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Leistungseinbußen dem Glauben zuliebe

Ramadan und Sport Leistungseinbußen dem Glauben zuliebe

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag endet der Ramadan mit dem Zuckerfest. Hinter vielen Muslimen liegen vier Wochen des Fastens und Verzichts. Besonders für Sportler ist die Fastenzeit anstrengend und leistungshemmend.

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Freut sich mit seinen Töchtern Nadja und Jasmin auf das leckere Essen beim Zuckerfest: 05-Fußballer Youssef Souleiman.

Quelle: Hinzmann

Northeim. Die Beine sind zittrig, und die Müdigkeit ist übermannend. Es fällt schwer, konzentriert zu bleiben. Gut 30 Prozent der Leistungsfähigkeit gehen verloren. 75 Minuten auf dem Fußballplatz sind im allerbesten Fall drin, und die sechsstündige Auswärtsfahrt muss ohne einen Tropfen Wasser überstanden werden. „Gerade im Hochsommer ist es heftig“, berichtet Youssef Souleiman. Doch beschweren will er sich nicht. Der gläubige Muslim sieht es als seine Pflicht an, während des Ramadans zu fasten. „Ich lebe den Islam, bin aber kein Fanatiker“, sagt Souleiman. Ein Training oder gar Spiel des Fußball-Landesligisten 1. SC Göttingen 05, dessen Kapitän der routinierte 31-Jährige ist, ausfallen zu lassen, kommt für den Northeimer aber trotz des Verzichts auf Essen und Trinken nicht in Frage.

 

Gesunde Ernährung ist entscheidend

 
„Ich faste, seit ich Jugendlicher bin, und kenne das Gefühl mittlerweile. Mein Körper hat sich daran gewöhnt. Natürlich spiele ich auch während des Ramadans weiter Fußball, das ist reine Kopfsache“, sagt Souleiman. Zweifelsohne sei es enorm anstrengend, ohne die tagsüber fehlende Energiezufuhr Leistung zu bringen. „Die ersten vier Tage sind hart, dann geht es wieder, aber nach eineinhalb bis zwei Wochen falle ich meistens in ein Leistungsloch“, so der zweifache Vater. Nach Ramadan-Ende dauere es mindestens zwei Wochen, bis er wieder ganz der Alte sei, erzählt das Kraftpaket, das mit seiner Familie im Alter von einem Jahr aus der libanesischen Hauptstadt Beirut vor dem Bürgerkrieg zunächst nach Bremke floh und schließlich in Northeim landete. Fünf Kilogramm habe er inzwischen abgespeckt. „Beim Training muss ich aufpassen, meinen Einsatz zu dosieren. Im Spiel fließt dagegen so viel Adrenalin, dass ich mich sogar leichter und schneller fühle.“ Auf Unverständnis seiner Trainer sei er bislang nicht gestoßen. „Meine Mannschaftskameraden bei 05 respektieren, dass sich mit Mazlum Dogan, Sinan Öztürk und mir drei gläubige Muslime an die Fastenzeit halten“, betont Souleiman. Wenn sich seine Mitspieler nach Spielen vor seinen Augen den Bauch mit Steaks und Bratwürstchen vollschlagen, ist das für Souleiman kein Problem: „Ich denke mir dann, heute Abend hast du ein viel besseres Essen. Meine Frau kocht umwerfend.“

 
Um den Ramadan als Sportler möglichst ohne gravierende Leistungseinbrüche zu überstehen, sei gesunde Ernährung der wichtigste Faktor. Viel Obst und Gemüse, Suppen sowie mindestens einmal in der Woche Hähnchenfleisch wird bei Familie Souleiman aufgetischt. Um den Beginn des allabendlichen Essens festzulegen, beobachtet der 05er übrigens nicht die Mondsichel. Der Muslim von heute wird per App daran erinnert, wann das Festmahl aus dem Ofen genommen werden darf. „Muslim Pro“ lässt pünktlich ein islamisches Gebet aus dem Smartphone ertönen – dann wird reingehauen. Außerdem trinkt Souleiman in der Nacht gut vier Liter Wasser. „Ich teile mir die Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme gut ein, was wiederum den Nachteil hat, dass ich manchmal bis morgens um 4.30 Uhr wach bleibe“, sagt er.

