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Kriegsende in Südniedersachsen: zwischen letzten Gefechten und weißen Fahnen

Thema des Tages Kriegsende in Südniedersachsen: zwischen letzten Gefechten und weißen Fahnen

Vor 70 Jahren neigte sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu. Am 30. April 1945 beging Adolf Hitler Selbstmord, am 8. Mai kapitulierte das Deutsche Reich. Für Südniedersachsen endete der Krieg bereits in der ersten Aprilhälfte.

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„Der Übergang über die Weser hatte die Deutschen vollständig ihres Schutzes beraubt.“ Mit diesen Worten beschreiben die Amerikaner im April 1945 den Einmarsch in Südniedersachsen.

Quelle: Kreisarchiv

Vor 70 Jahren neigte sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu. Die katastrophale Bilanz: 65 Millionen Tote weltweit, darunter mehr Zivilisten als Soldaten. Am 30. April 1945 beging Adolf Hitler Selbstmord, am 8. Mai kapitulierte das Deutsche Reich. Für Südniedersachsen endete der Krieg bereits in der ersten Aprilhälfte mit der Eroberung Hann. Mündens durch die Amerikaner, der Überquerung der Weser und dem Vormarsch auf Göttingen, das Eichsfeld und den Harz.
„Der Übergang über die Weser hatte die Deutschen vollständig ihres Schutzes beraubt.“ Mit diesen Worten beschreiben die Amerikaner im April 1945 den Einmarsch in Südniedersachsen. Aufgezeichnet wurden diese Ereignisse aus amerikanischer Sicht in der Combat History of the second Infantry Division, National War College, Washington. Die Kampfgeschichte übersetzte Kreisarchivar Dieter Wagner ins Deutsche.

Dass Hitler 1945 den Krieg verloren hatte, war im April dennoch nicht allen Deutschen klar. Die Amerikaner berichten immer wieder von teils schweren Gefechten mit großen Verlusten auf deutscher Seite, aber auch von nahezu kampflosen Übergaben südniedersächsischer Städte und Dörfer, die mit weißen Fahnen ihre Kapitulation anzeigten. Tausende Gefangene allein im Landkreis Göttingen fielen den Amerikanern in den letzten Kriegswochen in die Hände.

In Sturmbooten setzte die 23. Infanterie-Division am Freitag, 6. April, über die Weser. Zwar hatten die Deutschen zuvor die Brücken gesprengt, aber die Amerikaner errichteten Pontonbrücken, welche auch Panzer tragen konnten. Der Vormarsch der US-Truppen in Südniedersachsen ging mit bis zu 30 Meilen am Tag zügig voran. Den Soldaten fiel auf, dass ihnen kaum noch reguläre Kampfeinheiten gegenüber standen. Sie beschreiben in ihren Aufzeichnungen „Magen-Bataillone“, Truppen, die aus Erkrankten bestanden, die aber noch fähig waren, ein Maschinengewehr zu bedienen. Mit Alten, Hitlerjungen und Lazarettinsassen im Volkssturm versuchten die Nazis, den Alliierten letzte Gegenwehr zu bieten.

Im Zwiespalt

Die deutsche Bevölkerung stand im Zwiespalt. Der Vormarsch der Alliierten machte ein Befolgen der Befehle, die Heimat bis zum letzten Mann zu verteidigen, immer absurder. Dennoch wurden Befehlsverweigerer bis in die letzten Kriegsstunden von deutschen Amtsinhabern und Militärangehörigen mit dem Tod bestraft.

Reinhold Engelhardt, der im April 1945 elf Jahre alt war und damals in Lindau wohnte, erinnert sich: „Am 9. April hieß es: Erste Panzerspitzen befinden sich im Raum Northeim mit Kurs auf Katlenburg/Lindau. Durch diese Mitteilung wurden erhebliche Diskussionen ausgelöst, ob es zum Beispiel ratsam sei, die zwei Brücken zu sprengen, weiße Laken aus den Fenstern zu hängen, das Führerbild aus dem Sparkassenraum zu entfernen und verschwinden zu lassen.“ Engelhardt war mit seiner Familie im Oktober 1943 in Hannover ausgebombt worden. Sein Vater stammte aus Duderstadt, und nach einer Verletzung während der Rettungsaktionen nach dem Bombenangriff konnte er sich ins Lazarett nach Lin-dau in seine Eichsfelder Heimat verlegen lassen. Die Familie kam nach. Ihr wurde eine kleine Wohnung in einem Bauernhaus angeboten, und Reinhold Engelhardt ging in Lindau zur Schule.

