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Letzter Außenminister der DDR spricht in Göttingen

Markus Meckel Letzter Außenminister der DDR spricht in Göttingen

Die Bundeskanzlerin gehe zu wenig auf die Menschen zu und begründe ihre Politik nicht ausreichend. Das hat Markus Meckel (SPD), 1990 letzter Außenminister der DDR, bei einem Vortrag in Göttingen als einen der Gründe für das gute Abschneiden der AfD bei den Bundestagswahlen genannt.

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In Markus Meckels Vortrag ging es um die Rolle der Kirchen auf dem Weg zur Wiedervereinigung.

Quelle: Swen Pförtner

Göttingen. Inhaltlich, so Meckel bei einer Veranstaltung von Stadt, katholischem Dekanat und katholischem Bildungswerk im Alten Rathaus, sei die Politik der Bundesregierung „nicht schlecht“. Wer aber den Bürgern Zusammenhänge nicht erkläre, mache es den Populisten leichter. Sie könnten dann unwidersprochen den Menschen für komplexe Probleme „schnelle Lösungen“ versprechen.

Der evangelische Pfarrer und Bürgerrechtler erinnerte daran, dass selbst in den letzten Tagen der SED-Herrschaft „nur eine Minderheit von einigen 100000 Menschen“ gegen das System demonstriert habe. Für die übrigen 17 Millionen DDR-Bürger stehe die Wiedervereinigung dagegen vor allem für die Erfahrung, dass ihre Ausbildungsabschlüsse plötzlich nichts mehr wert gewesen seien und ihre Betriebe geschlossen seien worden.

Kaum Rente

„Wer zur Zeit der Wende 20 Jahre alt war, für den öffnete sich die Welt“, sagte Meckel. Für die damals 40-Jährigen sei der Neuanfang dagegen viel schwerer gewesen. Nicht wenige hätten sich von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zur nächsten gehangelt und bekämen nun kaum Rente. Viele ehemalige DDR-Bürger fühlten sich „entwertet“.

In Meckels Vortrag ging es um die Rolle der Kirchen auf dem Weg zur Wiedervereinigung. Die Sowjets hätten nach dem Krieg die Kirchen nicht enteignet, führte der Pfarrer aus. So hätten die Christen in der DDR über Strukturen verfügt, die der Kontrolle des Systems entzogen gewesen seien. Finanzhilfen westdeutscher Kirchen hätten die Autonomie zusätzlich gestärkt.

Doppelstrategie der SED

Die SED habe darauf mit einer Doppelstrategie reagiert, erläuterte Meckel. Auf der einen Seite habe sie mit Erfolg die „Entschristlichung des Landes“ vorangetrieben. Auf der anderen Seite sei sie gegen Christen mit „geheimdienstlichen Mitteln“ vorgegangen, habe zum Beispiel Spitzel eingeschleust.

„In den Räumen evangelischer Kirchen haben sich in den 80er-Jahren 300 bis 400 Gruppen zusammengefunden, um sich mit Themen wie Umweltschutz, Frieden, Frauen- und Menschenrechte zu befassen“, sagte Meckel. Er selbst habe mit anderen während der Wende in kirchlichen Räumen die SPD in der DDR neu gegründet. Einige Gemeinden seien für diese Arbeit offen gewesen. Andere Gemeinden hätten dagegen entschieden, keine Konfrontation mit dem Regime zu suchen, um ihre relativen Freiheiten nicht zu gefährden. „Die katholische Kirche verhielt sich politisch abstinent“, erklärte Meckel. Nur beim Thema Abtreibung habe sie sich öffentlich zu Wort gemeldet. Ansonsten sei ihr Fokus auf die kultische Arbeit und die Seelsorge gerichtet gewesen.

Bei der Veranstaltung am Dienstagabend im Alten Rathaus trug sich Meckel auch in das Goldene Buch der Stadt ein.

Von Michael Caspar

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