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Letzter Zeitzeuge der jüdischen Gemeinde Adelebsen

Awri Gershon Letzter Zeitzeuge der jüdischen Gemeinde Adelebsen

Er hat keine guten Erinnerungen an diesen Ort. Als Kind wurde er in der Schule oft verprügelt, und er musste die Hose runterziehen, weil die anderen Kinder gucken wollten, wie jemand aussieht, der beschnitten ist.

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Er ist vermutlich der einzige noch lebende Zeitzeuge der ehemals großen Jüdischen Gemeinde Adelebsen: der 86-jährige Awri Gershon.

Quelle: CH

Und doch ist Awri Gershon im hohen Alter noch einmal nach Adelebsen zurück, den Ort, der für ihn trotz Schmach und Vertreibung auch ein Stück Heimat geblieben ist, wo er das Grab seiner Mutter besuchen kann.

Gershon ist vermutlich der letzte noch lebende Zeitzeuge der einst großen jüdischen Gemeinde in Adelebsen. Er entging auf verschlungenen Wegen der Vernichtung dieser Gemeinde während der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten und überlebte den Holocaust.

Wenige Tage vor dem gescheiterten Hitlerputsch in München wurde Gershon am 3. November 1923 in Hannover-Kleefeld geboren. Seine Eltern hatten sich noch vor der Geburt getrennt. Gershon kam mit seiner Mutter nach Adelebsen, wo ihr Elternhaus stand. Die alteingesessene jüdische Familie wurde so wenig wie andere vom zunehmenden Antisemitismus verschont. „Wir haben gelernt, das Juden böse Menschen sind“, sagt Adelebsens langjähriger Ortsheimatpfleger Fritz Möhle, der nur wenig älter ist als Gershon und diesen damals mitgequält hat.

Er sei oft mit blau geschlagenen Augen aus der Schule nach Hause gekommen, berichtet Gershon. Den Pausenhof habe er gemieden. Es gab aber auch einzelne Fälle von Zivilcourage: Ein Lehrer habe ihn schon kurz vor Schulschluss nach Hause gehen lassen, weil er auf dem Heimweg oft geschlagen worden sei, erzählt Gershon.

Seine Mutter arbeitete als Handarbeitslehrerin. Sie wurde 1933 entlassen, als die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, und starb 1936 nach einer Operation, als Gershon zwölf Jahre alt war. Er kam in ein jüdisches Kinderheim in Dinslaken. Dort habe er es gut gehabt, erinnert sich Gershon – bis zur Reichspogromnacht 1938, in der in ganz Deutschland Synagogen brannten. Auch das jüdische Gotteshaus in Dinslaken wurde angezündet. Die Kinder und ihre Betreuer wurden aus dem Waisenhaus vertrieben. Die Kinder hätten den Platz vor der ausgebrannten Synagoge saubermachen müssen, seien beschimpft und angespuckt worden, erinnert sich Gershon, der damals 15 Jahre alt war: „Es war nicht leicht.“

Er kommt daraufhin in der jüdischen Gemeinde in Köln unter und gelangt von dort nach Holland. Nach einem Jahr gelingt ihm von dort im Februar 1940 über Belgien und Frankreich noch die Emigration, ehe während des Zweiten Weltkriegs deutsche Truppen in diese Länder einmarschierten.
Gershon gelangte mit dem Schiff nach Israel, das damals noch unter britischer Mandatsherrschaft stand. Dort lernte er erst in einem älteren Kibbuz die Sprache des Landes und lebte dann in dem relativ jungen Kibbuz Mazzuba im Norden des Landes. In Israel habe er schnell Hebräisch lernen müssen, denn die deutsche Sprache habe man dort nicht gern gehört.

Der 86-jährige Gershon besucht vermutlich zum letzten Mal Adelebsen. Regenwände stehen am Himmel und aus den Bergen ringsum quillt der Dampf als wäre es Rauch, als Gershon den Ort besucht. Ein Ziel ist der jüdische Friedhof mit dem Grab der Mutter. Der emeritierte Göttinger Theologie-Professor Berndt Schaller und Eike Dietert, die Verfasser einer Dokumentation über den vor einigen Jahren grundlegend sanierten Friedhof, zeigen Gershon die Gräber seiner Vorfahren. Die Spuren der Familien lassen sich auf dem Friedhof bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.

Die Schicksale einiger Geschwister von Gershons Mutter erzählen das ganze unfassbare Geschehen der jüdischen Geschichte in Deutschland. Ein älterer Bruder wurde 1915 als preußischer Soldat im Ersten Weltkrieg in Frankreich tödlich verwundet: „Den Heldentod starb beim Sturm auf Les Esparges unser lieber Sohn und Bruder“, steht auf dem Gedenkstein auf dem Friedhof. Ein jüngerer Bruder wurde 1941 von den Nationalsozialisten nach Minsk deportiert, wo er vermutlich auch starb. Er hat ebenso wenig mehr einen Grabstein auf dem Friedhof erhalten wie eine ältere Schwester, die 1944 im Vernichtungslager Auschwitz umgebracht wurde.

Gershon ist bei seinem Besuch nicht allein gekommen, drei seiner Enkel begleiten ihn bei der Suche nach seinen Lebensspuren. 65 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ist Ger-
shon, der immer noch ausgezeichnet Deutsch spricht, in Adelebsen ein willkommener Gast. Im Büro von Bürgermeisterin Dinah Stollwerck-Bauer erzählt er bei Kaffee, Tee und Gebäck aus seinem Leben. Neben ihm sitzt Möhle, der auch zu diesem Termin gekommen ist.

In seinem Kibbuz hat Gershon als Mechaniker für landwirtschaftliche Maschinen gearbeitet. Seine beiden Töchter blieben in Israel, sein Sohn ging in die USA. So leben heute drei seiner sieben Enkel in Israel, vier in den USA. Die drei Enkel, die ihn jetzt begleiten, reisen mit ihm noch weiter in die Tschechische Republik, um dort nach den Spuren von Gershons Frau zu suchen. Sie selbst hat die Strapazen einer Reise nach Europa nicht mehr auf sich genommen. Ein Teil ihrer Vorfahren gehörte zur deutschsprachigen jüdischen Bevölkerung bei Brünn.

In Gershons Kibbuz schlug vor einigen Jahren eine aus dem Libanon abgefeuerte Rakete ein. Das sei aber selten, meint Gershon. Normalerweise werde über das grenznahe Kibbuz hinweggefeuert auf größere Ziele wie etwa auf die Küstenstadt Nahariya. Beim Abschied darf sich Gershon in das Goldene Buch des Fleckens Adelebsen eintragen – und bedankt sich für die freundliche Aufnahme.

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