Göttingen hatte sich am 8. April nahezu kampflos ergeben. Nur im Ostviertel war es zu kurzen Gefechten gekommen. Einen Tag zuvor hatte es 70 Tote bei einem Angriff der Alliierten auf den Güterbahnhof gegeben. Die Amerikaner fanden in Göttingen einen noch intakten Flughafen vor und nahmen 350 Luftwaffeningenieure gefangen. Doch Probleme bereitete vor allem die Versorgung der 3200 Patienten in den Göttinger Hospitälern, darunter viele deutsche Soldaten, und der Genesenden, die auf Privatwohnungen verteilt worden waren. Nahezu 8000 Männer wurden von den Alliierten gefangen genommen.

Im kampflos eroberten Duderstadt fanden die Amerikaner am 9. April ein Kriegsgefangenenlager, das erst im März 1945 in der Ziegelei Bernhard eingerichtet worden war. Etwa 600 US-Soldaten, Kanadier, Engländer und Franzosen wurden befreit. In diesem Lager seien laut US-Berichten allein 44 Amerikaner in nur 30 Tagen an Hunger und miserablen Bedingungen gestorben. Eine Namensliste aus dem Duderstädter Standesamt verzeichnet 23 Amerikaner, deren Gräber 1946 geöffnet wurden, um die Leichen in die USA zu überführen.

„um die Amis in die Flucht zu schlagen“

Den Einmarsch der Alliierten in Lindau am 10. April 1945 beschreibt Reinhold Engelhardt: „Die amerikanischen Truppen kamen schneller als erwartet, etwa um 9 Uhr mit MP im Anschlag. Einige wenige Soldaten sah man hinter den Panzern, bald aber saßen sie auf offenen Lkw, auf Panzern, in Jeeps, auf Motorrädern oder sie waren zu Fuß unterwegs.“ Die Bevölkerung sei bald recht „zutraulich“ geworden, winkte am Straßenrand, begrüßte die Truppen mit Hurra-Rufen und habe erstmalig Schwarze gesehen, die sie bestenfalls aus der Wochenschau kannten, schildert Engelhardt die Reaktionen der Lin-dauer.

Noch zwei Tage zuvor habe sich eine Gruppe Hitlerjungen, bewaffnet mit Panzerfaust und Karabiner, auf den Weg Richtung Front in den Harz gemacht, „um die Amis in die Flucht zu schlagen“, wie sie sagten. Am Tag des Einmarsches der Amerikaner in Lindau sei der Rest der Kindertruppe, nämlich vier Jungen von ehemals zwölf, in den Heimatort zurückgekehrt. „Die verbliebenen vier warfen ihre Waffen in unseren Vorgarten. Zivile Kleidung hatten sie schon unterwegs irgendwo beschafft“, berichtet Engelhardt.

Nach der Verlegung der amerikanischen Besatzer nach Süddeutschland im Sommer 1945 habe britisches Militär die Baracken am Klingenberg in Lindau bezogen. Engelhardt beschreibt eine dürftige Normalität mit Fußballspielen und gemeinsamen Musikabenden mit den Besatzern, Kekse und Schokolade für die Kinder, aber er erzählt auch von gestohlenen Wertsachen, die bei der Suche nach Waffen in den Häusern abhanden kamen. „Als die Briten 1946 Lindau verließen, war meinem Vater die Existenzgrundlage entzogen. Wir kehrten für immer nach Hannover zurück. In der zerstörten Südstadt richtete er seinen Frisörsalon wieder her. Es vergingen viele Jahre, bis sich alles wieder normalisierte“, schließt Engelhardt seinen Bericht über das Kriegsende im Eichsfeld.

Von Claudia Nachtwey

Kriegsende und die Folgen für Deutschland
  • 8. Mai 1945 – Kapitulation des Deutschen Reiches
  • August 1945 – Die Potsdamer Konferenz teilt Deutschland in drei Besatzungszonen: die britische, amerikanische und sowjetische. Die „Entnazifizierung“ der Deutschen übernehmen die Siegermächte.
  • Ab November 1945 – Die Nürnberger Prozesse beginnen mit der Verurteilung der Hauptkriegsverbrecher.
  • 1946/47 – Entstehung der Bundesländer durch den Zusammenschluss ehemaliger preußischer Provinzen und eigenständiger Länder.
  • Januar 1947 – Vereinigung der britischen und amerikanischen Besatzungszone zur Bizone.
  • Dezember 1947 – Das Scheitern der Londoner Außenministerkonferenz entzweit die West-Alliierten und die Sowjets.
  • 20. Juni 1948 – Mit der Währungsunion ist die Basis für das deutsche Wirtschaftswunder gelegt.
  • 12. Mai 1949 – Die Besatzungsmächte genehmigen ein neues deutsches Grundgesetz, worauf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland folgt.
  • 7. Oktober 1949 – Gründung der DDR in der sowjetischen Besatzungszone.
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