aber in der Kirche Jesu Christi nicht das letzte Wort haben.
In eine zweite Kapsel legte die Gemeinde Dokumente von heute. Dazu zählen eine aktuelle Tageblatt-Ausgabe, Münzen, ein Gemeindebrief und ein Beschluss der Landessynode von Ende 2009. Darin bedauert diese die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken und die alternativlose Erkundung des Salzstockes bei Gorleben – ein Thema, das auch in 100 Jahren noch interessieren könnte, wenn die nächste Sanierung ansteht.
Etwa 500 Besucher nutzten nach dem Gottesdienst die Gelegenheit, mit dem Fahrstuhl auf den Turm zu fahren. Das Gerüst um die Bekrönung wurde noch gestern abgebaut.

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