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Liebe, Last und Lust

Die Pille Liebe, Last und Lust

Es war ein gewaltiger Umbruch, der vielfach im Stillen stattfand: Die Markteinführung der Pille in der Bundesrepublik 1961 eröffnete Frauen neue Wege bei der Familienplanung und im Sexualverhalten.

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Unbelebter Kinderspielplatz: Die Geburtenquote in Göttingen hat sich seit 1966 halbiert – auch eine Folge der Pille.

Quelle: Heller

Die Verhütung wurde sicherer und einfacher, und die Verantwortung lag nun bei den Frauen. Zugleich wurde öffentlich darüber debattiert, ob und wie die Pille die Sexualmoral verändert.

Die Befürworter sahen die Pille als ein Mittel zur Befreiung der Frauen, die nun die Verhütung selbst übernehmen und Sexualität ohne den Hintergedanken an eine Schwangerschaft erleben konnten. Kritiker fürchteten Sittenverfall und moralische Entgleisung oder warnten vor gesundheitlichen Nebenwirkungen.

Zunächst wurde die Pille vor allem verheirateten Frauen, die bereits Kinder hatten, verschrieben. Doch die Pille setzte sich schnell durch: Mitte der 70er Jahre nutzte ein Drittel der Frauen im gebärfähigen Alter sie als Verhütungsmittel.

In ihrem Buch „Liebe, Lust und Last“ geht Eva-Maria Silies der These nach, dass die Pille eine generationelle Erfahrung war, mit der sich die Frauen, die als Erste die Pille nutzen konnten, elementar von ihren Müttern unterschieden. Im Gegensatz zur stilisierten und laut inszenierten 68er-Generation sei die Pille eine „stille Generationenerfahrung“ gewesen, „über deren prägenden Charakter nicht öffentlichkeitswirksam debattiert wurde“. Und während die 68er „ganz überwiegend eine männliche, hochgebildete und elitäre Erfahrungsgemeinschaft“ gewesen seien, habe die Pillennutzung wirklich einen großen Teil der Frauen betroffen und zu mehr Selbstbewusstsein verholfen – auch schichtenübergreifend.

Dennoch, so Silies, sei die Pille nicht Auslöser oder Ursache einer „sexuellen Revolution“ gewesen. Junge Paare hätte zwar zunehmend voreheliche Sexualität praktiziert, seien dabei aber meistens eine längere Beziehung eingegangen.

Doch nach dem Erfolg der Pille kam, oft von ehemaligen Pionierinnen der Pillennutzung, die Kritik – unter anderem an den Nebenwirkungen des Verhütungsmittels und der alleinigen Verantwortlichkeit der Frau. Und nach 1980 sorgte ein einziges Wort für eine weitere große Zäsur im Verhütungs- und Sexualverhalten: Aids.
Eva-Maria Silies: Liebe, Lust und Last. Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960-1980. Wallstein-Verlag, 486 Seiten, geb., 39,90 Euro.

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