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Krise: Zu wenige Bio-Ferkel

Thema des Tages Krise: Zu wenige Bio-Ferkel

Weil es europaweit einen dramatischen Engpass auf dem Bioschweine-Markt gibt, will ein Göttinger Unternehmer neue Wege gehen. Frank-Walter
Eisenacher, Chef der Fleischwarenfabrik Boerner-Eisenacher, möchte künftig unabhängiger von Zwischenhändlern und dem europäischen Markt arbeiten. Er will mit Bauern direkt zusammenarbeiten.

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Bio oder nicht Bio? Für ein Zertifikat müssen Betriebe Auflagen erfüllen.

Quelle: Thiele

Göttingen. Biofleisch ist begehrt. Derzeit ist es allerdings kaum zu bekommen. Es gibt europaweit einen massiven Engpass bei Schweinefleisch aus biologischer Aufzucht: „Die Krise ist existenziell“, sagt Frank-Walter Eisenacher.

Der Inhaber der Göttinger Firma Boerner-Eisenacher ist seit Wochen landauf und landab unterwegs, um Bioschweine für seine Wurstwarenproduktion aufzutreiben.

40 Prozent seiner Produkte werden aus Biofleisch hergestellt. In Sachen Biowurst zählt er bundesweit zu den Marktführern, Woche für Woche werden in seinem Betrieb 300 bis 400 Bioschweine komplett verarbeitet.

Das Problem: „Der Handel weitet sein Biosortiment zur Profilierung aus, und wir haben nicht genug Schweine“, sagt der Göttinger. Ein Ende des Engpasses sei so schnell nicht abzusehen. Ein Preisverfall für das Bio-Fleisch im Jahr 2013 hat viele Züchter zur Aufgabe ihrer Produktion gezwungen.

Zudem sei  durch die „Havarie“ zweier Großmäster ein geringeres Angebot an Bioschweinen zu verzeichnen. Eisenacher spricht von einem Gesamt-Einbruch von rund 20 Prozent. „Wir kämpfen jede Woche um die Versorgung. Bislang ist es bei uns noch nicht zu Lieferausfällen gekommen“, so der Firmenchef. Beim Bio-Rindfleisch gebe es keine Probleme, das Angebot sei ausreichend.

Eisenacher hat jetzt ein Ziel, um unabhängiger vom Bio-schweine-Markt zu werden: Er will künftig direkt mit Biobauern zusammenarbeiten. Ohne Zwischenlieferanten. Eine kleine Revolution im alteingesessenen Fleischhandel. „Bislang haben uns sechs bis acht Fleischhändler mit Bioware versorgt“, sagt der Unternehmer.

Die Biobauern sitzen beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, Holland oder Dänemark, vermarktet werden ihre Schweine über die Zwischenhändler. „Eine ungesunde Struktur“, sagt der Fachmann. Jetzt fährt Eisenacher selbst auf die Höfe der Republik, spricht mit den Bauern, bietet ihnen Direkt-Verträge an. „Vor ein paar Wochen war ich noch skeptisch, ob das klappt“, sagt er.

Jetzt hat er bereits Vereinbarungen mit den ersten Schweinezüchtern geschlossen. „Allein diese Woche habe ich drei neue Koopertaionspartner gewonnen. Das Modell spricht sich langsam rum“, sagt er. 20 bis 30 Biozüchter sollen es einmal werden.

Der Unternehmer, der allein mit Biowurst Millionen Euro jährlich umsetzt, ist der Meinung, dass die Zukunft in der biologischen Aufzucht der Tiere  liegt. „Wer einmal gesehen hat, wie die Schweine in einem Biostall leben und wie sie im Stroh wühlen, vergisst das nie“, sagt er. Kein Ammoniakgeruch, kein Spaltenboden, entspannte Tiere, da könne man doch gar nicht anders, als ein Fan zu sein.  

Biofleisch ist teurer als konventionell produziertes Fleisch. Die Aufzucht eines Schweines dauert länger, ist aufwändiger, personalintensiver. Nicht die Mast sei aber das Problem, sondern die Zucht. „Es gibt einfach nicht genügend Bioferkel“, sagt der Göttinger.

Mastbetriebe, die die Ferkel dann kaufen und aufzeihen, gebe es häufiger. Am Ende dann ist ein Kilo Bio-schwein natürlich deutlich teurer als konventionelles Fleisch. Also: „Lieber einmal weniger Fleisch essen, aber dafür gutes“, sagt der Wurstproduzent.

Was Eisenacher auf seinen Touren über die Höfe herausgefunden hat: „Die Bauern und wir – wir wollen genau das gleiche.“ Der Wurstproduzent zahlt 3,52 Euro pro Kilo Schwein und am zweiten Tag nach Lieferung. „Auch wenn ein Bauer nur zehn Tiere liefern kann, wir freuen uns über jeden neuen Betrieb“, sagt er.

