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„Lesen statt arbeiten“ im Jugendknast

Aufarbeitung durch Geschichten „Lesen statt arbeiten“ im Jugendknast

Sie haben eine Drogenkarriere hinter sich, haben geklaut und geprügelt, die Schule abgebrochen. Lesen, zuhören, sich auf etwas konzentrieren – das ist nicht ihre Sache. J

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Fesselt ihre Zuhörer: Jugendbuch-Autorin Annette Weber liest vor jungen Straftätern.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. etzt sitzen sie ganz still, fast eine Stunde lang. Sie lauschen, fragen nach, sind tief drin in der Geschichte. Darüber staunen sogar ihre Betreuer. Erstmals liest eine Buchautorin in der Jugendarrestanstalt Göttingen. Leseforum ist der schmale Flur mit den schweren Zellentüren, im Publikum sitzen 16 junge Straftäter. Manche haben bereits Bücher von Annette Weber gelesen, freiwillig und aus Langeweile. Dabei wirbt diese Aktion vor allem für das Projekt „Lesen! Aus Büchern lernen“. Ein schlichter Titel für ein erfolgreiches Konzept: Jugendliche lesen Bücher, mit denen sie ihre Straftat intensiv aufarbeiten. Im Gegenzug müssen sie die ihnen eigentlich auferlegten Arbeitsstunden in Sozialeinrichtungen nicht leisten.

Seit Anfang 2011 organisieren Jugendgerichtshilfe für Stadt und Landkreis Göttingen, Jugendgericht, die Göttinger Stadtbibliothek und ihr Freundeskreis diese „Alternative zu Arbeitsauflagen“. 70 Jugendliche hätten sie bereits genutzt, „und es gab nur positive Rückmeldungen“, sagt Michael Löhning von der Jugendgerichtshilfe. Die Bücher seien gezielt ausgewählt: nicht zu dick, gut lesbar und vor allem mit Geschichten im Kontext zu den Straftaten. Das Buch „Volle Pulle“ über Komasaufen von Werner Färber gehört ebenso dazu wie die Geschichte „Ich knall’ euch ab“ von Morton Rhue oder „Merkt doch keiner, wenn ich schwänze“ von Gastautorin Weber. Die Jugendlichen müssen dann eine Inhaltangabe schreiben und mit dem Jugendrichter und Betreuern über das Buch diskutieren.

Weber liest aus dem Buch „Verurteilt“ – die Geschichte des jungen Straftäters David, die er mit ihrer Hilfe selbst (auf)geschrieben hat. Seine Sprache, seine Erlebnisse, seine Geschichte und nicht zuletzt der Lese-Stil Webers fesseln alle im Knast-Leseforum. Auch Patrick, obwohl er es schon gelesen hat. „Es war richtig gut, super geschrieben. Ist spannend zu sehen, wie David groß geworden ist.“ Patrick ist 19. Er „sitzt“ nur zehn Tage, ohne Lese-Auflage. Er liest trotzdem, „weil es hier sonst nicht auszuhalten ist“. Und er hat Gefallen daran gefunden, „wie die meisten“, die über das Projekt „Lesen statt Arbeit“ erst einmal ein Buch in die Hand genommen haben, sagt Abteilungsleiterin Christel Wassmann.

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