 

Der Verzicht macht spendabler

 
Schwere gesundheitliche Probleme sind bei Souleiman nie aufgetreten: „Wenn mir aber schlecht werden würde, würde ich das Fasten brechen und zumindest etwas trinken. Den Fastentag kann ich nachholen. Gesundheit ist wichtiger. Außerdem geht es beim Ramadan nicht darum, sich zu quälen.“ Worum es stattdessen geht? „Darum, dass die Familie enger zusammen rückt, der Körper gereinigt wird, und wir fühlen, wie es für arme Leute ist, die sich kein Essen leisten können“, erklärt Souleiman. Auf diese Weise werde man automatisch spendabler. Daher ist es ihm wichtig, dass seine sechs und vier Jahre alten Töchter Nadja und Jasmin das Fasten ihrer Eltern miterleben. „Sie selbst fasten noch nicht und müssen das auch später nicht, wenn sie nicht wollen. Als ich sie neulich aus dem Kindergarten abgeholt habe, haben sie mir aber gesagt, dass sie es auch mal probieren wollen. Eine Stunde lang hat es geklappt“, sagt Souleiman und lacht. Er selbst hat mit ungefähr zehn Jahren erstmals über mehrere Stunden nichts gegessen und getrunken, später ein paar Tage lang gefastet.

 
Auf den Ramadan freut sich der Fußballer Jahr für Jahr. „Es ist eine anstrengende, aber besonders schöne Zeit mit der Familie, die mich auch als Sportler stärker macht“, unterstreicht Souleiman. Höhepunkt ist das Zuckerfest zum Ende. „Dann gibt es ein großes Essen, viele Geschenke, und die Kinder lachen. Das ist wie Weihnachten bei euch.“

 

Von Rupert Fabig

 

Der heiße Monat

Der Ramadan ist der 9. Monat des islamischen Mondkalenders. Wörtlich übersetzt heißt Ramadan der heiße Monat, es gibt aber verschiedene Übersetzungen. Es ist der Fastenmonat der Muslime. Im Ramadan gibt es zahlreiche bedeutende Ereignisse. Der Vormonat ist Schaban, der Folgemonat ist Schawwal. Das Fasten wird dem Tag zugerechnet, das Fastenbrechen der Nacht. Die wörtliche Vorgabe im Koran lautet „esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt“.

 
Beginn und Ende des Fastenmonats Ramadan sind im islamischen Überlieferungswesen auf unterschiedliche Art und Weise diskutiert worden. Den Anfang des Ramadans zeigt die Sichtung der neuen Mondsichel am Ende des letzten Tages/in der letzten Nacht des Vormonats Schaban an. Ausschlaggebend für Beginn und Ende des Ramadans ist jeweils die Sichtung der Mondsichel durch einen oder durch mehrere Zeugen. Umstritten bei der Festlegung des Monatsbeginns ist die Rolle der Astronomen  und der Mathematiker, die es in der frühislamischen Gesellschaft noch nicht gab und die später allein durch Berechnungen ohne Sichtung der Mondsichel den Monatsanfang festzulegen bestrebt waren. 2015 endet der Ramadan nach Berechnungen des gregorianischen Kalenders, der nicht von allen Muslimen anerkannt wird, am 16. Juli (einschließlich). Für 2016 wird der Zeitraum 6. Juni bis 5. Juli angegeben, für 2017 der 27. Mai bis 24. Juni. bam

 
Fastende WM-Kicker

Göttingen. Öffentliches Aufsehen erregten vor einem Jahr die Spieler der algerischen Fußball-Nationalmannschaft. Ungeachtet ihrer Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Brasilien nahm ein Großteil der Akteure Rücksicht auf den Ramadan und fastete.

 
Obwohl der Islam im riesigen nordafrikanischen Land Staatsreligion ist und es dort schon vorgekommen ist, dass Fastenbrecher zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden, hätte es den Fußballern freigestanden, sich an den Ramadan zu halten. Der Großteil der Mannschaft verzichtete, den ermüdenden klimatischen Bedingungen in Brasilien zum Trotz, dennoch zwischen Morgengrauen und Sonnenuntergang auf Essen und Trinken. Dabei hatte das Fasten keinen offensichtlichen Einfluss auf die Leistung. Äußerst überraschend gelang Algerien der Einzug ins Achtelfinale, wo es den späteren Weltmeister Deutschland in die Verlängerung zwang und dort nur knapp mit 1:2 unterlag. Im deutschen Team war der Ramadan kein Thema. Die drei Muslime Mesut Özil, Sami Khedira und Shkodran Mustafi fasteten nicht. „Ich kann da leider nicht mitmachen, weil ich arbeite“, begründete Özil seine Entscheidung. fab

 
„Fünf Säulen des Islams“

Interview mit Mustafa Keskin. Er ist Vorstandsmitglied der DiTiB-Gemeinde und verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit.

