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"Wie sollen wir das machen?"

Schulleiter warnen vor Unterrichtsausfall "Wie sollen wir das machen?"

Nach Plänen des Landes Niedersachsen sollen Gymnasiallehrer bald an Grundschulen aushelfen, um dem dortigen Lehrermangel entgegenzuwirken. Droht auch in Göttingen Pädagogen die Versetzung? Die Schulleiter der Göttinger Gymnasien kritisieren die Pläne des Kultusministeriums scharf.

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Quelle: dpa (Symbolbild)

Göttingen. Gegenwärtig stehe allerdings noch nicht fest, ob auch Gymnasiallehrer in der Universitätsstadt für eine befristete Zeit an Grundschulen unterrichten müssen, teilt Bianca Schöneich, Sprecherin der Niedersächsischen Landesschulbehörde, mit. Zunächst müsse ermittelt werden, wie hoch der tatsächliche Bedarf in Göttingen und Umgebung sei, erklärt Schöneich. Lehrer könnten gegebenenfalls auch in Grundschulen geschickt werden, die sich "in zumutbarer Nähe" befinden, so die Sprecherin.
Für unzumutbar hält Wolfgang Schimpf, Leiter des Göttinger Max-Planck-Gymnasiums (MPG) und Vorsitzender der niedersächsischen Direktorenvereinigung, die Abordnungen. "Die Aufgaben von Grundschullehrern liegen völlig außerhalb unseres Zuständigkeitsbereichs", kritisiert er. Aus diesem Grund habe die Direktorenvereinigung ein juristisches Gutachten beim Göttinger Institut für Allgemeine Staatslehre und Politische Wissenschaften in Auftrag gegeben. Nach Aufassung des Juristen Alexander Thiele bestehen "berechtigte Zweifel, ob eine Abordnung von Gymnasiallehrern an Grundschulen als zumutbar angesehen werden kann."
Der Idee, dass Gymnasiallehrer ohne weiteres die Arbeit von Grundschullehrern übernehmen könnten, läge die "falsche Vorstellung" von der vertikalen Gliederung des Schulsystems zugrunde, meint Schimpf. Die Arbeit an der Grundschule sei für einen Gymnasiallehrer fachlich vielleicht einfach. Didaktisch stelle sie aber einen Neuanfang dar.
Allerdings geht Schimpf nicht davon aus, dass die Göttinger Gymnasien von der Maßnahme betroffen sein werden. Falls es doch so weit kommt, werde das die betroffenen Schulen sicherlich vor Probleme stellen, sagt Schimpf. "Der Unterricht beginnt bald. Wie sollen wir das machen?" Die Unterrichtsversorgung am MPG liege zurzeit bei 97 Prozent. Der Ausfall von Lehrkräften würde nicht nur großen Organisationsaufwand, sondern Unterrichtsausfall bedeuten, warnt Schimpf.
Das bestätigen auch andere Schulleiter in Göttingen. Für Georg Bartelt vom Hainberg-Gymnasium (HG) wäre der Ausfall mehrerer Lehrkräfte "katastrophal", sagt er. "In Deutsch fehlen mir 20 Stunden, weil eine Kollegin in den Ferien schwer erkrankt ist. In Kunst kann gerade so der Pflichtunterricht stattfinden." Eine Abordnung seiner Lehrer könne er nicht erlauben, sagt Bartelt. "Dagegen würde ich mich wehren." Auch der Leiter des HG kritisiert, dass Gymnasiallehrer nicht geeignet seien, um Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen. "Das ist eine ganz andere Schulform", sagt Bartelt.
Darin stimmen Rita Engels vom Otto-Hahn-Gymnasium und Ulrike Koller vom Theodor-Heuß-Gymnasium mit ihm überein. Gymnasiallehrer seien pädagogisch nicht für den Einsatz in der Grundschule qualifiziert, glauben sie. "Da braucht man ein besonderes Fingerspitzengefühl", sagt Engels. Im Falle von Abordnungen ihrer Lehrer kündigen beide Schulleiterinnen Unterrichtsausfall an.
Michael Brüggemann vom Felix-Klein-Gymnasium (FKG) hält die Maßnahme ebenfalls für keine sinnvolle Lösung, obwohl er, wie die anderen Schulleiter, Verständnis für die "prekäre Situation" in den Grundschulen hat. Das Grundschullehramt müsse attraktiver gestaltet werden, was Bezahlung und Organisation betrifft, mahnt Brüggemann. Für das FKG würde der Wegfall von Kräften vor allem einen "gehörigen Organisationsaufwand" bedeuten. Einig sind sich die Schulleiter zudem in ihrer Kritik an der Kurzfristigkeit, mit der die Maßnahme umgesetzt werden soll. "Die Probleme sind seit Anfang des Jahres bekannt", sagt Schimpf.

Von Maximilian Zech und Gwendolyn Barthe

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