Bislang hat er noch keine Kooperations-Höfe in der näheren Region gefunden – einer seiner Vetragspartner ist in Nordhessen, einer bei Mühlhausen. Und Eisenacher arbeitet an einem weiteren Plan: Eine eigene Eisenacher-Farm. Mit Bioschweinen, aus der Region und für die eigene Verarbeitung. Denn: „Ich habe eine Leidenschaft für gute Wurst – und für gute Tierhaltung.“

Kontrollen gegen wundersame Biofleischvermehrung

Bio ist beliebt. Aber wie wird ein Schweinezüchter zum Biofleisch-Produzenten? Die Göttinger Firma GfRS – Gesellschaft für Ressourcenschutz – prüft und zertifiziert Biobetriebe. Britta Bielefeld sprach mit Geschäftsführer Dr. Jochen Neuendorff.

Kann ein Betrieb von heute auf morgen auf biologische Produktion umstellen?
Nein, es muss eine Umstellungszeit von zwei Jahren durchlaufen werden, in der der Betrieb sich an die neuen Vorgaben anpasst – die „Experimentierphase“ des neuen Öko-Betriebs.

Was müssen konventionelle Schweinezüchter denn machen, um ein Biozertifikat zu bekommen?
Zum einen müssen die Tiere mehr Platz im Stall und auch Auslauf bekommen – bei einem Mastschwein von 100 Kilo sind das beispielsweise  mindestens ein Quadratmeter Außenfläche und 1,3 Quadratmeter Stallfläche pro Tier. Die Tiere müssen auf Stroh wühlen können statt auf Vollspaltenboden stehen . Es geht darum, dass es den Tieren gut geht. Wir messen natürlich die Ställe aus – Lasermeßgerät. Wesentlicher ist jedoch der Blick auf das Tier selbst.

Aber Platz ist ja nicht das einzige Kriterium, oder?
Nein, natürlich nicht. Die Fütterung ist ein weiteres. Die Tiere müssen biologisch angebautes Futter erhalten, maximal fünf Prozent bestimmter Eiweißfuttermittel dürfen aus herkömmlichen Anbau stammen. Soja aus Übersee und ohne Bionachweis darf beispielsweise nicht in den Trog gelangen.

Wie sieht es mit den berüchtigten Antibiotika aus?
Biobetriebe müssen ein Gesundheitsmanagement aufstellen. Sie dürfen beispielsweise Medikamente nicht vorbeugend einsetzen. Hormone sind verboten, ebenso das Verstümmeln der Tiere durch das Kupieren von Ringelschwänzen.

Das klingt ziemlich aufwändig.
Am besten für die Bauern ist es, die Umstellung mit einer professionellen Beratung anzugehen. Die Bio-Verbände bieten so etwas zum Beispiel an. Vor allem für Großbetriebe ist es oft schwer, weil der Platzbedarf für Biohaltung groß ist. Kleine und mittlere Unternehmen können das oft besser.  

Warum sollten Bauern diesen  Aufwand betreiben?
Das ist ganz einfach: Die Nachfrage nach Bioprodukten wächst kontinuierlich. Hinzu kommt: die Umstellung auf Öko-Landbau wird staatlich gefördert. Die Förderung ist an die Zertifizierung gebunden. Kein Zertifikat – kein Geld vom Staat.

Wie viele Betriebe kontrollieren Sie pro Jahr?
Wir arbeiten bundesweit und betreuen rund 3000 Betriebe und Unternehmen – natürlich nicht nur Schweinehalter sondern alles, was Bio ist. Risikobetriebe werden zwei bis dreimal pro Jahr kontrolliert, mindestens einmal davon ohne Anmeldung.

Und wie oft werden Verstöße gegen die Auflagen verzeichnet?
Das sind nur wenige – vielleicht fünf bis zehn Vermarktungsverbote pro Jahr.  

Ein wichtiger Punkt ist, dass wie Sie sagen, eine „wundersame Bioermehrung“ vermieden wird. Wie geht das denn?
Bei den Prüfungen wird immer eine Mengenbilanz gerechnet, also bei einem Bioschweine-Erzeuger, wie viele Schweine aufgezogen wurden und wie viele dann tatsächlich verkauft wurden. Darüber hinaus werden bei zehn Prozent der Betriebe Cross Checks durchgeführt – ein sehr effektives Kontrollinstrument.

Ab welcher Betriebsgröße ist es denn rentabel, auf biologische Schweinehaltung umzustellen?
Rentabel kann alles ab einem Schwein sein. Man kann auch 1000 unrentabel halten – das kommt immer auf die restlichen Randbedingungen an. Unsere Betriebe mit Schweinemast produzieren im Mittel etwa 160 Mastschweine pro Jahr.

 

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