 
Wie wichtig ist der Ramadan für Muslime?
Das Fasten im Monat Ramadan zählt zu den „fünf Säulen des Islams“ und ist damit eine der Hauptpflichten von Muslimen. Nach dem Koran erhielt der Prophet Muhammad im Ramadan seine ersten Offenbarungen (Sure 2, Vers 185); schon in vorislamischer Zeit war dieser Monat als Fastenzeit bekannt (Sure 2, Vers 183). Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Kalender. Da sich dieser nach dem 28-tägigen Mondzyklus richtet, verschiebt sich der Ramadan jährlich um zehn bis elf Tage nach vorne.

 
Worauf wird beim Fasten verzichtet? Nur auf Essen und Trinken?
Zwischen Morgendämmerung und Sonnenuntergang sind nicht nur Essen und Trinken tabu, sondern auch Sexualität. Das Fasten am Tag geht über eine vollständige Nahrungs- und Flüssigkeitskarenz hinaus und beinhaltet in diesen zehn bis zwanzig Stunden pro Tag auch die Abstinenz von Rauchen und Geschlechtsverkehr. Es gibt keine Vorschriften bezüglich der Enthaltung von bestimmten Speisen während der Zeit zwischen Sonnenuntergang und Morgendämmerung, wobei die im Islam üblichen allgemeinen Speiseverbote ihre Gültigkeit bewahren. Deshalb sind auch während der Fastenzeit Alkohol- und Schweinefleischgenuss nicht gestattet.

 
Gibt es Ausnahmen? Dürfen beispielsweise Sportler Wasser zu sich nehmen?
Ausgenommen von der Verpflichtung zu fasten, sind Kranke, Schwangere, Stillende, körperlich schwer Arbeitende und alte Menschen sowie menstruierende Frauen. Wer jedoch während des Ramadan krank wird, durch Menstruation oder Schwangerschaft nicht fasten kann oder eine lange Reise unternimmt, und dadurch temporär vom Fasten befreit ist, hat die Fastentage später nachzuholen. Sollte man dazu nicht in der Lage sein, kann man statt des Nachholens des Fastens ein Almosen geben, denn „die Speisung eines Bedürftigen gilt auch als Ersatzmöglichkeit für unerledigte rituelle Pflichten“.

 
Gelten diese Ausnahmen nur für Athleten, die bei großen Turnieren wie beispielsweise einer Fußball-Weltmeisterschaft teilnehmen, oder auch für Breitensportler?
Körperlich schwer Arbeitende würde in dem Fall auch für Sportler gelten.

 
Was passiert, wenn ein Sportler aufgrund zu geringer Energiezufuhr auf dem Spielfeld plötzlich umkippt?
Er müsste diesen Fastentag nachholen.

 
Ist das Fasten gebrochen, wenn ihm dann eine Infusion gelegt wird?
Bei einer intravenösen Flüssigkeit oder Vitaminzufuhr ist das Fasten gebrochen, geschieht dies bewusst, stehen als Zusatz 61 Fastentage an, ist es im unbewussten Zustand erfolgt, muss nur der eine Tag nachgeholt werden.

 
Welche Konsequenzen haben nicht-fastende Muslime zu befürchten?
Seitens der Mitbürger keine, denn jeder muss sich vor Allah selbst verantworten. In der früheren Zeit haben selbst Andersgläubige aus Respekt auf Essen und Trinken in der Öffentlichkeit verzichtet.

 
Wird das Fasten und Fasten-Brechen in der westlichen Welt ähnlich rigide gehandhabt wie in streng-muslimischen Ländern?
Das Fasten hat mit westlich oder nicht-westlich nichts zu tun. Der fastende Muslim ist hier der Nenner, folglich achtet der Muslim darauf, Gottes Geboten nachzukommen.

 
Wie viel Prozent der Muslime in Deutschland fasten schätzungsweise?
Prozentual hat es bislang, glaube ich, noch keine Auswertung gegeben, wird es wahrscheinlich auch nicht, jeder Gläubige versucht Gottes Geboten nach bestem Können nachzukommen. Jeder muss sich auch selbst verantworten.
Interview: Rupert Fabig

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